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Atomkraftwerke - Wie gehen Rückbau und Entsorgung?

22/02/2016 12:13 CET | Aktualisiert 22/02/2017 11:12 CET

Von gegenwärtig 145 Atomkraftwerken in Europa werden bis zum Jahre 2025 ein Drittel ihr Laufzeitende erreichen. Weltweit sind derzeit ca. 560 AKW aktiv, die irgendwann ebenfalls rückgebaut und entsorgt werden müssen. 66 AKW sind weltweit in Bau.

Mithin gibt es viel zu tun, auch wenn im Zuge der Energiewende in Deutschland die Erzeugung von Strom mittels der bisherigen Reaktortechnologie keine Zukunft mehr hat. Der Müll muss beseitigt werden. Der letzte deutsche Reaktor soll bekanntlich im Jahre 2022 vom Netz genommen werden.

Deshalb haben sich fünf führende Institute zu einem Cluster "Rückbau kerntechnischer Anlagen vereint. Die Eröffnung fand am 19.02.2016 in Karlsruhe am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) statt.

Es handelt sich um fünf Projektpartner:

  • KIT
  • Duale Hochschule Baden-Württemberg, Karlsruhe (DHBW)
  • Institut für Kern- und Energietechnik (IKE) und die Materialprüfungsanstalt (MPA) Stuttgart der Uni Stuttgart
  • Institute for Reference Materials und Measurements und das Institut für Transurane der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission (JRC-IRMM, JRC-ITU)
  • Paul Scherrer Institut (PSI), Schweiz

Der Vizepräsident für Forschung des KIT, Herr Prof. Oliver Kraft betonte: „Mit dem Abschalten von Kernkraftwerken fängt die Arbeit erst an."

Es wird Zeit an die Zukunft zu denken

Dr. Walter Tromm vom KIT, der Programmsprecher Nukleare Entsorgung, Sicherheit und Strahlenforschung erläuterte, dass „der komplette Rückbau kerntechnischer Anlagen für alle Betreiber und Behörden ein überaus komplexes Problem mit unzähligen Randbedingungen und Variablen darstellt."

Im Rahmen der gesetzlichen Rahmenbedingungen müssten Rückbaustrategien auf wissenschaftlicher Grundlage entwickelt werden. Dazu gehörten neben der Weiterentwicklung der Rückbautechnologien z.B. auch die Dekontamination der verstrahlten Bauteile und der Schutz von Beschäftigten, der Bevölkerung und der Natur vor der Strahlung.

Nicht vernachlässigt werden dürfe dabei die Information und Beteiligung der Bevölkerung. Insbesondere die Auswirkungen auf die Gemeinden an den bisherigen Standorten von AKW sind wichtig.

Zum einen dauere der Rückbau viele Jahre und ohne Endlager sind die Reste nun mal in Zwischenlagern unterzubringen. Somit kann dem Wunsch auf schnelle anderweitige Nutzung der Flächen eher selten entsprochen werden.

In Partnerarbeit zur Lösung

Die Partner des Clusters wollen ihre Aktivitäten in Forschung, Lehre und Ausbildung abstimmen und bündeln, Kooperationen mit Behörden, Industrie und Wissenschaft stärken, Kompetenzerhalt unterstützen, sowie in internationalen Gremien zu Rückbaustandards mitwirken.

Es geht dabei auch um Rückholtechnologien bei Problemen wie z.B. in der Asse. Zwischen 1967 und 1978 wurden in diesem ehemaligen Kali- und Salzbergwerk 46.930 Kubikmeter radioaktive Abfälle in ca. 125.000 Fässern eingelagert. Heute dringt Wasser ein und die Stabilität ist gefährdet.

Nach Rückholung der radioaktiven Fässer ist die Stilllegung geplant. Deshalb wird erforscht, ob und ggf. wie die Fässer zurückgeholt werden können. Eine Studie hierzu ist in Arbeit.

Man muss an Notfallschutzmaßnahmen rechnen, seien es Unfälle oder Terrorismus

Wohin mit dem Müll?

Auch mache man sich Gedanken über die Zwischenlager. Es sei davon auszugehen, dass diese mehr als 40 Jahre bestehen werden bis ein Endlager zur Verfügung steht. Deshalb muss erforscht werden wie sich die mit radioaktivem Abfall gefüllten Behälter verhalten.

Weiter müsse man an Notfallschutzmaßnahmen denken, seien es Unfälle oder Terrorismus. So habe man ein Entscheidungshilfesystem entwickelt, das in Echtzeit zur Verfügung steht.

Im weiteren Verlauf wurde insbesondere deutlich, dass es in diesem Bereich hervorragende Berufschancen geben wird.

So forschen und lehren Wissenschaftler am KIT bereits seit dem Jahre 2008 zum Rückbau kerntechnischer Anlagen. Sie entwickeln u.a. Technologien zur Dekontamination oder zum Trennen massiver Stahlbetonbauteile.

Die bereits genannte Duale Hochschule bietet einen Bachelorstudiengang Sicherheitswesen mit den Studienrichtungen Strahlenschutz, Arbeitssicherheit und Umwelttechnik an.

Wissenschaftler arbeiten bereits an zahlreichen Methoden zum Schutz der Bevölkerung.

Das Institut für Transurane entwickelt und betreibt eine breite Palette wissenschaftlicher Messmethoden und Einrichtungen für den Schutz der Bevölkerung vor den mit der Handhabung und Lagerung hochradioaktiver Materialien verbundenen Gefahren.

Auf einer der aufgelegten Folien fand sich hinter dem Stichwort Nuklearabfall die Zeitangabe >105. Dies bedeutet, dass die Sicherheit für mehr als 100.000 Jahre garantiert sein muss.

Die Materialprüfungsanstalt der Uni Stuttgart forscht am Alterungsmanagement für Zwischenlager, nicht zuletzt für Transport- und Lagerbehälter. Schließlich lässt sich der Zeitraum, in dem Zwischenlager betrieben werden müssen nicht übersehen.

Fazit

Wenigstens die Wissenschaft macht sich Gedanken wie man den verstrahlten Müll entsorgen kann ohne die Bevölkerung zu gefährden. Die Folgen der Atomkraft scheinen uns über einen längeren Zeitraum zu beschäftigen als deren Nutzung.

Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass die bisher genannten Kosten für die Entsorgung nicht der Realität nahekommen werden. Beten ist keine Lösung, Beton drüber schütten ebenfalls nicht, wie Tschernobyl lehrt und auch in Fukushima hat bisher keiner den Stein der Weisen gefunden.

Die immer wieder von interessierter Seite ins Spiel gebrachten neuen Verfahren, die auf wundersame Weise den radioaktiven Müll verschwinden lassen, existieren bisher bestenfalls auf dem Papier.

Deshalb sollte man diese Initiative unterstützen. In meinen Augen ist dies das erste Projekt, dass Aussichten bietet mit dem radioaktiven Abfall so umzugehen, dass die Bevölkerung nicht gefährdet wird.

Wer Haare in der Suppe sucht, sollte sich mal überlegen, dass der Müll nun mal da ist und man eine Lösung dafür finden muss. Den Kopf in den Sand zu stecken ist wenig hilfreich.

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