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Krebs durch Lebensmittel - weshalb Sie dieser Hysterie nicht folgen sollten

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BARBECUE
Gettystock
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Letztes Jahr ging durch alle Medien, dass Fleisch Krebs auslöst. Dem Kaffee wurde dies seit langem angedichtet. Aber der Kaffee wurde soeben freigesprochen. Allerdings nur fĂŒr den Fall, dass er nicht zu heiß getrunken wird.

Muss man jetzt alle HeißgetrĂ€nke meiden, um nicht an Krebs zu erkranken? MĂŒssen wir Vegetarier werden, um lĂ€nger zu leben?

Was wird genau gemessen?

Quelle dieser Meldungen ist die Internationale Agentur fĂŒr Krebsforschung (IARC). Diese ist Teil der Weltgesundheitsorganisation (WHO), bei der 194 Staaten Mitglied sind.

Zeit, festzustellen, was die IARC tatsÀchlich misst.

Die IARC nimmt 5 Einstufungen vor. Diese reichen von bekannt krebserregend bis wahrscheinlich nicht krebserregend. Mit Stand zum 15.06.2016 sind 590 Stoffe klassifiziert worde

Gruppe 1: krebserregend fĂŒr Menschen 118
Gruppe 2A: wahrscheinlich krebserregend 80
Gruppe 2B: möglicherweise krebserregend 289
Gruppe 3: nicht eingestuft 501
Gruppe 4: wahrscheinlich nicht krebserregend 1

Die ĂŒberwiegende Mehrzahl konnte nicht eingestuft werden, wirklich ungefĂ€hrlich ist nur ein Stoff. Muss man sich nun vor allem fĂŒrchten, was man so tĂ€glich zu sich nimmt?

Nein, muss man nicht. In die Gruppe 1 wird nĂ€mlich alles eingestuft, was irgendwann unter irgendwelchen UmstĂ€nden zu Krebs fĂŒhren kann. Deshalb kommen darin Asbest und Plutonium genauso vor wie verarbeitets Fleisch.

Und jetzt wird es interessant. Die IARC beurteilt lediglich, ob ein Krebsrisiko besteht und wie gut dies wissenschaftlich untermauert ist. Keine Aussage wird dazu getroffen, wie hoch dieses Risiko ist. Deshalb stehen Wurst, Asbest und Plutonium alle in Klasse 1. Damit ist aber nichts darĂŒber ausgesagt ab welcher Menge und unter welchen Bedingungen diese Stoffe ein Risiko darstellen.

Wenden wir uns also der Frage zu, was dies im Einzelnen bedeutet.

Fleisch

Als krebserregend nach Gruppe 1 eingestuft hat die IARC verarbeitetes Fleisch. Rotes Fleisch gilt lediglich als wahrscheinlich krebserregend gem. Gruppe 2A.

Die erste Schwierigkeit besteht bereits darin, festzustellen, was alles unter verarbeitetes Fleisch fÀllt.

Als verarbeitetes Fleisch betrachtet die IARC gepökelte, gerĂ€ucherte oder anders haltbar gemachte oder geschmacklich verĂ€nderte Fleischprodukte. Meist geht es um Schweine- oder Rindfleisch. Es kann aber auch GeflĂŒgel sein oder SchlachtabfĂ€lle. Neben Wurst und WĂŒrstchen zĂ€hlen u.a. dazu Corned Beef, Kasseler, Dosenfleisch oder auf Fleisch basierende Saucen.

Als rotes Fleisch gilt das von SĂ€ugetieren stammende Muskelfleisch, also z.B. Schwein, Lamm, Kalb oder Rind, aber kein GeflĂŒgel.

Und nun die Frage aller Fragen: Wieviel darf ich essen ohne Krebs zu bekommen?

Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten.

Die IARC teilt nĂ€mlich auch mit, dass bisher der Mechanismus, wie verarbeitetes oder rotes Fleisch zu Krebs fĂŒhrt, nicht bekannt ist. Es gibt lediglich Studien mit exzessivem Fleischkonsum von mehr als 300 Gramm pro Tag. Diese zeigten dann VerĂ€nderungen im Erbgut von Darmzellen, die zu Krebs fĂŒhren können. Irgendjemand hier, der mehr als 300 Gramm Fleisch pro Tag isst?

Die IARC hat deshalb selbst darauf hingewiesen, dass das Risiko des einzelnen Menschen Krebs durch Fleischessen zu bekommen, gering ist. Es steige mit der Menge des Fleisches.

Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung (DGE) rĂ€t bekanntlich schon lange, den Konsum von rotem Fleisch einzuschrĂ€nken. Pro Woche werden nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch und Fleischerzeugnisse empfohlen.

Die IARC spricht davon, dass der Verzehr von 50 Gramm verarbeitetem Fleisch je Tag das Risiko von Darmkrebs um 18 Prozent erhöhe.

Dies klingt erschreckend, aber nur, wenn man sich nicht mit Statistik beschĂ€ftigt. Denn an Zahlen bedeutet dies z.B. fĂŒr die USA: Dort betrĂ€gt das Risiko an Darmkrebs zu erkranken 4,5 Prozent. 18 Prozent hiervon sind 0,9 Prozent. Sie haben also ein um 0,9 Prozent niedrigeres Risiko an Darmkrebs zu erkranken, wenn Sie weniger als 50 Gramm essen.

Insgesamt bekommen aber nur 40 Prozent der Amerikaner jemals Krebs. Wir reden hier also ĂŒber ein Vierzigstel des Risikos. Wobei die 50 Gramm ohnehin schon ein erheblicher Abschlag zu den oben genannten 300 Gramm sind.

Also, Sie dĂŒrfen weiterhin Wurst und Fleisch essen. Und wenn Sie hochwertige Wurst, die logischerweise teurer ist, kaufen, essen Sie ohnehin nicht so viel davon.

Und ein rohes StĂŒck Fleisch, wie z.B. ein Steak können Sie sich ohne weiteres auf den Grill legen, wenn Sie es nicht zu sehr erhitzen. Aber was bei Erhitzung von Fleisch an Stoffen entsteht wĂ€re ein anderes Thema.

Und noch gar nicht gesprochen haben wir ĂŒber eine Studie, die im Jahre 2009 im Ärzteblatt veröffentlicht wurde. Danach scheinen Vegetarier hĂ€ufiger Darmkrebs zu bekommen als Fleischesser, auch wenn das sonstige Krebsrisiko bei Vegetariern möglicherweise niedriger ist. Neuere Studien behaupten zwar das Gegenteil. Aber dies zeigt vor allem wie wenig gesicherte Erkenntnisse vorliegen.

HeißgetrĂ€nke und Kaffee

Was wurde dem Kaffee in der Vergangenheit nicht alles angedichtet. Angeblich entzog er dem Körper das Wasser, sollte das Koffein sĂŒchtig machen und ĂŒberhaupt sollte er Blasenkrebs verursachen.

FĂŒr letzteres fanden sich keine BestĂ€tigungen. Und auch ansonsten ist man zum Schluss gekommen, dass vier bis fĂŒnf Tassen am Tag unbedenklich sind.

Die IARC hat Kaffee nun die Kategorie 3 eingestuft. Übrigens auch den Matetee.

Jedoch wird davor gewarnt die GetrĂ€nke zu heiß zu trinken, d.h. jenseits von 65 Grad. Dies wĂŒrde dann das Risiko fĂŒr Speiseröhrenkrebs erhöhen. Dies deshalb, weil die Hitze zu Verletzungen in der Speiseröhre fĂŒhren kann, die die Entstehung von Krebs begĂŒnstigten. Deshalb werden sehr heiße GetrĂ€nke in die Kategorie 2A eingestuft.

Herr Lachenmeier, Lebensmittelchemiker und Toxikologe vom Chemischen und VeterinĂ€runtersuchungsamt Karlsruhe: "In England wird der Tee typischerweise mit einer Temperatur um 60 Grad Celsius getrunken. Dort gibt es keine erhöhten Speiseröhrenkrebsraten. In Brasilien dagegen wird Matetee sehr heiß und oft noch durch einen Metallstrohhalm getrunken. Das erhöht wahrscheinlich das Risiko fĂŒr Speiseröhrenkrebs." Herr Lachenmeier war an der RisikoeinschĂ€tzung der IARC beteiligt.

Als wichtigste Risikofaktoren fĂŒr das Plattenepithelkarzinom in der Speiseröhre gelten allerdings Alkohol und Tabak. Die etwas selteneren Adenokarzinome entstĂŒnden hĂ€ufig im Zusammenhang mit chronischem Sodbrennen

Die HeißgetrĂ€nke spielen also eher eine kleine Rolle. Wenn ĂŒberhaupt, denn nur weil eine bestimmte Krebsart in einer Weltgegend erhöht ist, wĂ€hrend dort auch GetrĂ€nke sehr heiß konsumiert werden, heißt noch lange nicht, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen diesen beiden PhĂ€nomenen besteht. Sonst sind wir jetzt schnell dabei, dass heißes Wasser Krebs verursacht.

Aber noch etwas anderes sagt der bereits zitierte Herr Lachenmeier: "Wir haben mehr als tausend Studien ausgewertet. Einige deuteten auch in die Richtung, dass Kaffee zum Beispiel die Leber eher schĂŒtzt". Hierzu Ă€ußert sich die IARC nicht. Sie betont allein die möglichen Gefahren.

Fazit

Die Studien, die uns allein aufgrund statistischer Ergebnisse vor einzelnen Lebensmitteln warnen sind sehr mit Vorsicht zu genießen. Solange die Wissenschaftler sich nicht darĂŒber klar sind, unter welchen Bedingungen diese wirklich schĂ€dlich sind, sollten wir uns den Genuss an vielen Dingen nicht verderben lassen.

Vor allem sagen diese Studien nichts ĂŒber die Höhe des Risikos aus. Sie sagen nur, der Verzehr von z.B. rotem Fleisch kann möglicherweise Krebs auslösen.

Die Einteilung in Gruppen zeigen nicht, wie gefÀhrlich der jeweilige Verzehr ist. Auch die höchste Kategorie zeigt nur, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Krebs und einem mögliche Auslöser gibt.

Der Schluss, dass in der Gruppe 1 lauter gefĂ€hrliche Krebsverursacher sind, wĂ€re deshalb falsch. Auch die IARC sieht dies ja nicht so. Sie sagt ja nicht, man soll kein Fleisch mehr essen. Sie betont vielmehr selbst, dass die Einstufung nichts ĂŒber die Höhe des Risikos aussagt.

FĂŒr die KrebsprĂ€vention ist es aber ein BĂ€rendienst erst alarmistische Meldungen in die Welt zu schicken. Und dann im Kleingedruckten zu erwĂ€hnen, alles halb so wild.

Denn was dann bei den Lesern, die keine Fachleute sind, hÀngen bleibt, ist, dass alles halb so wild ist was die Wissenschaftler uns erzÀhlen, die wollten nur mal eine schnelle Schlagzeile machen.

HĂ€ngen bleibt auch, dass alles irgendwie Krebs verursachen kann.

Damit verbunden ist eine Verharmlosung der wirklich gefĂ€hrlichen Stoffe, die im Auge des Betrachters dann auf einer Stufe mit dem WĂŒrstchen stehen.

Und wenn es irgendwo eine Studie gibt, die eine mögliche Auswirkung ergibt, dann erfolgt die Einstufung in die Gruppe 2B. Und ĂŒbrigens. was ist der Unterschied zwischen wahrscheinlich und möglich bzw. zwischen möglich und nicht ermittelbar?

Es mag ja sein, dass es hierzu interessante wissenschaftliche Definitionen gibt. Aber fĂŒr die Umsetzung in normale Sprache sind die nicht tauglich

Und seltsam ist natĂŒrlich, dass bisher nur ein Stoff in der Gruppe 4, nicht krebserregend, gelandet ist.

Eine wirkliche Hilfe, was man als BĂŒrger nun besser meidet bietet diese Eingruppierung nicht. GefĂŒhlt ist nun plötzlich alles gefĂ€hrlich.

Dies verfĂŒhrt mich dann zu folgender Ironisierung:

Das Leben als solches ist gefÀhrlich, denn es endet immer mit dem Tode. Sollten wir deshalb versuchen das Leben zu vermeiden?

Denn genau dies wĂŒrden wir tun, wenn wir alles meiden, weil es möglicherweise oder mit geringer Wahrscheinlichkeit krank macht. Wir wĂŒrden vergessen, zu leben.

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