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Industrie 4.0 braucht den Menschen

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INDUSTRIE
dpa
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Industrie 4.0 wird in der Öffentlichkeit gerne mit einem drohenden Arbeitsplatzabbau verknüpft. Häufig herrscht Angst, dass die zunehmende Digitalisierung den Faktor Mensch redundant macht und so zu einem Abbau von Arbeitsplätzen führen wird.

Diese Gefahr sehe ich nicht. Im Gegenteil: Die steigende Nachfrage nach kundenindividuell und dennoch automatisiert gefertigten Produkten, die dem Kunden schnell geliefert werden, wird uns erstmals wieder die Chance bieten, Arbeitsplätze in die Industrienationen zurückzuholen.

Statt Off-Shoring nach Südostasien, nun Re-Shoring zurück nach Europa und Nordamerika. Unternehmen wie Holzgespür, mymuesli und die Adidas SpeedFactory machen es vor.

Ich erwarte in Deutschland einen größeren Bedarf an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, aber auf einer höheren Qualifikationsebene als heute. Wir werden uns von einfachen Arbeitsplätzen verabschieden und zu höherwertigen gelangen.

Für den aktuellen Bedarf sind wir gut aufgestellt

Dafür benötigen wir Ingenieure, Informatiker und gut ausgebildete Fachkräfte. Was ausgebildete Facharbeiter angeht, sind wir für den aktuellen Bedarf gut aufgestellt. Wir müssen aber dafür sorgen, dass dies so bleibt.

Der ablaufende Wandel hin zu einer digitalisierten Welt bedeutet, dass unsere Beschäftigten für diese neue Welt qualifiziert werden müssen, um mit den vielen IT-gestützten Produktionsanlagen umzugehen und sie Instand halten zu können. Wenn uns dies gelingt, dann sehe ich keine Gefahr für Arbeitsplätze in Deutschland.

Ferner benötigen wir eine weiterhin gute und enge Zusammenarbeit zwischen Bildungseinrichtungen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und der Politik, also der zuständigen Bildungsministerien auf Landesebene.

Das wird aktuell bereits umgesetzt und Veränderungen der Berufsausbildung fließen langsam aber sicher ein. Ein positives Beispiel für den Wandel ist in der Automobilindustrie zu finden. Vor 10 bis 15 Jahren noch gab es den Beruf des Automobilelektrikers. Langsam wurden diese Fachkräfte weiterqualifiziert und zu Automobilmechatronikern ausgebildet - sie können heute wie selbstverständlich mit Computern und Netzwerken umgehen.

Jegliche Veränderung wird eine Stärkung der IT-Kenntnisse erfordern

Die Bedürfnisse des Marktes sind also erkannt. Dies ist ein ganz normaler Weg, der schon gegangen wird und den wir weiter gehen müssen. Aber ein solcher Wandel dauert, was völlig normal ist. So wie Implementierung von Industrie 4.0 am Ende auch 10 bis 20 Jahre dauern wird und nicht nur zwei.

Jegliche Veränderung wird eine Stärkung der IT-Kenntnisse erfordern. Dies wird neue Berufsfelder entstehen lassen, an die wir heute noch gar nicht denken. Zum Beispiel wird es vielleicht den ausgebildeten "Netz-Angreifer" geben, der für das professionelle Aufdecken von Sicherheitslücken bezahlt wird. Auch Netzüberwachung oder Datenauswertung werden wichtige Bereiche sein, an die wir uns heute noch nicht genug heranwagen.

Dank der IT werden neue Geschäftsmodelle schneller entstehen können, weil es hier vor allem auf Know-how ankommt, nicht aber auf teure Investitionen. Anstelle von vielen Millionen Euro für Maschinenpark oder Produktionshallen benötigen Existenzgründungen im IT-Sektor "lediglich" Rechner und Programmier-Know-how.

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Dadurch können viele Start-ups entstehen. Deutschland als traditionelles Maschinenbauland wird sich also verändern. Der Markt gibt dies letztendlich vor. Vor allem auf dem Weltmarkt müssen wir aufholen und die typisch deutsche Domäne des Ingenieurs-Know-hows verlassen.

Trotzdem wird durch den Fortschritt von Industrie 4.0 und Digitalisierung nicht alles automatisiert werden oder werden können. Wir werden immer noch viele Arbeitsschritte dem Menschen übertragen müssen, weil man sie nicht automatisieren kann - entweder, weil es technisch nicht machbar ist oder es sich einfach nicht rechnet. Industrie 4.0 wird nicht ohne Menschen funktionieren und dazu müssen wir die Menschen befähigen.

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