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Warum wir lernen sollten, uns unbeliebt zu machen

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DISKUSSION
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Vielleicht träumen Sie auch schon länger davon, sich durchzusetzen, stärker mitzuspielen und sich zu trauen, den Mund aufzumachen, um Ihre Position zu vertreten.

Instinktiv wissen Sie, dass es vermutlich nicht reichen wird, einfach zu beschließen, es zukünftig zu wagen, auch einmal unbeliebt zu sein. Sie wissen, dass Sie sich intensiv mit sich selbst beschäftigen müssten, um etwas zu ändern.

Und weil das auch mal unangenehm sein könnte, beruhigen Sie sich schnell selbst mit den Gedanken: »Ich muss ja nicht alles können. Ist doch eigentlich auch nicht so schlimm, ich bin ja nicht unglücklich. Dafür bin ich nett und viele mögen mich.«

Durchsetzungsvermögen ist entscheidend für unser Leben

Täuschen Sie sich nicht: Sich durchsetzen zu können und für sich selbst einzustehen, sind keine Sahnehäubchen, die wir unserem Leben aufsetzen, wenn wir dazu Lust haben. Wenn Sie nie etwas sagen und tun, dann sagen und tun immer andere etwas.

Solange keiner von den Netten einen Anspruch darauf erhebt, auch auf dieser Bühne zu stehen, bleiben die anderen dort stehen. Ihren Platz einzunehmen wäre leicht, wenn sich nur mal jemand trauen würde.

Dieses Prinzip gilt flächendeckend: Ob es Ihre privaten Vereine betrifft, Ihren Businesskontext oder Ihren Bekannten-, Familien- und Freundeskreis - es ist immer das Gleiche: Wer nichts sagt, spielt nicht mit.

Und: Wenn etwas falsch läuft und Sie nichts sagen, passiert nicht nichts, sondern der Missstand wird immer schlimmer. Wenn niemand einschreitet, geht die ganze Unternehmung allmählich den Bach runter, oft mit schwerwiegenden Konsequenzen für viele Menschen.

Wer nichts sagt, spielt nicht mit

Ich beginne einmal mit einem Beispiel aus dem ganz normalen Alltag, das diesen Zusammenhang verdeutlicht: Cornelia, eine Kundin von mir, war Vorstand in einem Reitverein. Dieser Verein bot unter anderem Reitkurse für Erwachsene und Kinder an.

Der stellvertretende Vereinsvorstand war geltungssüchtig, narzisstisch, rechthaberisch und nur auf seinen eigenen Vorteil aus - ein typischer Machtmensch. So kam es, wie es kommen musste: Kaum ein Mitglied des Reitvereins hatte noch Lust darauf, ehrenamtlich mitzuarbeiten, da der stellvertretende Vorstand sich vollkommen unmöglich benahm und die Atmosphäre vergiftete.

Mit dem Fokus auf ihre persönlichen Vorteile und Ziele, gepaart mit einer intriganten, schlagfertigen und frechen Ausdrucksweise, nahm diese Person immer mehr Raum auf der Showbühne des Vereins ein.

Meine Kundin Cornelia war fix und fertig. Die Mitglieder, die sie lange und fleißig in der Vereinsarbeit unterstützt hatten, waren irgendwann nicht mehr bereit, sich noch weiter für den Verein zu engagieren. Bei der nächsten Sitzung war der Moment des Handelns gekommen.

Beziehen Sie Position

Cornelia wusste, dass sie das erste Mal Position beziehen und den Bühnenplatz für sich in Anspruch nehmen musste. Sie war bis zu diesem Zeitpunkt eher eine Frau gewesen, die sehr viel dafür tat, dass ihr Umfeld sich vor allem harmonisch gestaltete.

Wenn sie nur daran dachte, dass sie unangenehme Dinge ansprechen sollte, bekam sie einen Kloß im Hals, hektische Flecken im Gesicht und ihre Stimme fing an zu zittern. So tat sie alles dafür, um Situationen, die sie aus der Balance brachten und vor denen sie wirklich Angst hatte, zu vermeiden.

Nachdem wir im Vorfeld dieser Sitzung einige Durchsetzungstrainings absolviert hatten (das geschah im beruflichen Kontext), nahm sie ihren ganzen Mut zusammen.

Durch viele Einzelgespräche erreichte sie, dass die Personen, die im Verein eigentlich schon das Handtuch geworfen hatten, noch einmal zu einer letzten Vereinssitzung kamen. Dann gingen sie gemeinsam in die Schlacht.

Ruhig und sachlich Probleme ansprechen

Cornelia konfrontierte den stellvertretenden Vorstand in dieser Sitzung damit, dass sein Verhalten dem Verein schade. Dabei ging es um Dinge, die ihr erzählt worden waren, und Dinge, die sie selbst mit ihm erlebt hatte. Sie blieb ruhig und sachlich.

Nach einer Stunde war es so weit: Der narzisstische stellvertretende Reitvereinsvorstand trat von seinem Amt zurück. Dabei betonte er ausdrücklich, dass er nichts falsch gemacht habe, dass vielmehr die anderen Vereinsmitglieder dumm und infantil seien.

Er habe für sich erkannt, dass man sich mit solch unfähigen Leuten nicht in seiner Freizeit treffen sollte. Nach offizieller Bekanntgabe seines Rücktritts bekam Cornelia von Seiten der Vereinsmitglieder viel Zustimmung und Dank. Viele, die sich schon zurückgezogen hatten, kamen wieder regelmäßig zum Reittraining und sicherten Cornelia ihre Unterstützung im Verein zu.

Sich bei Einzelnen unbeliebt zu machen, kann positiv sein

Dieses Beispiel zeigt, dass es bei dem Thema »Probleme ansprechen und sich gegebenenfalls mit der Wahrheit bei Einzelnen unbeliebt machen« nicht nur darum geht, etwas für sich selbst zu tun, sondern oft darum, ganze Projekte oder größere Unternehmungen, an denen viele Menschen beteiligt sind, vor dem Scheitern zu bewahren.

Wenn Sie nichts sagen, wird es nicht nur nicht besser, sondern eher immer schlimmer.

Ich hoffe, das Beispiel des vor dem Untergang geretteten Reitvereins hat auch klargemacht, dass es nicht Anliegen dieses Buches ist, rücksichtsloses Verhalten zu trainieren und für seine persönlichen Vorteile und Ziele über Leichen zu gehen.

Rücksichtsloses, egozentrisches Verhalten ist nicht die Alternative zu »Ich sage dann mal lieber nichts«. Zwischen diesen beiden Extremen liegen zahlreiche kommunikative Nuancen und vor allem das sachliche, souveräne Auftreten, mit dem Sie Ihr Leben entscheidend bereichern können.

Warum haben wir so große Angst davor, uns unbeliebt zu machen?

Woran liegt es, dass so viele Menschen - wie Cornelia - sich nicht trauen, das zu sagen, was im entscheidenden Moment angemessen und dem Ziel dienlich wäre? Wovor und vor wem haben sie Angst?

Viele Menschen haben zuerst einmal Angst vor der Reaktion des Menschen oder der Gruppe von Menschen, der sie etwas entgegensetzen müssten. Um sich zu verteidigen, könnte ein Besserwisser Sie bloßstellen und Ihre gesammelten Schwächen vor allen anderen auf den Tisch legen.

Ich kann Sie beruhigen: In der Regel macht sich niemand die Mühe, sich so intensiv mit Ihnen zu beschäftigen, dass er dazu in der Lage wäre. Das Höchste der Gefühle wird sein, dass der Angegriffene in einem Meeting behauptet, er hätte Ihnen eine Mail geschrieben, in der er die Sache bereits zur Sprache gebracht habe.

Oder er wählt ein anderes beliebtes Ablenkungsmanöver und sagt, man hätte im letzten Meeting die wichtigen Punkte bereits besprochen. Sie hatten da ja etwas Besseres zu tun, deshalb waren Sie leider nicht dabei. Und das Protokoll haben Sie wahrscheinlich auch nicht gelesen.

Keine Angst vor Bloßstellung

Allen Anwesenden wird klar sein, dass Ihr Widerpart mit seinen lahmen Ausreden verloren hat. Vor einer Bloßstellung Ihrer persönlichen Schwächen müssen Sie also keine Angst haben.

Aber wie steht es mit Ihrem Wissen? Kennen Sie die Angst, dass jemand merkt, dass Sie nicht alles wissen?

Auch da sind Sie in bester Gesellschaft. Bei der heutigen Informationsflut haben wir überhaupt keine Chance mehr, auf irgendeinem Gebiet alles zu wissen. Die Nachricht, die vor fünf Minuten gepostet wurde, ist nach zehn Minuten schon wieder Schnee von gestern.

Niemand kann alles wissen

Wissenslücken hat jeder, es ist klüger, sie selbstbewusst zuzugeben, als vor ihrer Entdeckung Angst zu haben. Wer seinen Selbstwert also über den Anspruch definiert, auf seinem Gebiet alles zu wissen und zu können, kann nur verlieren. Sie haben heute bessere Chancen, wenn Sie sich selbst und Ihrer Intuition vertrauen.

Wenn Sie Augen und Ohren offen halten, wach sind und es verstehen, Prioritäten zu setzen, werden die wichtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt zu Ihnen gelangen. Die Angst, dass Ihre Wissenslücken vor versammelter Mannschaft aufs Tapet gebracht werden, lässt sich also durch etwas Selbstreflexion gut eindämmen.

Wie aber sieht es mit der Angst aus, nicht gut genug zu sein?

Dafür müsste man natürlich erst klären, für was man eigentlich nicht gut genug ist. Und wenn wir schon dabei sind: Wer beurteilt eigentlich, ob ich gut bin oder nicht? Wer legt fest, was gut ist, was besser ist und was gar nichts taugt? Und wie ist das mit der Tagesform? Sind wir an allen Tagen unseres Lebens gut?

Müssen wir an allen Tagen unseres Lebens gleich gut sein? Was hat es denn wirklich mit dem »gut genug« auf sich? Könnte es sein, dass die Angst, nicht gut genug zu sein, alle anderen Ängste, die uns davon abhalten, uns unbeliebt zu machen, bereits beinhaltet?

Das erste Mal spüren wir die Angst, nicht gut genug zu sein, lange bevor wir überhaupt irgendein Büro betreten. Schon in der Kindheit machen wir wichtige Erfahrungen, die mit allem, was wir dabei fühlen, in unserem Unterbewusstsein abgespeichert werden.

Beobachten Sie einmal kleine Kinder, die sich schreiend auf den Boden werfen, weil sie etwas können möchten, das der große Bruder schon kann. Der ist schon drei Jahre älter, aber das sieht das kleine Kind nicht.

Es sieht und fühlt nur, dass es etwas nicht kann, was man anscheinend können muss. Wer auch immer das festgelegt hat. Oder vielleicht erinnern wir uns noch an einen unserer Kindergeburtstage?

"Nicht gut genug sein": Die Mutter aller Ängste

Wir haben ein LEGO-Auto geschenkt bekommen, möchten es zusammenbauen, aber plötzlich sagt Onkel Heiner: »Andreas, ich glaube, du bist noch zu klein dafür. Lass das mal lieber deinen großen Bruder zusammenbauen, nicht dass du noch etwas kaputt machst. Du kannst ja dann später damit spielen.«

Wer möchte denn bitte zu klein sein, egal wie alt er ist? Was da so gut gemeint von Onkel Heiner in die Runde posaunt wurde, kann im späteren Leben zur Folge haben, dass der mittlerweile erwachsene Andreas immer noch glaubt, er sei zu klein, wofür auch immer.

Und bevor einer merkt, dass er zu klein ist, sagt Andreas lieber nichts. Weder zu seinem Chef, der ihm ja hierarchisch übergeordnet ist, noch zu seiner Partnerin, die ihm mit ihrem ewigen Gemecker auf den Geist geht.

Er sagt einfach nichts, höchstens dann, wenn er sich unter Gleichgesinnten gut genug fühlt.

Am Beispiel von Andreas können Sie erkennen, dass schon kleine Bemerkungen vor Publikum eine ziemlich fatale Wirkung haben und sehr großen Einfluss auf unser Selbstbild und Selbstwertgefühl nehmen. Wir verbringen viel Zeit damit, darüber nachzudenken, wie wir sein müssten, damit uns alle toll finden, damit wir bei allen beliebt sind.

Der große Wunsch, beliebt zu sein

Wie muss ich sein, um auf meinem Gebiet als Experte zu gelten? Wie muss ich sein, um auf Frauen oder Männer attraktiv und sexy zu wirken? Muss ich blonde Haare haben, braune, gesträhnte oder etwa rote? Mögen Frauen nur Männer, die viele Muskeln haben? Muss ich so ein Muskelpaket sein wie Klaus, damit Anja mit mir ausgeht?

Und wenn ja, wie lange muss ich ins Krafttraining gehen, damit ich so aussehe wie Klaus? Oder geht Anja schon mit Tobias, weil sie eigentlich gar nicht auf Kraftpakete steht? Fragen über Fragen, die in Millionen Köpfen jede Sekunde hin und her bewegt werden.

Hinter sämtlichen Fragen steckt die Angst, nicht gut genug zu sein, sie dreht sich quasi um sich selbst, ohne wirklich einen Sinn zu ergeben. Die Angst, bloßgestellt zu werden, die Angst, Fehler zu machen, die Angst, zu dick oder zu dünn zu sein, etc. entstehen alle aus der gleichen Angst - nämlich der, nicht gut genug zu sein.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch:
"Mach dich unbeliebt und glücklich" von Diana Dreeßen, dtv premium, 238 Seiten, ISBN 978-3-423-26050-3, € (D) 14,90; € (A) 15,40; SFr 21,90.
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