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Für den Sultan wird es hart - die Türkei ist wirtschaftlich am Ende

06/03/2017 12:51 CET | Aktualisiert 20/03/2017 16:25 CET
dpa

Manchmal sind Szenarien leicht auszumalen. Das gilt jedenfalls für die türkische Wirtschaftslage. Mit ein wenig Eitelkeit möchte ich mich in dieser Hinsicht mit meinem Beitrag vom 25.Juli 2016 mit dem Titel "Türkei: Erdogans Schwachstellen" selbst zitieren. Der Putschversuch von Teilen der türkischen Armee lag da gerade mal eine gute Woche zurück.

Nun hier die damaligen Überlegungen in der Kurzversion: "Und den Besitzern dieser Investments, Aktien und Anleihen kann Erdogan nicht befehlen wie seinen eigenen Leuten. Kommen diese Herrschaften zu dem Schluss, ihre Anlagen seien in der Türkei nicht mehr sicher oder gewinnbringend oder es würde eine Rezession drohen, dann ist Schluss mit lustig."

Mehr zum Thema: Aus der Traum: Die Krise der türkischen Wirtschaft und ihren Folgen für Erdogan

Und dann der Blick in die potentielle Zukunft von damals: "Der Mechanismus wäre dann etwa so: einige Unternehmer und Anleger beginnen, Geld aus der Türkei abzuziehen. Die türkische Notenbank kann die Türken-Lira nicht umfangreich genug stützen und es kommt zu einem schnelleren Währungsverfall als in der Vergangenheit.

Der Erdogan-Hype ist vorbei

Das macht weitere Geldgeber unruhig. Eine schwache Währung lässt die Inflationsrate (derzeit 7,6 Prozent) kräftig steigen. Es kommt wegen hoher Inflationsrate und weniger Auslandsinvestments zu einer Rezession. Was wiederum weitere Besorgnisse der Anleger schürt."

Nun folgt eine aktuelle Grafik, wie es mit der Türken-Lira seit dem letzten Börsentag vor dem Putsch am 15. und 16. Juli 2016 zugegangen ist.

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Bis zu gut einem Viertel sackte die türkische Währung gegenüber dem US-Dollar ab, bevor es zu einer Erholung kam, die das Minus auf "nur" noch 21,6 Prozent drückte.

Und was war dabei angesichts der umfangreichen und nicht enden wollenden Verhaftungswellen passiert? Die bösen Ausländer kehrten der Türkei den Rücken. Nicht zuletzt deshalb, weil sich der Lira-Rutsch auch für einige von ihnen bemerkbar machte. Hier mal der Wert aller Auslandsanlagen im Bosporus-Land.

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Nun sieht dieser Rückgang der letzten Jahre - also auch schon vor dem Putsch - noch ganz geruhsam aus. Man kann schließlich langfristige Darlehen oder gar eine Fabrik nicht einfach abstoßen und damit wieder heimwärts ziehen. Aber ich zeige Ihnen mal ausländische Engagements in der Türkei, bei denen das leichter möglich war. Zunächst Investments am Aktienmarkt von Istanbul.

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Sie sehen, in Dollar gerechnet hat sich das Engagement seit dem Hoch 2013 mehr als halbiert. Auch kurzfristige Einlagen bei türkischen Banken wurden rasant abgebaut.

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Sie sehen an den Trendlinien der beiden letzten Charts: der Erdogan-Hype ist vorbei.

Dass "Sultan" Erdogan nicht so stark ist wie er mit seiner Trumpfkarte Flüchtlingslager immer tut, zeigt sich auch an einer anderen Ecke: Trotz einer leichten Verbesserung hatte die Türkei 2016 immer noch ein Außenhandelsdefizit von 56 Milliarden Dollar.

Das sind 4,7 Milliarden Dollar im Monat, ein Loch, das ständig durch Kapitalzuflüsse oder Kredite aufgefüllt werden muss. Und die Miesen hielten bis zuletzt an, auch im Januar 2017 lag das Defizit bei 4,3 Milliarden Dollar.

Erdogan ist auf die Europäische Union angewiesen

Fast die Hälfte der Exporte gehen in Richtung Europäische Union und ein Zehntel alleine nach Deutschland. Diese Zahlen sind nicht von den Ratingagenturen, die Erdogan nicht ausstehen kann, sondern von seinem eigenen Statistischen Amt.

Seit Recep Tayyip Erdoğan (Jahrgang 1954) im März 2003 vom Amt des Istanbuler Oberbürgermeisters zum Ministerpräsident seines Landes avancierte, hat die Türkei ein atemberaubendes Außenhandelsdefizit von insgesamt 890 Milliarden Dollar "erwirtschaftet".

Der Knabe ist auf Touristen aus Europa, "Flüchtlings-Stop-Milliarden" aus Deutschland und das Wohlwollen der Investoren angewiesen, wenn ihm nicht alles zusammenkrachen soll.

Gegenüber dem Höhepunkt vor zwei Jahren blieben 2016 an türkischen Stränden zum Beispiel über 10 Millionen Touristen weg. Allein im letzten Jahr gab es ein Minus von 29 Prozent. Nur dem Iran (fast unverändert), vor allem aber den ehemaligen Teilen der untergegangenen UdSSR ohne Putins Russland (sogar plus 300.000) verdankten es die Türken, dass der Einbruch nicht noch tiefer gewesen ist.

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(Quelle: Türkische Notenbank )

Kann natürlich sein, dass ihm das egal ist, aber sicherlich würde er das Wohlwollen seiner Anhänger in einem wirtschaftlichen Desaster nicht ohne Weiteres behalten. Schon im Februar lag die Inflationsrate bei 10,1 Prozent und damit auf dem höchsten Wert seit April 2012.

Von hier aus kann man den Eindruck gewinnen, der Sultan von Ankara wäre aus irrationalen Gründen der Liebling der Massen. Aber man kann vorrechnen, dass er in der Zeit seiner Macht gegenüber dem gleich langen Zeitraum davor das Bruttoinlandsprodukt des Durchschnittstürken mehr als verdoppelt hat. Kein Wunder, dass der eine oder andere davon beeindruckt ist.

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Zufällig bin ich auf eine ganz interessante Befragung im türkischen Regierungsauftrag gestoßen. Sie misst die Freude ("happiness") im Land seit Erdogans Amtsantritt 2003. Und natürlich sind die meisten Türken (61,3 Prozent) zufrieden. Spannender fand ich: die Studie fächert diese Zahl nach Bildungsstufen auf. Am glücklichsten sind demnach die Türken ohne Schulabschluss mit 63,5 Prozent), am wenigsten die mit Hochschulabschluss (57,8 Prozent).

Da kommt dann wieder das (Vor?)urteil hoch: die glühendsten Anhänger Erdogans sitzen in abgelegenen Käffern in Anatolien.

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Was mich zur generellen Ausrichtung der Untersuchung etwas misstrauisch macht: so durchgehend hohe Zustimmungswerte sind schon verblüffend. Selbst in der Finanzkrise 2009 war angeblich nur jeder siebte Türke unglücklich.

Noch erstaunlicher: als Grund für die Zufriedenheit mit den öffentlichen Diensten nannten die Befragten an erster Stelle den öffentlichen Verkehr. Atemberaubende 78,4 Prozent waren damit prima zufrieden. Wenn man hierzulande die vielen Bundesbahn-Schimpfer oder Meckerer am Nahverkehr hört, bisschen verblüffend.

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