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VW-Skandal: Hintergründe, Folgen, Winterkorn gegen Piëch

23/09/2015 15:40 CEST | Aktualisiert 23/09/2016 11:12 CEST
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Ich will nicht zu oft über Börsenereignisse berichten, aber an diesem Donnerschlag des Montags kommt man kaum vorbei: von der Eröffnung um 9:00 Uhr bis 10:55 Uhr standen die Stamm- und Vorzugsaktien der Volkswagen AG im Handel massiv unter Druck. Gegenüber dem Schlusstand vom Freitag verlor der Konzern dabei auf dem Papier 17 Milliarden Euro an Wert. Hier mal der Abriss im Tageschart der Stammaktie.

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Bei solchen Horrorzahlen fiel der Wertverlust von 2,2 Milliarden Euro bei den Vorzugsaktien von Porsche kaum noch auf, die Zuffenhausener besitzen 31,5 Prozent aller VW-Aktien (50,7 Prozent der Stämme).

Auch in Prozenten ist so ein Einbruch bei DAX-Werten äußerst rar: 21,5 Prozent rutschte die VW-Stammaktie im Tief ins Minus. Der Wertverlust entsprach in knapp zwei Börsenstunden etwa der maximalen Strafe laut einer Meldung, die am Wochenende völlig überraschend über die VW-Aktionäre hereingebrochen war.

VW-Skandal: Was geschah

Für 482.000 Diesel-PKW, die die Wolfsburger von 2009 bis 2015 in den USA verkauft haben, sollen die Abgasmessungen manipuliert gewesen sein. Es geht um die Modelle Jetta, Beetle, Golf, Passat und Audi A3. Bei so etwas verstehen die Amis gar keinen Spaß, schon gar nicht, wenn es um einen ausländischen Konzern geht.

Theoretisch droht für die von VW bereits zugegebene Ganoverei eine Strafe von 37.500 Dollar pro Fahrzeug, mithin rund 18 Milliarden Dollar. Allerdings machte die US-Rating-Agentur Fitch schon am Montag-Morgen darauf aufmerksam, dass diese Strafen zumeist weit unter dem Maximum bleiben, zumal, wenn das betroffene Unternehmen kooperiert.

Einer der Autoexperten, mit denen ich sprach, wies mich allerdings auf eine andere Überlegung hin: Natürlich wird bei der Strafe am Ende selten der Maximalrahmen ausgeschöpft.

So blecht General Motors für seine über Jahre gezielt verschwiegenen lebensgefährlichen Zündschlösser, bei denen 124 Fahrer bei bösen Unfällen das Zeitliche segneten und 275 verletzt wurden, „nur" 900 Millionen Dollar an die Behörden. Daneben wird noch für 625 Millionen Dollar ein Fonds für die geschädigten Familien eingerichtet. In einem ähnlichen Fall musste Toyota 1,2 Milliarden Strafe zahlen.

So könnte VW günstig dabei wegkommen

Aber VW kann nach dem offiziellen Schuldeingeständnis die Käufer nicht mit den Karren, die zu viele Abgase ausstoßen, herumfahren lassen. Ob und wie teuer man da irgendwie nachrüsten kann, ist noch überhaupt nicht bekannt. Vermutlich kommt diese Aktion VW viel teurer als die - am Ende weit kleinere - Strafe, auf die die Börse derzeit abfährt.

Der Gesprächspartner hatte übrigens eine einleuchtende Idee. Weil das Image von Volkswagen in den USA massiv leiden dürfte und ohnehin bei der Rückrufaktion dicke Kosten entstehen:

„Ich würde die Dinger zum Verkaufspreis in Zahlung nehmen und auf andere Neuwagen von VW Rabatte gewähren. Dann hätte man die Diesel zwar am Hals, aber das wäre eine Super-Marketingaktion und würde wohl auch die Strafe drücken."

Bei vielleicht 20.000 Dollar pro Auto wären das zehn Milliarden für die Aktion und vielleicht eine Milliarde Strafe - weniger als ein Jahresgewinn.

So weit die Idee. Was VW macht, weiß man natürlich nicht. Aber in der Größenordnung eines Jahresgewinns (brutto 1. Halbjahr 2015: 7,7 Milliarden Euro) wird man sich die finanzielle Belastung wohl in den USA durchaus vorstellen müssen.

Für die Nachtruhe eines besonders sensiblen Bekannten: Das Eigenkapital der Wolfsburger lag per Mitte 2015 bei 96 Milliarden Euro. Auch wenn es ganz dicke kommt, dürfte der Konzern damit über diese Bodenwelle hinweghopsen.

Die Reaktion des Konzerns

Wie klein mit Hut man in Wolfsburg angesichts der Krise derzeit auftritt, konnte man schon der Pressemitteilung vom Sonntag entnehmen, die man den Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn (Jahrgang 1947) persönlich in den Mund legte:

„Die US-Behörden CARB und EPA haben die Öffentlichkeit in den USA darüber informiert, dass bei Abgastests an Fahrzeugen mit Dieselmotoren des Volkswagen-Konzerns Manipulationen festgestellt worden sind und damit gegen amerikanische Umweltgesetze verstoßen worden ist. Der Vorstand der Volkswagen AG nimmt die festgestellten Verstöße sehr ernst."

Und dann, man sieht den VW-Boss förmlich zerknirscht an seinem Schreibtisch vor sich:

„Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben. Wir arbeiten mit den zuständigen Behörden offen und umfassend zusammen, um den Sachverhalt schnell und transparent vollumfänglich zu klären. Hierzu hat Volkswagen eine externe Untersuchung beauftragt."

Oft und gerne in solchen Situationen wiederholt, obwohl eigentlich doch selbstverständlich:

„Klar ist: Volkswagen duldet keine Regel- oder Gesetzesverstöße jedweder Art. Das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit ist und bleibt unser wichtigstes Gut. Wir bei Volkswagen werden alles daran setzen, das Vertrauen, das uns so viele Menschen schenken, vollständig wiederzugewinnen und dafür alles Erforderliche tun, um Schaden abzuwenden. Die Geschehnisse haben für uns im Vorstand und für mich ganz persönlich höchste Priorität."

Das mit der „persönlich höchsten Priorität" glaubt man Winterkorn sofort, denn es geht auch um seine Position. Aus welchen Wolken Aktionäre, Analysten und Kunden fallen, unterstreicht eine Ironie am Rande: Noch im September war der VW-Konzern bei der jährlichen Überprüfung des „Dow Jones Sustainability Index", dem in dieser Hinsicht führenden Ranking, als nachhaltigster Automobilhersteller der Welt eingestuft worden.

Deshalb ist der Skandal besonders peinlich

Untersucht wurden dabei 33 Automobilfirmen, unter denen VW bei den Aspekten Verhaltensgrundsätze, Compliance, Anti-Korruption, Innovationsmanagement, Klimastrategie und Lebenszyklusanalyse die volle Punktzahl erhielt.

„Diese Auszeichnung ist ein großer Erfolg der ganzen Mannschaft. Sie belegt, dass der Volkswagen Konzern auf dem besten Weg ist, sich dauerhaft als nachhaltigster Automobilhersteller der Welt zu etablieren", freute sich der VW-Chef damals.

Dreist wäre das, wenn er von den Schummeleien seiner Techniker in Amerika gewusst hätte. Und das wird eine spannende Frage sein, immerhin ist er neben seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender auch für den Forschungs- und Entwicklungsbereich zuständig.

Sollte sich eine Mitwisserschaft oder gar persönliche Einflussnahme auch nur vage bestätigen, wäre er bei VW sicherlich unhaltbar. Dann könnte sich Ferdinand Piëch im Nachhinein bestätigt sehen, der Winterkorn vor wenigen Monaten los werden wollte, sich dann aber damit im Aufsichtsrat nicht durchsetzen konnte.

Damals verstand niemand so recht, warum die beiden langjährigen Weggenossen plötzlich nicht mehr miteinander konnten. Da wird jetzt sicherlich kräftig spekuliert werden.

Ist das der Hintergrund zum Führungsstreit?

So berichtet „Spiegel Online", dass die Testergebnisse der Amerikaner in Wolfsburg mindestens seit Juli 2015 bekannt gewesen sind. Aber die vorangegangenen Tests der Universität Virginia und das anschließende Verfahren der US-Umweltbehörde Epa (offizieller Start: Mai) lagen durchaus im Umfeld des Ringens zwischen Piëch und Winterkorn, das Mitte April entschieden wurde.

Kaum zu glauben, dass beide als Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstandsvorsitzender davon nichts gewusst haben sollen. War das der nach außen damals noch nicht sichtbare Grund für das tiefe Zerwürfnis?

Es klingt zwar etwas unglaubhaft, dass die Konzernspitze bei dem Manöver in den USA in den Vorjahren voll im Bilde gewesen ist. Immerhin geht es bei den Dieselfahrzeugen dort um weniger als einen Prozentpunkt der gesamten weltweiten Verkäufe und dem stand - wie man jetzt sieht - ein beachtliches Risiko gegenüber.

„Dauerhafter Erfolg auch unter widrigen Bedingungen"?

Aber wenn diese Machenschaften tatsächlich über sechs Jahre am gesamten Vorstand vorbeigegangen sein sollten, wirft das auch nicht gerade eine glänzendes Licht auf die Führungsriege. Wie auch immer Winterkorn und Kollegen sich verteidigen, da bleibt dann Einiges hängen.

Jetzt kann der VW-Lenker und bestbezahlteste DAX-Vorstand (Gesamtvergütung 2014: 15,9 Millionen Euro = 30 Euro je Minute) ja mal zeigen, ob er den Spruch, mit dem er sich im letzten Jahresbericht zitieren ließ, auch in der Praxis umsetzen kann: „dauerhafter Erfolg auch unter widrigen Bedingungen."

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