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Die Flüchtlingskrise veränderte Hohenschönhausen - aber anders, als befürchtet

30/07/2017 12:23 CEST | Aktualisiert 02/08/2017 12:39 CEST
Michaela Rehle / Reuters

Gut zwei Jahre ist es nun her, als der erste Flüchtling nach Berlin-Hohenschönhausen kam. Ich erinnere mich noch genau an eine Bürgerversammlung zum ersten Flüchtlingsheim, das gleich neben unserer Schule gebaut werden sollte.

Ich leite nun seit fast 25 Jahren das Barnim-Gymnasium in dem Berliner Stadtteil - aber so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Und nichts hat mich so sehr herausgefordert wie diese Zeit. Die Menschen hier waren verunsichert.

Es kamen auch einige Wutbürger, die viele Sorgen äußerten. Sie befürchteten, dass Flüchtlinge ihre Autos klauen und in ihre Wohnungen einbrechen würden. Einige Eltern wiederum hatten Angst, dass der Unterricht ihrer Kinder leiden würde.

Die Flüchtlingskrise veränderte unseren Stadtteil

Zur Wahrheit gehört: Auf eine Situation wie jene Ende 2015 konnte sich niemand vorbereiten. Sie traf uns völlig unvermittelt - und es blieb nicht bei einem Flüchtlingsheim. Weil viele Flächen der Stadt gehören, hat sie in Lichtenberg mehr Unterkünfte eröffnet als in den meisten anderen Bezirken.

Hinzu kommen die vielen Berliner, die wegen der günstigen Mieten hierher ziehen. Das sorgt für eine rasante Bevölkerungsentwicklung, die zahlenmäßig vergleichbar ist mit Burkina-Faso, einem Staat in Westafrika. Diese Entwicklung bringt auch unsere Schulen an ihre Kapazitätsgrenzen. Hier ist deswegen nichts wie vorher.

Die Flüchtlingskrise veränderte unseren Stadtteil und unsere Schule - aber anders, als befürchtet. Keine der Sorgen bewahrheitete sich. Im Gegenteil. Wir haben neue Lehrer und Sozialarbeiter eingestellt. Wir unterrichten mittlerweile 100 Flüchtlingskinder in Klassen mit bis zu 15 Schülern.

Dutzende Mitbürger engagieren sich ehrenamtlich. Und wir organisieren auch in diesem Jahr ein Sommercamp für Flüchtlinge während der Ferien, das dieses Jahr auch vom Bezirk finanziell unterstützt wird. Die Ohnmacht ist vorbei. Aber es hat viel Kraft gekostet. Nach der Bürgerversammlung kehrte zuerst Zuversicht ein, dass wir das ohne Probleme schaffen werden.

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Doch schnell zeichnete sich ab, dass deutlich mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen als zuerst erwartet. Ich wurde in den Senat eingeladen, wo man uns mitteilte, dass wir im Bezirk mit zusätzlich 600 Flüchtlingskindern rechnen sollten. Das war ein wirklicher Run, vor dem man uns da warnte. Wir hatten uns auf zwei Willkommensklassen vorbereitet, nun sollten wir mit 16 Klassen rechnen.

Acht morgens, acht Nachmittags - Schule im Schichtbetrieb. So etwas gibt es üblicherweise in Entwicklungsländern wie Burkina-Faso und Mosambik - aber nicht in Deutschland. Dass man uns das zumuten wollte, war schon ein Armutszeugnis für den Bezirk, der keine konkrete Vorstellung hatte, wo genügend qualifizierte Lehrer herbekommen sollten.

Es lohnt sich, für jedes Flüchtlingskind zu kämpfen

Das hatte mich völlig überrascht - und auch unser Kollegium. Mit so vielen Schülern hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Zum Glück kamen dann deutlich weniger Flüchtlinge. Statt der 16 haben wir nun acht Willkommensklassen und müssen keinen Schichtbetrieb machen.

Das ist zwar immer noch mehr, als wir eigentlich schultern können. Wir können die Flüchtlinge nicht in unserem Schulgebäude unterrichten, sondern einige hundert Meter von hier in einem Gebäude, das wir uns mit der Feldmark-Grundschule teilen.

Und natürlich bräuchten wir noch mehr Lehrer und Sozialarbeiter, die auch in der Muttersprache der Kinder arbeiten können. Aber wir versuchen, uns so gut es geht zu organisieren. Erst im Mai haben wir für unsere Arbeit den mit 50.000 Euro dotierten Schulpreis der Cranach-Stiftung gewonnen.

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Wenn wir es schaffen, dass alle uns anvertrauten Schüler einen Abschluss machen, freue ich mich. Wenn wir es schaffen, dass zwanzig Prozent von ihnen Abitur machen, dann wäre das für mich ein tolles Ergebnis.

Denn es lohnt sich, für jedes Flüchtlingskind zu kämpfen. Nur so können wir verhindern, dass sie in die falschen Kreise abrutschen. Jedes Kind, das wir aufgeben, wird uns früher oder später auf die Füße fallen.

Der Beitrag wurde aufgezeichnet von Jürgen Klöckner.

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