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Für viele bin ich eine Art Übungsfrau - was ich als Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderungen erlebe

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SEXUALBEGLEITUNG
Deva Bhusha
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Den Beruf von Deva Bhusha üben in Deutschland sehr Wenige aus, in Südbayern ist sie die einzige. Deva ist Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung. In einem Gespräch erzählt sie über ihre Arbeit, den Umgang der Gesellschaft mit Behinderung und Sexualität und eine Politik, die an den Menschen vorbei gemacht wird.

Zu mir kommen Menschen mit jeglicher Form von Einschränkungen. Das sind nicht nur Menschen mit körperlicher Behinderung, auch Menschen mit psychischen Leiden, geistigen Beeinträchtigungen oder, die auf irgendeine Art sexuell eingeschränkt oder unerfahren sind. Menschen aller Geschlechter.

Ungefähr die Hälfte meiner Kunden ist beeinträchtigt. Ich gebe aber zum Beispiel auch Tantramassagen, Bondagemassagen, Seminare und Coaching. Ich achte darauf, dass das Verhältnis ausgewogen ist. Das ist auch eine Kraftsache.

Gebucht wird nicht die Leistung, sondern die Zeit

Ich bin gesetzlich als Prostituierte gemeldet. Aber Geschlechtsverkehr kann bei mir nicht einfach gebucht werden. Gebucht wird die Zeit. Es geht um eine Begegnung auf Augenhöhe und Berührung. Step by step kann alles andere dann geschehen, so wie es für beide stimmt. Jede Begegnung ist völlig anders: Es wird austariert, was geht und was nicht geht, für beide.

Mehr zum Thema: Sex mit Handicap - Prostituierte lernen Umgang mit Behinderten

Bei der Sexualbegleitung lege ich mich zum Beispiel ganz gern erstmal dazu, berühre, kuschle, halte, daraus entsteht vielleicht eine Massage. Oder man darf mich berühren. Alles andere ergibt sich. Man schläft auch ja nicht gleich mit einem Menschen, den man gerade kennengelernt hat. Beim ersten Treffen kommt es nie zu Geschlechtsverkehr. Oft ist er auch nicht im Fokus oder es funktioniert aufgrund von Medikamenten nicht.

Es geht auch darum, zu lernen zu berühren. Denn die meisten Menschen, dir zu mir kommen wollen eine Partnerschaft. Andere wollen einfach nur eine Begleitung und auch nichts mit Therapie zu tun haben, da es in ihrem Alltag durch die Beeinträchtigung so oft um Therapie geht.

Im Vordergrund stehen die Wünsche der Menschen, die zu mir kommen. Aber nicht alle Forderungen werden erfüllt.

Ich bin eine Art Übungsfrau

Meine Arbeit ist Heilarbeit. In meiner Arbeit geht es darum zu lernen, wie man in Kraft kommt.

Es geht auch darum, zu lernen gut zu berühren. Und Feedback zu bekommen. Denn die vielen Menschen, die zu mir kommen, wollen eine Partnerschaft. Da gebe ich Feedback, Berührungs- und Sexualcoachings. Wie flirtet man? Wie spricht man einen Menschen an? Ich bin eine Art Übungsfrau.

Für Menschen mit Behinderung ist es natürlich oft schwieriger, einen Partner zu finden, weil sie für die meisten Menschen äußerlich und auch gesellschaftlich nicht attraktiv sind. Also müssen sie eine ganz besondere Persönlichkeit haben beziehungsweise sich ihrer Qualitäten bewusst werden, dass sie wirklich interessant und anziehend werden.

Das Problem ist, dass die Gesellschaft immer die Einschränkung sieht. Aber wo es Defizite gibt, gibt es auch immer andere Qualitäten.

Mitleid ist nicht sexy

Andere haben zum Beispiel aufgrund von chronischer Krankheit keine Lust oder Kraft mehr für eine Partnerschaft und wollen einfach nur eine sexuelle Begleitung oder Assistenz. Ich mache auch Sexualassistenz. Ich berate behinderte Paare und assistiere ihnen beim Sex.

Im Vordergrund stehen natürlich die Wünsche der Menschen, die zu mir kommen. Aber nicht alle Wünsche können immer erfüllt werden.

Meine Arbeit ist durchaus auch Heilarbeit. Es geht darum, zu lernen, wie man in Selbstbestimmung und Kraft kommt, um überhaupt attraktiv zu sein.

Ich muss die Menschen da oft auch desillusionieren. Mit Mitleid kriegt man einfach keinen Partner und beschweren und jammern ist leider total unsexy.

Mein Partner ist ebenfalls massiv körperlich eingeschränkt und setzt sich selbst aktiv politisch für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein. Auch wir holen uns hin und wieder eine befreundete Tantramasseurin als Sexualassistenz, um es uns leichter zu machen und auch um nicht so festgelegt zu sein in Aktiv und Passiv, wie es bei der Behinderung einseitig ohne Hilfe wäre.

Mein Ziel ist es, dass ich für die Menschen irgendwann nicht mehr notwendig bin. Es ist deshalb oft eine längere Begleitung, damit die Menschen Sicherheit im Umgang mit ihrer Sexualität bekommen.

Behinderung und Sex ist immer noch ein Tabu

Ein Problem ist es, dass viele nichtbehinderte Menschen Behinderung und Sexualität nicht zusammen denken können. Es fehlt an Aufklärung. Ich mache also auch ganz einfach sexuelle Aufklärungsarbeit. Denn manchmal verstehen unerfahrene Menschen mit Einschränkungen ganz einfach nicht, was mit ihnen passiert.

Mehr zum Thema: Sexualität und Behinderung - ein Tabuthema

Selbst wenn sie auf Grund der Behinderung vielleicht den geistigen Horizont von Kindern haben, haben sie doch die Körper von Erwachsenen mit allen üblichen Hormonen. Ich habe schon Fragen gehört wie: "Warum muss ich Frauen immer auf den Po gucken?"

Es gibt oft sehr wenig Aufklärung.

Denn das Thema, dass auch Menschen mit Behinderung sexuelle Bedürfnisse haben, ist noch lange keine Selbstverständlichkeit. Behinderung und Sex ist immer noch ein Tabuthema. Auch in den Einrichtungen.

Sexualität noch immer mit Scham und Angst behaftet

Viele Einrichtungen, vor allem hier in Bayern, sind katholisch. Es gibt kaum nicht kirchliche Pflegeeinrichtungen. In den meisten Einrichtungen ist Sexualbegleitung oder Sexualassistenz schlichtweg nicht erlaubt. Wenige Pflegeleiter sind offen für das Thema. (im Gegensatz oft zu den Pflegern, die das Thema viel direkter wahrnehmen) Sexualität wird einfach ausgeblendet und negiert.

Das geschieht gesamtgesellschaftlich. Zu mir kommen Menschen mit einem sehr hohen Leidensdruck. Auch Menschen, die Missbrauch erfahren haben. Die in einem Kontext sozialisiert wurden, in dem Sexualität vom Elternhaus, der Kirche oder anderen Einrichtungen verteufelt wird. Das Thema ist dann mit großer Angst behaftet. Manche hatten vor lauter Angst noch nie Sex.

Dennoch wird meine Arbeit nicht sonderlich ernst genommen. Dabei ist mein Beruf noch die akzeptierteste Form von Prostitution, habe ich den Eindruck. Ich stoße selten auf offen negative Reaktionen, allgemein sind die Menschen eher neugierig.

Nur von politisch aktiven selbstbestimmten Behinderten selbst kommen schon mal negative Rückmeldungen. Das ist absurd, weil sie Menschen in Selbstbestimmung einschränken wollen, nur weil es für sie selbst nicht in Frage kommt. Die sind dann aber so politisch, dass sie unsexuell werden.

Die neuen Gesetze sind ein Rückwärtsschritt

Sexualität und Behinderung ist eben auch immer ein Politikum.

Die Politik macht die Arbeit momentan nicht einfacher. Sowohl das neue Teilhabegesetz für Menschen mit Behinderung als auch das Prostitutionschutzgesetz verfehlen ihre Ziele auf ganzer Linie. Beide sind kürzlich in Kraft getreten und haben trotz massiver Proteste, Demonstrationen und Gespräche die wirklichen Belange ihrer Probanden einfach nicht beachtet und respektiert.

Mehr zum Thema: Neues Prostitutionsgesetz 2017 - Irrungen und Wirrungen

Es braucht keine Paragraphen, die Teilhabe fordern, aber ohne Teilhabe von Menschen mit Behinderung gemacht wurden. Und es braucht auch keine Paragraphen, die Prostituierte schützen wollen, aber genau das Gegenteil bewirken. Es sind Kontrollgesetze.

Alle Fortschritte, die erzielt wurden, werden damit systematisch negiert, zurückgesetzt und untergraben. Es geht zurück in Kontrolle. Die angebliche Verbesserung, die erzielt werden soll auf dem Papier, ist leider keineswegs Real.

Prostituierte sind keine Opfer

Es geht zurück zu einem Sexualbild von vor 30 Jahren. Kontrolle und Negierung. Diese Negation von Sexualität ist vor allem durch Amerika beeinflusst. Das sieht man auch am Umgang von Facebook zum Beispiel mit Nacktheit, während Hass immer noch verbreitet werden kann.

Das Schutzgesetz für Prostituierte, das ja auch unter dem Deckmantel des Schutzes vor Zwangsprostitution gemacht wurde, ist bei tatsächlicher Zwangsarbeit nicht hilfreich. Gesetze, die Prostituierte schützen sollen, können nur mit Prostituierten zusammen gemacht werden.

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Prostituierte sind nicht alle Opfer! Die allermeisten Prostituierte machen ihren Beruf freiwillig. Das sagt zum Beispiel auch der Verein Menschenhandel e.V. und auch Mimikry, eine Beratungsstelle für Prostituierte in München, die auch in die Einrichtungen gehen, kann in der zwanzigjährigen Arbeit vielleicht von ein bis zwei Zwangsprostituierten berichten.

Die meisten Prostituierte sind Wirtschaftsprostituierte, die ihren Job freiwillig machen.

Kontrolle statt Schutz

Für viele kleinere Studios bedeutet das Gesetz den Ruin, da sie bestimmte Forderungen nicht erfüllen können und sich damit nicht mehr halten können. Auch für Prostituierte, für die die Prostitution ein Nebenjob ist, ist es auch schwieriger geworden. Dadurch, dass man jetzt als Prostituierte sein Gewerbe anmelden muss, kann das für sie zu Schwierigkeiten in ihrem Hauptberuf führen, da die Akzeptanz einfach noch nicht da ist.

Gerade in ländlichen Gebieten ist das ein Problem. Zwar sollen die Daten der Registrierung geheim gehalten werden, aber es gab auch schon Fälle, wo Prostituierte so "entlarvt" wurden und das zu beruflichen oder gesellschaftlichen Problemen geführt hat.

Auch die Definition von Prostitution ist schwierig. Denn zum Beispiel auch Tantramassagen - die ich auch gebe - gelten als Prostitution. Demnach sind auch Tantrastudios von dem Gesetz betroffen. Und ich habe nun wirklich noch niemanden getroffen, der Tantramassagen unter Zwang anbietet. Es gibt keine Unterscheidung der Formen.

Mehr Öffentlichkeit für das Thema

Die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz für Prostitution oder Behinderung und Sexualität ist einfach noch immer nicht sehr weit fortschgeschritten. Ich suche seit längerer Zeit einen barrierefreien neuen Standort für mein Studio. Aber ein solcher Standort ist außerhalb des Sperrbezirks kaum zu finden, da die Vorurteile groß sind und viele Menschen nichts damit zu tun haben wollen. Dabei ist das, was ich tue wichtige Heilarbeit zur Selbstbestimmung.

Aber das Thema erfährt gerade generell mehr Aufmerksamkeit und so vielleicht auch mehr Akzeptanz. Das fängt auch an im Nachdenken über den Sprachgebrauch.

Ich lese oft "an den Rollstuhl gefesselt". Das ist problematisch, denn es bedeutet "Gefängnis". Dabei bedeutet der Rollstuhl Freiheit und Selbstbestimmung. Ich fessle zwar mal jemanden an den Rollstuhl, aber das bedeutet dann etwas ganz anderes.

Der Text wurde von Marie-Theres Rüttiger aufgezeichnet.

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