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Ich war 30 Jahre im Knast - nun weiß ich, draußen ist es noch brutaler als drinnen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SAD YOUNG MAN
dpa
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Shit happens. Das ist einfach so. Und was dann zählt, ist, was man aus seiner Situation macht. Ich habe immer versucht, das Beste daraus zu machen. Dabei habe ich nie verleugnet, was ich war - Anarchist, Bankräuber und Busentführer.

All das war ich, all das habe ich getan. Und trotzdem sitze ich heute in meiner Wohnung in Berlin - mit einem Literaturpreis, einer abgeschlossenen Lehre und jeder Menge Lebenserfahrung.

Was ich im Gefängnis erlebt habe, bewegt mich bis heute. Schließlich hat es eine lange Zeit meines Lebens geprägt. Jetzt bin ich bald Rentner, chronisch krank und lebe in eher armen Verhältnissen.

Dennoch weiß ich, dass es einigen Menschen viel schlechter geht. Menschen, die sich ihr Schicksal nicht selber ausgesucht haben.

Meine Geschichte

Angefangen hat alles, als ich als junger Mann in die linke Terrorszene abgerutscht bin und deshalb im Gefängnis landete. Ich habe nie anderen Menschen Schaden zugefügt, nur Dingen.

Ich war ein Anarchist. Während meiner Zeit in der JVA Tegel in Berlin bin ich dann sogar zwei Mal getürmt. So zog sich meine Haft 16 Jahre lang hin.

Danach war ich zwei Jahre lang auf freiem Fuß, bin jedoch wieder "rückfällig" geworden. Ich habe eine Bank überfallen und einen Linienbus entführt. Ich bin einfach durchgedreht damals. Und wieder hieß es: Gefängnis, wieder: JVA Tegel.

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Dieses Mal jedoch beschloss ich, meine Zeit im Gefängnis anders zu gestalten. Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen sich entscheiden müssen, um im Leben vorwärts zu kommen. Schicksal halte ich für dummes Zeug. Wir sind für unsere Erfolge und Fehler selbst verantwortlich.

Meine Zelle lag in der "Mülltonne". So nannten wir Insassen alle das Haus 3. Man sagte sich, wer dort einmal reingeworfen wird, der kommt nicht mehr raus - die ganz schweren Jungs also, die ganz bösen Verbrecher. Eigentlich wohnten dort die Gesetzesbrecher, die man nur wegsperren wollte, denen man kein neues, besseres Leben in Aussicht stellte.

Ich wollte aber nicht, dass mein Leben schon vorbei ist. Ich hatte mir eine Idee in den Kopf gesetzt: Ich wollte schreiben. Ich gab meinen Wunsch weiter an die Betreuer, die mir sagten, wenn ich nebenbei arbeitete, sei das kein Problem. Und so kam ich in die Polsterei der JVA Tegel.

Wir waren die ältesten Lehrlinge Berlins

Schnell habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit liegt. Es machte mir Spaß und ich hatte immer wieder große Erfolgserlebnisse, besonders, wenn ein Kunde meine Arbeit lobte. Meinem Selbstbewusstsein hat das immer einen großen Schub nach vorne gegeben. Und so dachte ich darüber nach, dort in Lehre zu gehen.

Meinen Freund Gunther habe ich mit der Idee inspiriert und so kam es, dass wir die ältesten Lehrlinge aus ganz Berlin wurden. Ich war zu dem Zeitpunkt 55, Gunther 58.

Unsere Prüfung haben wir auch beide abgeschlossen und so war ich insgesamt sieben Jahre in der Polsterei tätig. Ich glaube nicht, dass ich vorher schon jemals so viel gearbeitet habe.

Geschrieben habe ich nach wie vor und so kam ich nach meiner Lehre zur Zeitung "Lichtblicke". Das ist die erste und einzige unzensierte Gefängniszeitschrift der Welt, geschrieben von uns Insassen.

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In meiner Zeit dort wurde ich Chefredakteur und beteiligte mich stark am Knastgeschehen. Ich wollte etwas verändern - wenn auch nur in meinem engen, kleinen Rahmen.

Wieder in Freiheit merkte ich: Die Welt verroht

Und plötzlich, nach 13 Jahren Zelle, Arbeit, Freude und Herausforderungen war ich wieder ein freier Mann. Ich musste mich an ein paar Dinge erst wieder gewöhnen. Busfahren zum Beispiel.

Bei der Entführung war ich angeschossen worden, seitdem hatte ich keinen Bus mehr betreten. Mir graute es sogar beim bloßen Anschauen der großen Karossen.

Aber ich hatte Glück. Bei all dem wurde ich von einem tollen Bewährungshelfer, einer Therapeutin und der Sbh Berlin unterstützt. Das ist ein Verein, der Straffälligen hilft, wieder ins Leben zu finden. Sie haben mir eine Wohnung und ein neues Leben ermöglicht.

Trotzdem weiß ich immer, was ich getan habe. Ich weiß es und verleugne es auch nicht. Ich habe gelernt, mich zu beherrschen, schwierige Situationen ohne Gewalt zu bewältigen, und mich wieder ins Leben zurückgekämpft. Ich lebe heute von Arbeitslosengeld 1 und das ist nicht viel. Aber mir geht es gut.

Anderen Menschen jedoch nicht so. Ich habe 10.000 Euro bekommen, damit mein Start nach dem Knast einfacherer wird.

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Dieselbe Summe bekommen missbrauchte Heimkinder als Entschädigung bei der Berliner Anlaufstelle für ehemalige Heimkinder. Obwohl sie für ihr Schicksal nicht selber verantwortlich waren - ich schon. Das ist ungerecht.

Ich habe so viel Zeit im Gefängnis verbracht. Wenn ich mir heute die Welt so ansehe, erkenne ich ganz deutlich, wie sie verroht.

Früher gab es böse Menschen und gute Menschen - heute sind alle Mischwesen. Ich finde, wir asozialisieren. Da muss man nur einen Blick auf die Flüchtlingsdebatte in Deutschland werfen. Ich finde es schrecklich, wie manche Menschen über Flüchtlinge reden.

Dabei kann jeder von uns etwas tun, um Schwächeren zu helfen. Ich zum Beispiel hänge Pfandflaschen aus dem Fenster des ersten Stocks, um sie ärmeren Menschen zu überlassen.

Um den Menschen zu helfen, die nicht aufgrund ihrer eigenen Entscheidungen in Not geraten sind.

Das Gespräch wurde von Franziska Kiefl aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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