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Gesund Essen als Religionsersatz oder genussvoll essen?

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HEALTHY LIVING
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Immer mehr Deutsche fürchten sich vor den Lebensmitteln, die sie kaufen.

25 % kaufen bestimmte Lebensmittel nicht, weil sie glauben diese nicht zu vertragen. Die einen fürchten Gluten, die anderen Laktose und immer mehr wünschen sich vegetarische oder vegane Gerichte in Restaurants.

Den meisten dürfte nicht bekannt sein, dass viele vegane oder glutenfreie Lebensmittel zahlreiche Zusatzstoffe enthalten. Glutenfreie Lebensmittel werden mit Zucker, Fett und Bindemitteln genießbar gemacht. Vegane Fleischersatzprodukte enthalten Geschmacksverstärker.

Dass insbesondere Kleinkindern Milch besser nicht vorenthalten wird, weil dies einen Mangel an Vitamin B 12 auslösen kann, dürfte sich inzwischen rumgesprochen haben. Aber es gibt immer noch welche, die dieses Vitamin lieber in Form von Tabletten zu sich nehmen.

Essstörung: Orthorexia nervosa

Psychologen sprechen heute bereits von Orthorexia nervosa. Dies wird als eine Essstörung beschrieben, die darin besteht sich zwanghaft richtig bzw. gesund zu ernähren. Oder was man für richtig oder gesund hält.

Herr Klotter, Ernährungspsychologe an der Hochschule Fulda, meint "über das Essen wird heute die soziale und kulturelle Identität abgeleitet". Vegetarier und Veganer fühlen sich Fleischessern moralisch überlegen. Jene hingegen denken, sie seien wenigstens noch echte Kerle.

Auch manche Ärzte sagen gerne, dass die Maßlosen diejenigen seien, die später krank sind und die Sozialkassen belasten. Gesundheitsstreben, manche sagen Gesundheitswahn, als Beschleuniger für eine Verzichtkultur.

Nicht zuletzt die Versicherungen versuchen immer wieder Vorgaben zu machen. Über Beiträge bei Krankenkassen oder Lebensversicherungen.

Religionsersatz

Für manchen scheint es eine Art Ersatz für die Religion zu sein. Frugales Essen führt vielleicht nicht ins Jenseits, aber doch zu langem Leben. Ob sich dieses Leben noch lohnt wäre eine andere Frage. Andere sprechen von einer "Gesundheitsreligion", die als einziges Ziel ein möglichst langes Leben habe.

"Das Essen nach Regeln, die Einteilung in gute und böse Lebensmittel bringt daher Ordnung ins Leben", erklärt Herr Klotter.

Auffällig ist, dass es vielen nicht nur darum geht, was sie selbst essen, sondern dass nicht wenige einen Drang haben andere zu ihren Essgewohnheiten zu missionieren.

"Es gibt kaum ein Gebiet, das stärker moralisiert wird als das Essen. Wir dürfen mittlerweile alle Formen der Sexualität durchspielen, aber das Essen ist einer immer stärkeren Restriktion unterworfen. Im 19. Jahrhundert durfte man außerhalb des Ehebettes keinen Sex haben, heute darf man eigentlich nichts mehr essen", meint Herr Klotter.

Doch während die Regeln zum sexuellen Verhalten weitgehend verschwunden sind, werden die Regeln für richtiges Essverhalten immer weiter ausgebaut. Zumindest gibt es eine größer werdende Gruppe von Menschen, die versuchen solche Regeln aufzustellen. Verbote und Verzicht sollen ein gutes Gewissen bringen, essen als eine Art Ersatzreligion.

Übersehen wird, dass die Lebensmittel in der Geschichte der Menschheit nie so sicher waren wie heute, zumindest in den Industrieländern. Viele Gifte, wie das Mutterkorn im Brot, sind eliminiert. Der Streit um krebserregende Stoffe im Essen wäre keiner, wenn man etwas nachdenken würde. Aber heute wird ja bereits das Essen selbst, wie Fleisch, von einigen als krebserregend eingestuft.

Genuss

Das Essen sollte weniger als Gefahr betrachtet, sondern es sollte als Genuss empfunden, ggf. auch zelebriert werden.

So soll sich Genuss am Essen positiv auf die Verwertung der Nahrung auswirken. Belege für eine Art therapeutische Wirkung des Genusses scheint es zu geben.

Es ist von daher nachvollziehbar, dass der Verzicht und die Kasteiung beim Essen allenfalls zu vorübergehenden Erfolgen führt. Der Jo-Jo-Effekt bei Diäten ist ja jedem bekannt, er wird oft genug beschrieben. Nach dem ersten Erfolg bleibt nur der Verzicht als Ziel.

Eine vielseitige Ernährung, die genussvoll verspeist statt als Fastfood verschlungen wird, scheint das einzig sinnvolle zu sein. Und damit meine ich auch die neuen angeblich gesundheitsbewussten und sündhaft teuren Fastfood-Läden. Gutes Essen ist nicht zwangsläufig teuer.

Wie sagte schon in der Antike der Grieche Epikur. "Die Mäßigung ist sehr in Ordnung, aber nur dann, wenn man sie maßvoll betreibt."

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