BLOG

Gerda Grischke saugt Staub, die neuen Deutschen wollen über Zukunft reden

11/02/2016 13:40 CET | Aktualisiert 11/02/2017 11:12 CET
Emrullah Gümüssoy

Die neuen Deutschen, die sich in der Initiative DeutschPlus vor fünf Jahren zusammentaten, um, wie sie sagen, das Deutschland von morgen zu gestalten, haben 2015 einen Salon ins Leben gerufen.

Es geht darum, den Diskurs über die Einwanderungsgesellschaft zu führen, und zwar am besten mit und nicht gegeneinander. „Live Denken - Neue deutsche Perspektiven auf aktuelle Diskurse" heißt die Salonreihe, die DeutschPlus in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater veranstaltet, und die die Bundeszentrale für politische Bildung fördert.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Vor kurzem war es wieder soweit. Freitag Abend, Berlin-Mitte, Ausgehzeit, das Studio Я im Gorki Theater ist ausverkauft. Es geht dort etwas jünger, experimentierfreudiger und vielleicht auch streitlustiger zu als auf der großen Gorki Bühne.

Und so kommt erst einmal Gerda Grischke, das deutsche alter ego der Neuköllner Standup Comedian und Jugendarbeiterin Idil Baydar, die auch noch zu allem schizophrenen Überfluss ein türkischstämmiges Ich, die rotzfreche Jilet Ayse, hat.

Für viele Deutsche ist das mittlerweile normal, sie sind mit verschiedenen kulturellen Prägungen aufgewachsen hybride Identitäten sagen die Soziologen. Andere teilen Deutschland gern auf in Ihr und Wir. Aber wann wird ein Ihr-Deutscher zum Wir-Deutschen? Dafür fehlen Antworten.

Vom Einwanderungsland zu einer Einwanderungsgesellschaft


Und so ging es im dritten Salon darum, wie die Entwicklung Deutschlands bislang ohne ein Einwanderungsgesetz und ohne ein auf Einwanderung bezugnehmendes Grundgesetz vom Einwanderungsland zu einer Einwanderungsgesellschaft gestaltet werden kann. Oder, ob die Teilhabe aller egal, ob eingewandert oder schon lange hier eine Utopie bleibt?

Immerhin steht noch ein Drittel der Bevölkerung dieser Vision skeptisch bis ablehnend gegenüber, und umgekehrt empfinden bis zu zwei Drittel der Migranten, dass sie von den sogenannten autochtonen Deutschen nicht als gleichwertige Bürger akzeptiert werden.

2016-02-11-1455192823-4729880-1.png

Auch Gerda sieht nur Probleme. Sie versteht nicht, dass die janzen jungen Leute hier über ne Einwanderungsjesellschaft reden wollen. Ick dachte Multikulti is jescheitert, raunzt sie, und erklärt den weit über hundert Gästen, dit doch am besten allet so bleim soll wie et is.

Eigentlich meint sie damit wie es mal war, als die janzen Schwarzköppe und Kopftücher noch nicht da waren und suggeriert, dass es mal eine homogene Gesellschaft gab. Da ruft eine genervte Stimme aus dem Publikum, ohne jede Ironie, Gerda Grischke, solle mit ihrem Rassismus aufhören.

Keiner lacht. Es ist mucksmäusschenstill, wie an jedem der Abende der Salonreihe, die sich das Theater ausgesucht hat, um dort die Wirklichkeit zu verhandeln. Erstaunlich war nicht klar, dass die Figur Gerda Grischke provozieren würde? War es zuviel der Wirklichkeit? Oder zu wenig Utopie für eine progressive Zukunftsdiskussion?

Das alte Deutschland ist Backlash, das neue entsteht gerade


Die Generation der Schmidts, die keine Visionen haben sollte, oder die der Kohls, die von Einwanderung nichts wissen wollte, ist Geschichte, und nun, da Merkel Ihr Herz für Flüchtende entdeckt hat, fällt das den Merkelkindern auf die Füße. Und darüber wollen sie jetzt reden. Keine Zeit, keine Lust mehr auf Rassismen oder Diskrimnierungund sei es auch nur aus Spaß im Theater.

Gerda Grischke, die glaubt, dass Unordnung eben vor allem von außen kommt, und weggesaugt werden muss (und kann), ist der Backlash. Der hilft uns aber angesichts der vielen Neuen, die jetzt kommen, und der vielen alten Neuen, mit denen wir aber nie geredet haben, wie wir zusammenleben wollen, gar nicht.

Die alten Neuen haben wir mit immer neuen Zuschreibungen, wer sie sind oder sein dürfen, parternalistisch hingehalten, als ob ein Land, das längst Einwanderungsland ist, sich davor drücken könnte, eine Einwanderungsgesellschaft zu werden. Wieso eigentlich? Das ist ungefähr so, als würde man sich verloben, um dann ein Leben lang nie heiraten zu wollen.

All das bekommt jetzt, wo die neuen Rechten mit Schießbefehlen durch Talkshows rattern dürfen, ein noch größeres Gewicht.

Wo unsere Demokratie- 70 Jahre nach der Befreiung von Ausschwitz und 26 Jahre nach dem Mauerfall- nun Wehrhaftigkeit an den Tag legen muss, würde eine Einwanderungsgesellschaft, die mit sich und ihrer Zukunft halbwegs im Reinen ist, reaktionären Kräften, die in Wahrheit eine Alternative zur Demokratie wollen, weder die Aufmerksamkeit noch die Bedeutung zuteil werden lassen, die ihnen jetzt recht mühelos zufällt.

Im Gegenteil, die radikalen Rechten treiben derzeit mittels Demokratiemissbrauch die Medien, die Parteien, die Straße, die Agenda des Landes vor sich her.

Utopie ja, aber wo stehen wir heute?


Über diesen Sprung aus der heutigen, deutschen Wirklichkeit in eine andere Zukunft diskutierten Dr. Michel Friedman, Dr. Delal Atmaca, Farhad Dilmaghani und Idil Baydar aka Gerda Grischke. Also, wie die Utopie einer deutschen Einwanderungsgesellschaft aussehen kann, und wie wir dahin kommen.

2016-02-11-1455192875-213171-2.png

Idil Baydar, die neben ihrer Berufung zur Standup-Comedian eben auch mit Jugendlichen arbeitet, sagt, dass wir viele mit einem Gefühl der Geringschätzung alleingelassen haben. Und, immer neue Einordnungen, die eigentlich Ausgrenzungen sind, halten die Stigmata am Leben.

Die Folge ist, dass Jugendliche aus eingewanderten Familien sich nicht sebstverständlich als Teil eines neuen deutschen Wir begreifen, sondern wenn überhaupt als Deutsche zweiten Rangeseine verpasste Chance, um die wir uns erst einmal kümmern müssen, bevor wir über Utopien sprechen.

2016-02-11-1455192974-8035981-3.png

Sogar Delal Atmaca, Kind der zweiten Generation, promovierte Wissenschaftlerin, sieht die Frage der Zugehörigkeit selbst bei unbeantwortet. Nicht gesellschaftlich oder beruflich, aber was ihre emotionale Bindung an das Land betrifft.

Womöglich fehlt das letzte Stück deutschen Bekenntnisses zur Einwanderung, damit sich die eingewanderten hier wirklich heimisch fühlen, sagt sie, und meint damit, dass die Wenn und Abers latent ausgrenzen. Wie soll man da über gemeinsame Zukunftsvision reden oder diese gar vereinbaren?

2016-02-11-1455193034-3731128-4.png

Michel Friedman, fordert, dass wir uns das Land als dessen Bürger aneignen müssen. Und zwar durch die Verschränkung des Privaten mit dem Politischen, den eine freie, demokratische Gesellschaftlichen kommt ohne den mündigen und engagierten Bürger nicht aus.

Und da kommen Friedman, Baydar und Atmaca zusammen: der Einzelne soll von da losgehen, wo er gerade steht, auch wenn die Positionen sehr unterschiedlich sein mögen das Recht dazu haben alle.

Dazu müssen wir Allianzen eingehen, nicht nur zwischen sogenannten Minderheiten, sondern gerade auch mit den Mehrheiten, denn eine Ausrichtung unserer Gesellschaft unter dem Einfluss radikalerer, rechter Kräfte, würde uns alle betreffen. Die Verschärfung des Tons in den Medien und die Übergriffe auf den Straßen geben uns einen bitteren Vorgeschmack, auf die Alternative zur pluralistischen Demokratie.

2016-02-11-1455193068-7762954-5.png

Farhad Dilmaghani, Vorsitzender der Initiative DeutschPlus, die auch Veranstalter dieser Salonreihe ist, vertritt deshalb dafür ein, dass sich das individuelle Bestreben nach Vielfalt und Teilhabe endlich politisch manifestieren müsse.

Senn wenn wir anerkennen, dass wir Einwanderungsland sind, dann gibt es auch keinen Weg zurück. Das einizg konsequente ist dann den eingeschlagenen Weg vom Einwanderungsland zur Einwanderungsgesellschaft umumkehrbar machen, indem wir unsere Verfassung um den Aspekt der Vielfalt ergänzen.

Aus dieser grundelegenden Weichenstellung entfaltet sich eine vielfältige Dynamik, die alle gesellschaftlichen Bereiche progressiver und produktiver machen wird dieses Potential unverschenken wir gerade. Immer und immer wieder. Beispiele dafür gibt es jeden Tag.

Die Generation N will über Zukunft reden


ZEIT Online bat kürzlich neun Schriftsteller und Regisseure 20 Jahre voraus, ins Jahr 2036, zu schauen. Schon ein Blick auf die Namen verrät: alles sogenannte Autochtone, fast alle männlich, das Thema Einwanderung kommt darin fast nicht vor. Das ist nicht Zukunft, das ist Verdrängung, das ist mentale Verengung.

Aber wenn sich an einem Freitag Abend weit über hundert junge Menschen Tickets für ein Berliner Theater kaufen, wo über Utopien geredet wird, dann ist eines klar: Wie unsere gesellschaftliche Zukunft aussehen soll, interessiert diese Generation.

Sie sind wie die digital natives mit dem Internet mit Einwandererkindern, der europäischen Integration und der Globalisierung aufgewachsen.

2016-02-11-1455193109-4359430-6.png

Es ist daher auch kein Zufall, dass einige der progressivsten Köpfe, teils mit, teils unmittelbare Einwanderergeschichte, bereits bei Live Denken diskutierten: die Migrationswissenschaftlerin Naika Foroutan, der Akzelerationismus-Philosoph Armen Avanessian, der Spiegel Autor Georg Diez, der Kurator und Autor Felix Ensslin oder die Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja.

Die Idee des Salons, Zeit für ein Mit und nicht Gegeneinander zu haben, kommt bei Rednern und Publikum so gut an, weil sich nur so neue Perspektiven entwickeln lassen. Es wird kein asymmetrisches Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit nachgelebt, sondern dialogisch verhandelt.

Navid Kermani sagt in seinem Buch „Wer ist Wir": Es geht nicht darum, die multikulturelle Gesellschaft zu verabschieden. Es geht darum, sie endlich zu gestalten.

Genau das will die Generation der neuen Deutschen egal, ob sie eine persönliche Einwanderungsgeschichte haben oder nicht. Vielleicht geht sie ja mal als Generation N in die deutsche Geschichte ein.

* * *

Die Initiative DeutschPlus feiert am 6. Februar 2016 ihr 5-jähriges Gründungsjubiläum.

Der nächste, vorerst letzte „Live Denken" Salon findet am 10. März im Gorki Studio Я statt.

„Live Denken - Neue deutsche Perspektiven auf aktuelle Diskurse" ist eine Salonreihe von DeutschPlus Initiative für eine plurale Republik in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater Studio Я, gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

Der Autor diese Texts leitet die Redaktion der Salonreihe „Live Denken".

Fotos: Emrullah Gümüssoy

Auch auf HuffPost:

Comedian Nico Semsrott über Flüchtlinge und die CSU: "Dann gehen wir halt wieder zurück in den Krieg und sterben"

Das ist die Zukunft?: Was WIRKLICH mit den Flüchtlingen passiert, die hier bleiben

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert:

Gesponsert von Knappschaft