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Auf dem Schwarzmarkt gibt es kein Reinheitsgebot - Vorurteile und Leitkultur in der Drogenpolitik

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PEOPLE CANNABIS
Paul Bradbury via Getty Images
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Es war ein Lobgesang auf das Wesen unverfĂ€lschten Bieres, auf altes Handwerk und gute Tradition: Vor ein paar Tagen hat Deutschland das fĂŒnfhundertjĂ€hrige Bestehen des Reinheitsgebotes gefeiert.

Zwar kann die ausschließliche Verwendung von Hopfen, Malz, Wasser und Hefe nicht dafĂŒr garantieren, dass ĂŒber diese Zutaten nicht auch Pestizide und DĂŒngemittel ins Bier gelangen, aber der QualitĂ€tssicherung unserer nationalen Lieblingsdroge wird gleich mit mehreren Standards Rechnung getragen.

Das Reinheitsgebot ist nur einer davon, hat aber die lĂ€ngste Geschichte. Eine Geschichte, auf die wir gerne verweisen, die wir gerne ĂŒberzeichnen, und die unserem Land nicht zuletzt auch zukĂŒnftig, ein aus Sicht der Bierproduzent/innen, ausreichend hohes Konsumniveau sichern soll.

Wir betrachten Bier als Teil unserer Kultur, zusammen in einem Dreiklang aus Heimat und Tradition. Selbst die Bundeskanzlerin war zu Gast, als das Reinheitsgebot Geburtstag feierte.

Entscheidend sind die verquere Logik des Verbots, die ideologischen GrĂŒnde und das Ersetzen von rationalen durch kulturell begrĂŒndete Argumentationsmuster.

Und Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner wies stolz darauf hin, dass der Freistaat die bayerische Brautradition nach dem Reinheitsgebot zum immateriellen Kulturgut erklÀrt hat. Eines ist klar: Am Reinheitsgebot hÀngen Emotionen, es hat nahezu eine identitÀtsstiftende Wirkung. Zu Bayern gehört das Bier einfach dazu.

Die einen konsumieren ihre Genussmittel im Licht von Volksfesten, MaibÀumen und im hellen Glanz der Tradition, die anderen in den dunklen Nischen der IllegalitÀt.

WĂ€hrend Bier - ganz im Sinne der Werbung - mit unseren Naturlandschaften und Lebensweisen in Verbindung gebracht wird, gilt der Konsum von Cannabis und anderer illegaler Substanzen vielen eher als Symptom aus dem Ruder gelaufener GroßstĂ€dte, bedrohlicher Subkultur, sozialem Außenseitertums, Selbstaufgabe, Perspektivlosigkeit und ausufernder KriminalitĂ€t.

Dabei ist - laut verschiedener Studien - der Konsum von Cannabis deutlich weniger gefÀhrlich als der Alkoholkonsum. Aber wie erklÀrt sich dieses Auseinanderklaffen von wissenschaftlichem Befund und der Wahrnehmung der politisch Verantwortlichen?

Entscheidend sind die verquere Logik des Verbots, die ideologischen GrĂŒnde hinter dem Verbot und das Ersetzen von rationalen durch kulturell begrĂŒndete Argumentationsmuster.

Die Folgen des Verbots

Die dem Verbot illegaler Substanzen inhĂ€rente Logik ist folgende: Weil Besitz und Verkauf illegal sind, dĂŒrfte es diese Drogen eigentlich gar nicht geben. Mit ihren Problemen allein gelassene Konsument/innen, gefĂ€hrliche Beimischungen und Intransparenz bei Wirkstoffen und Konzentrationen der Substanzen dĂŒrfte es ebenfalls nicht geben.

Anstatt anzuerkennen, welche negativen Folgen die Kriminalisierung auf die Konsument/innen hat, setzt die Politik ihre PrioritÀten weiterhin auf die Durchsetzung nicht wirksamer Verbote. Wer illegale Drogen konsumiert, ist halt letztlich selbst schuld - warum mögen diese Leute denn auch kein Bier?

Im letzten Jahr ist die Zahl der Drogentoten im vierten Jahr in Folge gestiegen, Haupttodesursache waren Überdosierungen von Opiaten. Die Gefahr von Überdosierungen hĂ€ngt eng damit zusammen, dass die Reinheit und die Konzentration illegaler Substanzen auf einem Schwarzmarkt, der per se keine Kontrollen kennt, fĂŒr die Konsument/innen nur sehr schwer einzuschĂ€tzen sind.

Auf dem Schwarzmarkt gibt es kein Reinheitsgebot. FĂŒr die verheerenden Auswirkungen eines fehlenden Verbraucher/innenschutzes fĂŒhlt sich die Politik bei illegalen Substanzen nicht zustĂ€ndig.

Die Tatsache, dass eine Substanz illegal ist, wirkt sich weder auf die Nachfrage, noch auf das Angebot in relevanter Weise aus.

Hier das Licht, dort der Schatten. Aus Angst vor Strafverfolgung nehmen gefĂ€hrdete Personen oft nur im Ă€ußersten Notfall Hilfsangebote an, die allerdings sowieso nur sehr beschrĂ€nkt zur VerfĂŒgung stehen. In Bayern gibt es beispielsweise keinen einzigen Drogenkonsumraum.

Wir sollten endlich akzeptieren, dass die meisten Probleme, die mit dem Konsum illegaler Drogen zusammenhÀngen, Folge des Verbots und fehlenden Schutzes der Konsument/innen sind.

Mittlerweile ist lÀngst bekannt: Die Tatsache, dass eine Substanz illegal ist, wirkt sich weder auf die Nachfrage, noch auf das Angebot in relevanter Weise aus. Trotzdem reagiert die Politik mit der alten, nicht-bewÀhrten Mischung aus Repression, Stigmatisierung und Problemverlagerung.

Das Verbot als Folge ideologisch begrĂŒndeter Drogenpolitik

FĂŒr den Umgang mit sĂ€mtlichen illegalen Substanzen gilt, dass wir die HandlungsspielrĂ€ume, die es trotz eines Verbotes gĂ€be, nicht konsequent im Sinne eines besseren Schutzes der Konsument/innen nutzen. Und gerade bei Cannabis ĂŒberwiegen die Nachteile eines Verbots eindeutig die Nachteile eines legalen Konsums, im Rahmen eines staatlich regulierten Marktes.

Die Argumente sind hinreichend bekannt: Die Wirkungslosigkeit des Verbots, bessere Möglichkeiten fĂŒr Hilfsangebote und PrĂ€vention, Jugendschutz, Verbraucherschutz, die Austrocknung des Schwarzmarktes.

Zwar halten sich nach wie vor bestimmte Mythen, wie der von Cannabis als Einstiegsdroge oder die Thesen, dass eine Legalisierung von Cannabis zwangslĂ€ufig zu einer Verharmlosung der Substanz in der öffentlichen Wahrnehmung oder zu einem Anstieg des Konsums fĂŒhren wĂŒrde.

Aber scheinbar rationale Argumente gegen eine legale und staatlich kontrollierte Freigabe von Cannabis werden in der öffentlichen Diskussion zunehmend entkrÀftet.

Warum also folgt Deutschland nicht endlich den Beispielen anderer Staaten oder US-Bundesstaaten und denkt ĂŒber eine Legalisierung von Cannabis auch als Genussmittel nach?

Die Antwort: In keinem Fall wolle man ein Signal setzen, dass Menschen zum Drogenkonsum ermuntern könnte. Wir erinnern uns an Bundeskanzlerin Angela Merkel, die bei der Feier zum deutschen Reinheitsgebot auf großer BĂŒhne eine launige Rede ĂŒber das VerhĂ€ltnis von Bier und Politik hĂ€lt.

Die Frage, wie das zusammengeht, ist berechtigt. Und eigentlich gibt es nur eine Deutung, die in Frage kommt: Unsere Drogenpolitik ist nicht rational begrĂŒndet, sondern ideologisch.

Pseudo-rationale und kulturell begrĂŒndete Argumentationsmuster in der Drogenpolitik

Je dĂŒnner der argumentative Boden fĂŒr eine weitere Kriminalisierung von Cannabis wird, und je mehr sich die Verantwortlichen fragen lassen mĂŒssen, warum Alkohol und Cannabis so unterschiedlich gehandhabt werden, desto hĂ€ufiger ist zu hören: Bier und Wein seien KulturgĂŒter, in unseren nationalen Traditionen verwurzelt, und der Status quo könne bei politischen Maßnahmen, die immer VerĂ€nderungen bedeuten, nicht außer Acht gelassen werden.

Oder, wie die eine oder der andere vielleicht sagen möchte: Es soll keine anderen Drogen neben Alkohol und Nikotin geben. Vorurteile und Leitkultur gehen oftmals Hand in Hand. Umso wichtiger ist es, unsere Vorurteile zu hinterfragen, die Debatte auf eine rationale Ebene zurĂŒckzuholen, ehrlich mit dem Wesen unserer Argumentation umzugehen.

Dass mit bestimmten Argumenten auch bestimmte Bilder transportiert werden, liegt in der Natur der Sache, also unserer Art zu denken. Wir bilden uns eine Meinung zu bestimmten Drogen und entwickeln ziemlich konkrete Vorstellungen von den jeweiligen Konsument/innen. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, diese Bilder gilt es kritisch zu hinterfragen.

Wie sieht denn zum Beispiel eine Drogenpolitik aus, die von Politiker/innen gemacht wird, die sich nach Lobreden auf das Bier gegenseitig zuprosten, die aber beim Begriff "Kiffer" sofort an Jugendliche aus schwierigen sozialen VerhĂ€ltnissen mit bunt gefĂ€rbten Haaren, oder nicht integrierbare Alt-68er denken mĂŒssen? Um sich diese Politik vorzustellen braucht es vermutlich relativ wenig Phantasie.

Der Konsum von Cannabis ist, genau wie der von Alkohol, in unserer Gesellschaft in allen möglichen Gruppen verbreitet.

Wir sollten endlich die gÀngigen Klischees relativieren und anerkennen, dass der Konsum von Cannabis, genau wie der Konsum von Alkohol auch, in unserer Gesellschaft in allen möglichen Gruppen und in allen möglichen Formen verbreitet ist.

Und sollten uns dann die Frage stellen, warum wir erwachsenen Personen zwar zutrauen, ihren Weinkonsum in einem fĂŒr ihre Gesundheit ertrĂ€glichem Maß zu halten, aber gleichzeitig glauben, dass jemand, der einmal an einem Joint zieht, sofort sĂŒchtig wird, oder zu hĂ€rteren Drogen greift.

Und zum Schluss: Wenn wir eine offene und tolerante Gesellschaft sein wollen, dann gehört - selbst wenn man alle gĂ€ngigen Klischees bedienen möchte - der bayerische Trachtentrommler, der am ersten Mai der Freiwilligen Feuerwehr beim Maibaumaufstellen hilft und danach sein Bier trinkt, genauso dazu, wie die zwei jungen Student/innen in ihrer WG in Berlin-Kreuzberg, vor deren WohnungstĂŒr es öfter mal nach Gras riecht.

Die Frage ist, ob wir eine Gesellschaft sein wollen, die es aushĂ€lt, dass neben der Wiesn, der grĂ¶ĂŸten offenen Drogenszene der Welt, auf der Millionen von BierkrĂŒge ĂŒber den Tisch gehen, auch ein GrĂŒppchen gemĂŒtlich auf dem HĂŒgel hinter der Bavaria sitzt, einen Joint raucht und sich freuen kann, mit dem ganzen GedrĂ€nge da unten nichts zu tun zu haben. Liberalitas Bavariae. Warum denn nicht?

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