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Gewalt gegen Frauen: Kritik an EU-Studie

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Heute bewege ich mich auf vermintem Gelände mit meinen Gedanken über die Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zu Gewalt gegen Frauen, die in den letzten Tagen durch die Medien ging. Meriten kann man damit bekanntlich nur erringen, wenn man die dargestellten Ergebnisse nachbetet und Maßnahmen fordert.

Ich kann mich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Studie mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat und dem Thema Gewalt gegen Frauen einen Bärendienst erweist. Dasselbe gilt auch für die wenigen medialen Ergüsse, die emotional gegen diese Studie wetterten, statt kritische Zweifel anzumerken. Deshalb habe ich diese erst gar nicht zitiert.

Was sagt die Umfrage:

• "Jede dritte befragte Frau (33 Prozent) hat seit ihrem 15. Lebensjahr schon einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren - auf die absolute EU-Bevölkerung der 18 bis 74-Jährigen gerechnet sind das 61,3 Millionen.
• Jede 20. gab an, schon einmal vergewaltigt worden zu sein.
• Die Autoren der Studie schätzen, dass mindestens 83 Millionen Frauen in der EU seit ihrem 15. Geburtstag schon einmal sexuell belästigt worden sind.
• Zwölf Prozent der befragten Frauen haben sogar schon vor ihrem 15. Lebensjahr Formen der sexuellen Belästigung oder des Missbrauches durch einen Erwachsenen erlebt, hochgerechnet sind das etwa 21 Millionen.
• Jede dritte Frau hat schon einmal psychische Misshandlung in der Partnerschaft erlebt.
• 18 Prozent der befragten Frauen waren schon einmal Opfer von Stalking."

Zählen Sie bitte mal bei Ihren Freunden und Bekannten durch. Jede dritte Frau ist Opfer von Gewalt und dann überlegen Sie mal wer da als jede(r) Dritte als Täter bzw. Opfer in Frage kommt. Was haben Sie doch für ein gewalttätiges Umfeld? Und Sie haben davon bisher gar nichts mitbekommen?

Aber es kommt noch schlimmer:

Die höchsten Gewaltraten gibt es in Dänemark (52 Prozent), Finnland (47 Prozent) und Schweden (46 Prozent).

Und dann schauen wir uns mal an, wie körperliche und sexuelle Gewalt in der Umfrage definiert wurde:

Körperliche Gewalt

Wie oft haben Sie es seit Ihrem 15. Lebensjahr erlebt, dass Ihnen jemand eines der folgenden Dinge angetan hat?

• Sie geschubst oder gestoßen?
• Sie mit der flachen Hand geschlagen?
• mit einem harten Gegenstand nach Ihnen geworfen?
• Sie gepackt oder an den Haaren gezogen?
• Sie mit der Faust oder einem harten Gegenstand geschlagen oder Sie getreten?
• Ihnen Verbrennungen zugefügt?
• versucht, Sie zu ersticken oder zu strangulieren?
• Sie mit einem Messer verletzt oder auf Sie eingestochen, oder auf Sie geschossen?
• Ihren Kopf gegen etwas geschlagen?

Sexuelle Gewalt

Wie oft haben Sie es seit Ihrem 15. Lebensjahr erlebt, dass Ihnen jemand eines der folgenden Dinge antut?

• Sie durch Festhalten oder durch Zufügen von Schmerzen zum Geschlechtsverkehr gezwungen
[FALLS NÖTIG, HINZUFÜGEN: Mit Geschlechtsverkehr meinen wir hier erzwungenen Oralverkehr,
erzwungene anale oder vaginale Penetration]
• Unabhängig von der vorherigen Antwort versucht, Sie durch Festhalten oder durch Zufügen von Schmerzen zum Geschlechtsverkehr zu zwingen? [FALLS NÖTIG, HINZUFÜGEN: Mit Geschlechtsverkehr meinen wir hier erzwungenen Oralverkehr, erzwungene anale oder vaginale Penetration]
• Sie unabhängig davon gezwungen, an irgendeiner Form von sexueller Aktivität teilzunehmen, als Sie nicht wollten oder nicht in der Lage waren, dies abzulehnen
• Oder haben Sie sexuellen Handlungen zugestimmt, weil Sie Angst hatten vor dem, was geschehen könnte, wenn Sie sich weigern?

Die Fragen zu körperlicher und sexueller Gewalt wurden separat zu dem derzeiten Partner/derderzeitigen Partnerin, früheren PartnerInnen und anderen Personen gestellt."

Soll ich ernsthaft glauben, dass ca. 50 % aller Frauen in skandinavischen Ländern derartiger Gewalt ausgesetzt waren und sind? Ist hier wirklich allein die oben definierte Gewalt gezählt worden oder was floss noch in diese Zahlen ein? Hat man sexuelle Belästigung vielleicht als Gewalt gewertet?

Oder liegt es an der Qualität der Befragung? Und dabei will ich nicht, wie manch anderer darauf herumhacken, dass es nur Frauen waren, die die Umfrage durchführten. Dies halte ich für durchaus richtig.

Ich frage mich vielmehr, ob ein Fragebogen von 91 Seiten wirklich in den vorgesehenen 45 Minuten abgearbeitet werden kann. Die Fragebögen wurden von den Interviewerinnen entweder per Kugelschreiber auf Papier ausgefüllt oder durch computergestützte persönliche Befragung mithilfe eines Laptops. 30 Sekunden pro Seite, bei wirklich schwierigen Fragen!

Auch überrascht es mich, dass ich den Fragebogen nur in englischer Sprache im Netz gefunden habe, obwohl er in allen Sprachen verfügbar sein muss, da doch ca. 42.000 Frauen in 28 EU-Ländern befragt worden sein sollen.

Ebenso wenig finde ich Infos zu den Interviewerinnen, wie diese ausgewählt wurden, wie diese qualifiziert waren oder wie diese bezahlt wurden.

Was mich jedoch erschüttert ist, wie kritiklos diese Ergebnisse von Medien und politischen Gestaltern akzeptiert werden, wenn dann mit voller Überzeugung gesagt wird, es sei nicht hinnehmbar, dass ein Drittel aller Frauen in Europa Opfer von Gewalt werden und da müsse man doch etwas tun.

Vielleicht gelingt es einen Europaparlamentarier für kritische Nachfragen zu dieser Umfrage zu gewinnen. Die Wahlen stehen ja an.