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500 Jahre Reinheitsgebot: Die Wahrheit über ein Traditionsversprechen

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BAVARIAN BEER
Michael Dalder / Reuters
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Oder was ein Standard alles kann

Wer weiß schon, was Polyvinylpolypyrrolidon ist? Ein Zungenbrecher in jedem Fall. Vielleicht irgendwas mit Schallplatten, hoffentlich nicht schon wieder irgendwas Neues in Pommes. Klingt nach böser Chemie und in jedem Fall nicht wie irgendetwas, das man gerne in seinem Bier hat. Aber genau da darf es rein - das Kunststoff-Pulver, das unter anderem eingesetzt wird, um unerwünschte Stoffe aus Getränken herauszufiltern.

Jetzt hört beim Bier der Spaß ja bekanntlich auf. Als der Europäische Gerichtshof Ende der 80er Jahre entschied, dass es möglich sein muss, in Deutschland auch Produkte unter der Bezeichnung „Bier" zu verkaufen, die nicht nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut werden, kam es zu einem großen Aufstand gegen die befürchtete Marktschwemme mit „Chemiebier".

Auf Jahrhunderte alte Traditionen wurde verwiesen, den zu bewahrenden Kern des Handwerks: Hopfen, Malz, Wasser und Hefe. Nach Reinheitsgebot. Sonst bitte nichts. Zu den befürchteten Umbrüchen auf dem deutschen Markt für Bier ist es damals allerdings nicht gekommen. Und heute feiert die Branche das fünfhundertjährige Bestehen des Reinheitsgebots.

Die Geschichte eines Versprechens

Beim Bayerischen Landständetag am 23. April 1516 in Ingolstadt wurde die berühmte Ordnung erlassen, dass für das Brauen von Bier nur noch die Zutaten Gerste, Hopfen und Wasser zu verwenden seien. Der Begriff des „Reinheitsgebots" tauchte dann 1918 zum ersten Mal in einem Protokoll des Bayerischen Landtags auf. Nun ist es weder so, dass über diesen gesamten Zeitraum kontinuierlich nur nach Reinheitsgebot gebraut wurde, noch ist es so, dass sich nicht doch immer wieder Stoffe im „reinen" Bier finden lassen, die man dort eigentlich nicht erwarten würde.

Festgeschrieben werden die Zutaten, nicht unbedingt die Inhaltstoffe. Pestizide auf dem Hopfen, Nitrat im Wasser, sogar Arsen oder eben Polyvinylpolypyrrolidon durch die Verarbeitungsprozesse - allein mit dem Reinheitsgebot lässt sich das nicht verhindern. Es kann sich also durchaus lohnen, Bio-Bier zu trinken. Ansonsten sind Produkte, die sich nicht Bier nennen dürfen, weil sie nicht nach dem Reinheitsgebot gebraut wurden, nicht unbedingt ungesünder als eben Bier.

Das Reinheitsgebot ist eine Marke, eine Verkaufsstrategie und ein perfekt geframter Begriff, mit dem eine wohlklingende Geschichte zu einem industriellen Produkt erzählt werden soll. Als aufgeklärter Biertrinker weiß man das. Und kann sich dennoch darüber freuen, dass das Reinheitsgebot existiert und offenbar für viele ein Kriterium bei der Wahl ihres Bieres ist.

Am Reinheitsgebot hängen viele Emotionen.

Mit dem Protest gegen TTIP und der intensiven öffentlichen Debatte auf und zwischen beiden Seiten des Atlantiks werden Normen und Standards, mittlerweile mehr oder weniger synonym verwendet, aktuell wieder intensiv diskutiert. Chlorhühnchen oder Antibiotika-Hühnchen bewegen die Leute. Am Reinheitsgebot hängen viele Emotionen. Standards spielen eine Rolle. Da überrascht es nicht, dass das Reinheitsgebot in seiner langjährigen Geschichte eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Funktionen erfüllt hat. Es ist sozusagen ein Musterbeispiel dafür, was ein Standard so alles kann.

Ochsengalle, Bilsenkraut, Asche, Fichtenspäne - am Anfang der Geschichte des Reinheitsgebots war die Qualität des im Preis gedeckelten Bieres of so schlecht, dass der bayerische Hof sogar zeitweise Bier aus Sachsen importieren musste. Um das einheimische Bier genießbar zu machen, formulierte man eine klare Regel: Gerste, Hopfen, Wasser. Nicht mehr darf ins Bier.

Strafen gab es sowohl für den, der schlechtes Bier braute, als auch für den, der schlecht einschenkte. Qualitätssicherung also. Die wichtigste und zentralste Funktion von Standardsetzung.

Auch wenn diese bei der Verengung auf die Zutaten Gerste, Hopfen und Wasser sicher nicht im Vordergrund stand, eine gewisse Erziehungs- und Lenkungsabsicht könnte sie damals auch gehabt haben. Alkohol war nämlich nicht der einzige berauschende Bestandteil im Bier. Tollkirsche, Bilsenkraut, Muskatnuss und Schlafmohn waren nicht unüblich, aber unerwünscht. Ihre Zugabe wurde durch die erlassene Anordnung verboten, die zudem eine weitere interessante Konsequenz hatte: Weißbier wurde damit illegal.

Die Entscheidung, keinen Weizen in Brauprozessen zuzulassen, hatte vor allem mit der Weizenknappheit und den immer wieder auftretenden Hungersnöten zu tun. Standards also im Dienste der Ressourceneffizienz. In Fällen, in denen der Preis nicht für einen effizienten und vor allem auch sozial verträglichen Ressourceneinsatz sorgt, kann also auch Standardsetzung Mittel zum Zweck werden.

Darüber hinaus profitierte von der Tatsache, dass das Brauen von Weißbier nach dem Reinheitsgebot nicht mehr gestattet war, einer ganz besonders: Der bayerische Staat. Der trat nämlich entweder als Lizenzgeber auf und verkaufte das Recht, mit Weizen Bier brauen und verkaufen zu dürfen, oder übernahm das einfach selbst.

Das Geheimnis hinter dem geliebten Standard

Standardsetzung wird auch nicht selten dazu verwendet, die Angebotsseite zu regulieren, die Anzahl an Anbietern und mögliche Gewinnmargen zu beeinflussen. Das Weißbiermonopol füllte die Staatskassen. Mit gezieltem Eingreifen in Produktstandards lässt sich Marktmacht generieren, ist es möglich, Machtverhältnisse auf einem Markt tiefgreifend zu verändern, Wettbewerber gezielt zu benachteiligen.

Andererseits lassen sich Standards, die wie das Reinheitsgebot einen guten Ruf haben, hervorragend vermarkten und in handfeste Standort- und Wettbewerbsvorteile umsetzen. Nicht nur die Namen der Hersteller kreieren Marken, auch Etikette, Sigel, Auszeichnungen. Verbunden mit einer bestimmten Region und einer emotional ansprechenden Geschichte können solche Marken sogar identitätsstiftend sein.

Was ein Standard so alles kann, sollten wir also nicht unterschätzen. Auch wenn wir mit dem Begriff Reinheitsgebot Bilder von den Alpen, klaren Bergseen und König Ludwigs Neuschwanstein verbinden - an einem Punkt brauchen wir uns sicher keine Illusionen zu machen: Wie und in welcher Form wir das Reinheitsgebot auch noch weitere fünfhundert Jahre beibehalten möchten, werden sicher nicht zuletzt auch ökonomische Erwägungen entscheiden. Heute wollen wir aber erst einmal zum Geburtstag gratulieren.

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