Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Devishobha Ramanan Headshot

8 Gründe, warum Kinder weniger Spielzeug brauchen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KIDS BARBIE
Bloomberg via Getty Images
Drucken

Ich hastete die Treppen hinunter und lief zum Auto, um mit meinem Vater ein paar Besorgungen zu erledigen. Im Vorbeifahren sah ich ein Kind, das mit einem kaputten Fahrradsattel spielte. Ein KAPUTTER Fahrradsattel! Etwas an dem Kind ließ mich innehalten. Teils aus Mitleid, teils aus Bewunderung und teils urteilend.

Ich sah meinen Vater an und sagte: „Das Kind sieht so unglaublich glücklich aus!". Die Antwort meines Vaters hat bei mir einen Nerv getroffen. Er sagte: „Ja, Kinder können aus allem ein Spielzeug machen." Er sagte es ohne Mitleid und ohne zu urteilen, aber voller Überzeugung.

Und es stimmte - dieser kleine Junge spielte genauso vertieft und voller Begeisterung mit einem kaputten Fahrradsattel, wie meine Tochter mit einer neuen Barbiepuppe!

Das alles geschah zu einer Zeit, in der ich meiner Tochter ihre Barbie-Besessenheit ein wenig abgewöhnen wollte. Dass ihre Freundinnen regelmäßig mit neuen Spielsachen prahlten, half da wenig.

Versteht mich nicht falsch, ich bin kein Gegner von Spielzeug. Spielzeug ist zu so viel mehr Nutze als einfach nur zum Spielen. Jedes Kind hat ein Spielzeug, dem es ein eigenes Leben einhaucht und das so zu einem Begleiter wird, manchmal auch über die Kindheit hinaus. Jeder Calvin and Hobbes-Fan kann das nachvollziehen.

Ich denke aber auch, dass man Kinder nicht mit Spielzeug überhäufen sollte. Überall werden wir mit Spielzeug bombardiert, das bunter, moderner und stimulierender für die Sinne ist. Spielzeug mit einem größeren Erziehungswert, mehr von diesem, mehr von jenem. Ich plädiere hier für weniger ist mehr.

1. Es fördert die Kreativität der Kinder:

In einem kürzlichen Machtkampf mit meiner Tochter weigerte ich mich, ihr ein neues Puppenhaus zu kaufen. Aber ich traf eine Vereinbarung mit ihr: ich würde ihr alles kaufen, damit sie sich ein eigenes Puppenhaus bauen könne. Und ich würde ihr dabei helfen. Und so baute sie sich mit ihren kleinen Händchen ein eigenes Puppenhaus! Ja, die Tische waren wackelig und die Treppen schief, aber sie war so stolz auf ihr Puppenhaus!

Der Nobelpreisträger Rabindranath Tagore hat als Kind fast all sein Spielzeug selbst gemacht. Falls ihr Beweise möchtet, in diesem Experiment haben zwei deutsche Experten aus dem Gesundheitswesen gelangweilte Kindergartenkinder zu Spieleerfindern gemacht. Das beweist, dass Kinder ihre angeborene Fähigkeit nutzen, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen um sich selbst zu beschäftigen und zu unterhalten - und das auf eine sehr sinnvolle Art und Weise!

2. Eine stärkere Bindung:

Weniger Dinge zu besitzen bringt Kinder dazu, aktiv nach Zusammenhalt zu suchen. Sie suchen die Natur. Laut dieses Artikels verbringen Kinder erschreckend viel Zeit drinnen. Wird diese Zeit eingeschränkt, so wird die natürliche Neugier von Kindern stimuliert und sie neigen dazu, die Natur zu erkunden. Sie klettern auf Bäume, laufen barfuß, tollen umher und entdecken und spüren neue Texturen und Materialien.

3. Kinder haben eine längere Aufmerksamkeitsspanne:

Schon die alte Sanskrit-Weisheit „Ati Sarvatra varjayet" besagt, dass Überfluss schädlich ist. Den Beweis dafür liefert auch das Verhalten von Kindern: Sie wissen den wirklichen Wert der Dinge nicht mehr zu schätzen, wenn sie zu viel davon besitzen. Sie sehen jedes weitere Spielzeug nur noch als eine weitere Ablenkung von dem, was sie bereits haben. Das sollte uns bezüglich unserer Konsum- und Materialismuskultur nachdenklich stimmen. Es ist nicht nur eine immense Geldverschwendung für die Eltern, es verfehlt auch vollkommen den erhofften Sinn und Zweck.

4. Kinder lieben und schätzen ihr Spielzeug mehr:

Wenn Kinder weniger besitzen, dann schätzen sie es umso mehr. Sie lieben es umso mehr. Sie identifizieren sich mehr. Als wir aufhörten, jedes kaputte Spielzeug sofort zu ersetzen, stellten wir nach einer Weile fest, dass unsere Töchter sehr viel pfleglicher mit ihren Sachen umgingen und weniger kaputt ging.

Der Pädagoge Steiner Waldorf betont den positiven Effekt, überflüssiges Spielzeug wegzuräumen und diese mit einfacheren, natürlicheren Spielzeugen zu ersetzen. Das kreative Spielen der Kinder wird auf diese Weise stimuliert.

5. Kinder ESSEN besser:

Ja, wirklich! Sein wir doch mal ehrlich, wie oft habt ihr schon Kinder gesehen, die quengeln, weil sie unbedingt das McDonald's-Menü mit dem Spielzeug wollen; die Schokolade, zu der es ein kleines, buntes Auto gibt oder eine Kekstüte, in der eine Überraschung versteckt ist? Es gibt unzählige Studien, die sich mit Kindern als ein Zielobjekt der Werbung befassen. Klickt hier, wenn ihr mehr über bewussten Konsum bei Kindern erfahren möchtet.

6. Kinder suchen sich andere Freuden:

Z.B. lesen, schreiben und kreatives Schaffen. Laute und bunte Spielzeuge bieten zu viel sensorische Stimulation. Kinder sind schnell gelangweilt, wenn sie sich mit etwas befassen, das wenig externe Stimulation bietet. Dadurch fällt ihnen das Lesen, Schreiben oder auch das ruhige Spielen schwerer.

7. Ordnung zu halten fällt leichter:

Seid ehrlich, ist es wirklich einfach, jeden Tag das ganze Spielzeug einzusammeln und wegzuräumen? Weniger Spielzeug erleichtert das Aufräumen!

8. Kinder lernen die Freude des Gebens:

Bei all dem Gerede von Freude (oder dem Mangel an Freude in der heutigen Welt) gibt es eine Sache, die heraussticht: Anderen eine Freude zu machen, ist gleichzeitig auch die größte Freude. Wenn Kinder weniger glücklichen Menschen etwas abgeben können, dann lernen sie nicht nur, wie schön das Schenken ist, sondern außerdem auch, dass es noch eine Welt außer ihrer eigenen gibt.

Wie sieht also der Plan aus?

1. Schränkt den Platz für das Spielzeug ein:

Wenn wir den Platz für das Spielzeug auf eine einzelne Truhe oder ein einzelnes Regal beschränken, haben wir gleichzeitig auch den Spielzeug-Zuwachs im Auge. Wenn kein Platz mehr ist, ist es Zeit, etwas wegzugeben. Ältere Kinder in diesen Vorgang einzubeziehen, kann auch dazu beitragen, Kindern die Freude des Gebens zu lehren und ihnen etwas über die Welt an sich beizubringen.

2. Schränkt den TV-Konsum ein:

Kinder werden mit Werbung überschüttet, das fördert ihr Quengeln nach immer mehr Spielzeug. Selbst die willensstärksten Eltern können nicht fünfzigmal Nein zu immer derselben Bitte sagen. Wünsche drei- bis fünfmal abzuschlagen ist realistischer und das wird besonders durch weniger fernsehen ermöglicht.

3. Setzt Ziele:

Wenn sich Kinder nach einer langen Wartezeit oder durch eine besondere Leistung etwas verdienen, wird das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert. Ihr könnt einfache Ziele setzen, wie z.B. „bemerke etwas Tolles an deiner Schwester" und das zehnmal. Das fördert gleichzeitig die Bindung unter Geschwistern.

4. Haltet es einfach:

Fragt euch beim Spielzeugkauf nicht, was das Spielzeug eurem Kind bringt, sondern was euer Kind aus dem Spielzeug macht. Die guten alten Bauklötze und natürliche Materialien punkten immer noch mehr, als all das Spielzeug mit „erzieherischem Wert".

5. Stecht hervor und bleibt standhaft:

Es ist leicht, sich dem ganzen Gruppenzwang zu beugen. Wenn ihr aber einmal eure Grundregeln aufgestellt habt, dann haltet sie auch ein. Mit der Zeit werden eure Kinder wissen, wann sie sich ein brandneues Spielzeug verdient haben!

Habt keine Angst, den riesen Stapel an Spielzeug auszusortieren. Eure Kinder werden es wahrscheinlich nicht einmal merken, wenn etwas fehlt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

2016-07-04-1467625862-3737507-HUFFPOST1.png

Die Spielzeugindustrie boomt. Ob Elsa-Puppe, Spiderman-Kostüm oder die neueste Spielkonsole: Viele Kinderzimmer quellen über mit Spielsachen. Und die Kinder wollen immer mehr, denn nach kurzer Zeit ist das Spielzeug bereits langweilig und etwas Neues muss her.

Doch wie viel Spielzeug braucht ein Kind eigentlich? Bedeuten zu viele Spielsachen eine ständige Überforderung oder benötigen Kinder tatsächlich viele unterschiedliche Spielsachen für ihre Entwicklung?

Diskutiert mit. Schreibt uns eine E-Mail an Blog@huffingtonpost.de

Mehr zum Thema Spielzeugahn findet ihr hier.

Wenn du eine Tochter hast, nimm dir drei Minuten Zeit, um dieses Video zu sehen