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Übergriffe auf Obdachlose gehören zum Alltag

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HOMELESS PEOPLE BERLIN
dpa
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Ich weiß nicht mehr, wann genau ich von diesem Vorfall in Berlin gehört habe. Mehrere Männer sollen an Heiligabend einen Obdachlosen in einer Berliner U-Bahnstation angezündet haben. Da war alles noch unklar.

Ich habe versucht, alle Nachrichten sehr genau zu lesen. Mir war nicht klar, ob der Mensch oder seine Habe attackiert wurde. Noch immer sind in diesem Fall eine Menge Dinge nicht klar.

Ich versuche auch nicht schnell zu urteilen. Ich möchte noch ein paar Tage warten: Was wird ermittelt? Welche Anklagen werden erhoben? Zu welchem Strafmaß kommt es?

Attacken auf Obdachlosen sind in der vergangenen Zeit nicht gestiegen. Aber Übergriffe gegen sie sind schon immer Alltag.

Ich verfolge das berufsbedingt. Ich arbeite seit 24 Jahren mit Obdachlosen und leite seit 2009 die Evangelischen Bahnhofsmission Zoologischer Garten in Berlin. Natürlich gehen mir Nachrichten über Angriffe auf obdachlose Menschen nahe.

Wie kommt jemand dazu, einen Obdachlosen anzugreifen?

Das ist eine schwierige Frage.

Ich weiß, dass Übergriffe und Tötungsdelikte gegenüber obdachlosen Menschen sehr oft aus der rechten Szene erfolgen. Ich bin kein Fachmann für Rechtsradikale, ich kann nicht sagen, aus welchem Weltbild heraus sie handeln.

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Ich weiß darüber hinaus jedoch, dass Menschen vielleicht aus ihrer eigenen Jämmerlichkeit einen Sündenbock für ihre Jämmerlichkeit brauchen. Ich weiß, dass Obdachlose in Deutschland in der Vergangenheit, aber auch noch in der Gegenwart, oft eine Sündenbock-Funktion eingenommen haben.

Nur eine Minderheit der Gesellschaft hat Mitgefühl für Obdachlose übrig. Ich bin mit Journalisten befreundet, die sehr ausführliche und empathische Artikel über obdachlose Menschen schreiben. Wenn ich mir die Leserbriefe ansehe, dann gibt es im Regelfall nur wenige positive Zuschriften. Was deutlich überwiegt, egal in welchem Medium, sind sehr diskriminierende Kommentare.

homeless people berlin
Dieter Puhl mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Privat

Drei Vorurteile gegen obdachlose Menschen

Obdachlose Menschen sind aus meiner Sicht drei Vorurteilen ausgesetzt, die sich seit ewigen Zeiten halten.

Das Erste ist: Sie haben doch selber Schuld. Ihre tatsächliche Notlage wird subjektiv interpretiert. "Du hast die Obdachlosigkeit selbst versemmelt, du bist Schuld daran."

Dazu kann ich fachlich nur sagen: 60 bis 70 Prozenten der obdachlosen Menschen sind psychisch erkrankt. Und ihre psychische Erkrankung ist sehr oft die Ursache, warum sie obdachlos sind.

Jemand der paranoid-schizophren ist, zusätzlich an Borderline erkrankt ist, an einer schweren Depression parallel leidet, als Krönung noch Suchtmittel erkrankt ist, und versucht, das ganze selbst zu therapieren - da sprechen Fachärzte von Mehrfach-Beeinträchtigung.

Da mag ich keine subjektive Schuldfrage stellen. Das sind für mich Menschen, Schutzbefohlene, denen wir als Gesellschaft beistehen sollten.

Obdachlose sollen arbeiten

Zweites Vorurteil: Sie sollten doch lieber arbeiten gehen. Diese Menschen, die ich eben beschrieben habe, sind nicht mehr in der Lage, arbeiten zu gehen. Salopp ausgedrückt: Suchtmittel erkrankt mit fünf Promille fallen sie nach einer Minute von der Leiter.

Was sollen sie machen? Ob die Menschen grundsätzlich in der Lage wären, resozialisiert wieder arbeiten zu gehen, ist eine andere Frage. So wie sie momentan leben, bekommen sie es auch gar nicht anders gebacken.

Niemand muss obdachlos sein, heißt es

Drittes Vorurteil: In Deutschland müsste doch niemand obdachlos sein. Dazu kann ich nur sagen: Es ist gar nicht so leicht, ihre Rechtsansprüche gegen die Behörden durchzusetzen. Da wird die Messlatte oft sehr hoch gehängt.

Wenn jemand seit 12 Jahren seine bürgerliche Identität verloren hat, wenn er keinen Personalausweis mehr hat, dann kann er nicht ohne weiteres zum Amt gehen. Die sagen zuerst: "Zeigen Sie uns mal ihren Personalausweis."

Das ist eine so große Hürde, den allein wieder zu kriegen. Da muss ein sogenanntes Personenfeststellungsverfahren einleiten. Das ist schon schwierig. Also ziehen diese Menschen den Kopf an, die nächsten zehn Jahren gehen sie nicht mehr zum Amt.

Wenn jemand aus Rumänien, Polen, Slowenien oder Russland kommt, dann haben die Menschen bei den Behörden gar keine Rechtsansprüche.

Schauen Sie hin!

Ein Standard-Satz von mir ist: Das sind doch keine Marsmännchen. Schauen Sie doch mal hin. Das sind Menschen, die ihre Mittel verloren haben. Das ist ihr Bruder oder ihr Vater, ihr früherer Klassenkamerad oder ehemaliger Arbeitskollege.

Es gibt sehr unterschiedliche Gründe, warum Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft rutschen. Aber sie waren mal unter uns.

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Was ich mir wirklich wünsche: Wenn vor Ihrem Supermarkt seit drei Jahren derselbe obdachlose Mensch sitzt, dann gehen Sie hin zu ihm und stellen sich vor. Grüßen sie ihn. Behandeln Sie ihn nicht einfach wie Luft. Fragen Sie ihn ruhig, wenn Sie ihn unterstützen möchten, welche Hilfe er will.

Sie könnten ihm das Leben retten

Ich kenne Menschen, die entsetzt sind, wenn sie einem Obdachlosen Brötchen geben und er bricht nicht in Freudentaumel aus. Das sage ich: Was soll dieser Mensch mit fünfzig Brötchen am Tag?

Würden Sie einem alkoholkranken Menschen, der sie auf der Straße nach einem Euro fragt, das Geld geben? Wenn man zehn alkoholkranke Menschen in einen Raum sperren und einen kalten Entzug machen lässt, sind nach ein paar Tagen drei von ihnen tot.

Das heißt, wenn Sie einem Obdachlosen Geld für ein Bier geben, könnten Sie sein Leben retten.

Der Kompromiss, den ich immer vorschlage: Geben Sie dem obdachlosen Menschen fünfzig Cent und spenden Sie fünfzig Cent an eine Einrichtung, die daran arbeitet, damit er von seiner Alkoholerkrankung geheilt wird.

Nehmen Sie die Menschen so, wie sie sind - nicht wie Sie sie haben wollen.

Ich kann verstehen, dass Menschen Berührungsängste mit Obdachlosen haben. Die sehen kauzig aus, sind unrasiert, laut oder stark betrunken. Aber ich kann nur sagen: Ich arbeite seit 24 Jahren mit obdachlosen Menschen und habe mich nie bedroht gefühlt.

Obdachlosigkeit heißt, die Menschen haben von Allem Nichts. Diesen Menschen sollten wir als Gesellschaft beistehen.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Leonhard Landes.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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