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Asylbewerber: Deutschland ein Sommermärchen

09/09/2015 10:53 CEST | Aktualisiert 09/09/2016 11:12 CEST
DPA

Erinnern Sie sich an den Sommer 2006? Fußballweltmeisterschaft. Deutsche Fahnen erstmals nach dem Krieg in jeder Straße. Die Deutschen trotz eigenem Platz 3 besoffen vor Begeisterung, weil ein paar Männer so gut wie niemand anders auf der Welt einen Ball umher bolzten.

Sie merken, ich habe mit Fußball nicht viel am Hut. Aber damit bin ich ein krasser Ausnahmefall. Allein den Film „Deutschland, ein Sommermärchen" des Regisseurs Sönke Wortmann schauten sich bei der Erstausstrahlung am 6. Dezember 2006 um 20:15 Uhr in der ARD rund 11 Millionen Zuschauer an.

Der Titel, der zuvor in der deutschen Presse geboren und weit publik gemacht worden war, lehnte sich an Heinrich Heines Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen" an.

Nun hat Deutschland 2015 wieder ein Sommermärchen. Diesmal sind es die Asylbewerber, die aus der ganzen Welt in die biedere Bundesrepublik strömen. Und wie die Deutschen alles, aber auch alles perfekt zu machen versuchen, wollen sie auch in dieser Hinsicht ein Vorbild für den restlichen Planeten sein.

„Willkommenskultur" heißt das Zauberwort.

Nun ja, ein paar Ignoranten versauen am Rande mit ihren Brandanschlägen auf Asylbewerberheime den guten Eindruck. Aber die können schnell als rechter Abschaum entlarvt werden. Deutschland insgesamt - so Politiker und Medien unisono - fiebert weiteren geschundenen Menschen entgegen.

800.000 sollen es dieses Jahr werden, so die amtliche Schätzung aus dem Innenministerium, die dieser Einladung folgen wollen. Nun steckt in jedem Märchen ein Stück Utopie. Prinzessinnen werden nicht nach 100 Jahren Schlaf von Prinzen wach geküsst, und Frösche verwandeln sich nicht in Prinzen.

Die Utopie beim Asylbewerber-Märchen ist, dass das alles kinderfreundliche syrische Ärzte sind, die da in die Aufnahmestellen drängen. Oder Universitätslehrer aus dem Jemen, die anlässlich des Bürgerkriegs auf Wanderschaft über zwei Kontinente gegangen sind, um dann in Dortmund zu landen.

So genau weiß ja - bis auf Nationalität, Alter und Geschlecht - noch niemand, wer da im Moment wirklich kommt. Aber nach den bisherigen Erfahrungen sind es nicht nur herzensgute Charaktere.

Das geht schon damit los, dass 40 Prozent vom Balkan aufgebrochen sind, wo es nach landläufiger Meinung gar keinen Krieg und keine Unterdrückung gibt. Sie werden halt in guter deutscher Bürokratenroutine hier als Asylbewerber aufgenommen, abschlägig beschieden und dann zurückgeschickt. Motto: gut, dass wir einen Stempel drunter gemacht haben.

In diesem Zusammenhang ein interessanter Aspekt:

Lockt das Taschengeld nun zusätzliche „Asylbewerber" vom Balkan oder nicht?

Beim ersten Hinhören klingt es für deutsche Ohren blödsinnig, dass Albaner oder Mazedonier den weiten Weg hierher machen, um 143 Euro Taschengeld „abzusahnen".

Aber der Präsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Manfred Schmidt, erläutert, dass dieses nicht völlig undenkbar ist: „Die Menschen von dort sagen uns zum Teil: Wenn wir drei, vier Monate hier sind, können wir uns mit dem Geld, das wir hier bekommen, bis zu einem Jahr in unserer Heimat finanzieren."

Und der Mann, der ja vielleicht ein wenig mehr Einblick in die Materie hat als die Journalisten in ihren Redaktionsstuben, ergänzt:

„Das gilt zum Beispiel für eine fünfköpfige Familie aus Albanien, die in drei Monaten neben Kleidung, Nahrung und Hygieneartikeln in den Erstunterkünften über 1.600 Euro bekommt, während der Durchschnittslohn etwa in ländlichen Gebieten Albaniens bei 200 Euro im Monat liegt. Das Bargeld scheint also ein Anreiz zu sein, der dazu beiträgt, dass die Menschen hierher kommen, obwohl sie dann fast immer wieder gehen müssen."

Aber das gehört alles zum Sommermärchen 2015, Menschen, die einfach nur für ein paar Monate hier umsonst leben und anschließend etwas Erspartes mit in die trostlose Balkan-Heimat mitnehmen wollen, kommen in der medialen Berichterstattung kaum vor. Da dominiert der fließend Englisch sprechende Syrer mit dem niedlichen kleinen Mädchen auf den Schultern.

Nun könnte man ja eigentlich sagen: Dann lasst den Gutmenschen doch ihr Glück, kostet sechs Milliarden Euro (ein Sechzigstel von Andrea Nahles' Rentengeschenk), alle fühlen sich moralisch prima, und reicht doch, wenn auch nur ein paar Hunderttausende hoch motivierter und gut ausgebildeter Zuwanderer integriert werden können. Vom Rest geht ein Teil nach Duisburg Marxloh, und der andere wird zurückgeschickt.

Aber das Risiko dieses Märchens ist beachtlich.

Durch die märchenhafte Berichterstattung der Medien, die zudem an Dauerberieselung grenzt, wird eine völlig falsche Erwartungshaltung gezüchtet.

Um es auf den Punkt zu bringen: Was werden die beglückten Zuschauer und Leser denken, wenn plötzlich von Schlägereien oder Messerstechereien in den Unterkünften berichtet wird? Der Winter ist lang, und dort hocken verschiedene Religionen, Ethnien, Temperamente und Kulturkreise unter einem Dach auf engstem Raum zusammen.

Wieder so ein blödes Vorurteil, werden Sie vielleicht denken. Warum sollen diese wackeren Menschen krimineller sein? Nun ja, von den gezeigten Ankömmlingen weiß ich das nicht, aber die Vergangenheit deutet in diese Richtung.

Blicken wir doch mal in die Statistik der hierzulande vor Gericht Verurteilten. Die neueste abschließende Auswertung liegt für das Jahr 2012 vor. Aber für die folgende Aussage ist der zeitliche Verzug nicht so bedeutsam. Zunächst mal der Anteil der Ausländer an diesen Verurteilten im Zeitablauf.

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(Quelle: Statistisches Bundesamt, Justiz auf einen Blick, 2015, Seite 16, https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Rechtspflege/Querschnitt/BroschuereJustizBlick0100001159004.pdf?__blob=publicationFile )

Sie sehen, der Anteil lag seit Mitte der 1990-er Jahre bei über einem Fünftel und damit mehr als doppelt so hoch wie der Anteil der strafmündigen Ausländer an der Bevölkerung (neun Prozent). Er dürfte auch auf historischem Höchststand liegen, denn die in der Grafik angezeigte Spitze von bis zu 27 Prozent ist mit Vorsicht zu genießen.

Dazu das Statistische Bundesamt: „Der zwischenzeitliche Höchststand des Ausländeranteils an den Verurteilten Mitte der 1990er Jahre dürfte maßgeblich durch eine vorübergehend hohe Zahl verurteilter Asylbewerber verursacht worden sein."

Okay, die Straftaten nach dem Aufenthaltsgesetz muss man ohnehin abziehen. Was aber bleibt ist der jeweilige Anteil der Ausländer an den verurteilten Straftaten, den die folgende Tabelle ganz rechts zeigt.

Insgesamt hatten 22,9 Prozent aller vom Richter verdonnerten Straftäter keinen deutschen Pass.

Besonders bedrohlich sehen dabei die Anteile bei der Schwerkriminalität aus: Bei Mord und Totschlag waren es zum Beispiel 30 Prozent, bei schwerem Diebstahl gar ein Drittel. Und selbst die 29,8 Prozent bei Raub und Erpressung klingen nicht gerade beruhigend. Die 35 Prozent Anteil bei Urkundenfälschung hören sich indes nach Begleitkriminalität beim Erlangen von Asyl an.

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(Quelle: Statistisches Bundesamt, Justiz auf einen Blick, 2015, Seite 17, https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Rechtspflege/Querschnitt/BroschuereJustizBlick0100001159004.pdf?__blob=publicationFile )

Ich will auf keinen Fall hier den Eindruck verbreiten, man müsse in jedem Ausländer den potenziellen Schwerverbrecher sehen. Zieht man bei den 176.942 verurteilten ausländischen Straftätern Verkehrsstraftaten, Urkundenfälschung und das Aufenthaltsgesetz mal ab, dann bleiben 132.000 Fälle. Das ist viel, aber keine dräuende Gefahr.

Zumal man den hier dauerhaft weilenden Ausländern noch zugute halten muss, dass alle temporär Zugereisten ihnen statistisch zugeschlagen werden und ihren Anteil an den Straftaten aufblähen.

Ich will nur darauf hinweisen, dass die Gefahr eines Kippens der Stimmung im Lande von den Medien leichtfertig in Kauf genommen wird. Indem sie die Risiken temporär völlig ausblenden (Stichwort: „Sommermärchen"), riskieren sie eine dicke Enttäuschung.

Wenn die Berichterstatterin in WDR4 am Sonntagmorgen mit Begeisterung von Dortmundern sprach, die sich zur Begrüßung eines Asylbewerberzuges aus Österreich am Bahnhof eingefunden hatte, dann klingt das zunächst nett.

Wenn man dann aber im weiteren Teil des Berichts hört, dass es dabei nur um rund 100 Menschen ging, darunter politisch bewegte wie den Bürgermeister, aber auch herbeigeeilte Landsleute der Flüchtlinge, dann ahnt man, dass die Stimmung dort nicht unbedingt repräsentativ für die deutsche Bevölkerung sein muss.

Das ist typische selektive Wahrnehmung - wenn die Medien sich für eine Weile alle Begeisterten herausgreifen, muss das nicht die ganze Bevölkerung repräsentieren.

In der Tat scheint trotz aller verordneten Begeisterung ein eher gemischtes Stimmungsbild zu herrschen. Typisch scheint mir eine Umfrage des ZDF-Politbarometers. Zunächst die politisch derzeit korrekte Frage: „Kann Deutschland die vielen Flüchtlinge verkraften?"

Antwort zu 60 Prozent: ja. Doch dann wird es schon differenzierter. 77 Prozent - und damit noch einmal deutlich mehr als die 59 Prozent vom April 2015 - gaben zu Protokoll, dass sie zusätzliche Maßnahmen zur Begrenzung des Flüchtlingsstroms wünschen. Die stehen dann natürlich nicht am Morgen mit selbstgemalten Schildchen zur Begrüßung vor dem Bahnhof.

Um es noch mal glasklar zusammenzufassen: Die Medien werden diese Begeisterung weder durchhalten wollen noch können. In den nächsten Monaten entdecken sie dann aller Voraussicht nach die Schattenseiten der massenhaften Asylbewerberei. Was sie mit dieser stimmungsmäßigen Berg- und Talbahn anrichten, ist ihnen offenbar egal. Und die Politiker spielen - wie immer - einfach mit.

Glauben Sie nicht, dass so viel ehrliche Begeisterung zu Ende gehen könnte? Stellen Sie sich doch einfach mal eine Redaktionskonferenz in vier Monaten vor. Da verkündet eine junge Journalistin ihrem Chefredakteur mit leuchtenden Augen, sie habe eine tolle, zu Herzen gehende Geschichte recherchiert.

Ein Ingenieur sei aus einem Flüchtlingslager an der syrisch-türkischen Grenze per Anhalter bis nach Oberbayern gelangt. Und zig Autofahrer hätten ihm nach der Mitnahme auch noch ihre Wurststullen geschenkt. Und nun sei er echt begeistert von der Herzlichkeit der Bayern. Die vermutliche Antwort des Chefs erklärt in der Nussschale, warum die Berichterstattung irgendwann umschlagen wird: „Nicht schon wiiiieder."

Es gibt kein Thema, das die Medien ewig mitreißt. Oder hören Sie noch viel über die Ukraine? Selbst um den syrischen Bürgerkrieg ist es still geworden und Griechenland mag keiner mehr hören.

Von Ebola, Vogel- oder Schweinegrippe gar nicht zu reden. Glauben Sie im Ernst, all diese Probleme seien auf ewige Zeiten gelöst? Was ist mit Libyen, was mit dem Scheitern des Arabischen Frühlings? Das kommt bestenfalls noch auf Seite 25 der „ZEIT" vor.

Ich bin gespannt, ob es mit dem Thema „Asylbewerber" diesmal völlig anders läuft.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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