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Arbeitsmarkt: Bauern, Kumpels und Textilarbeiterinnen

30/10/2015 16:58 CET | Aktualisiert 30/10/2016 10:12 CET
ullstein bild via Getty Images

Manchmal ist in Wirtschaft und Gesellschaft ein weiter Blick zurück ganz interessant, weil in der Veränderung über das Jahr schnell der Überblick verloren geht. Ich habe daher die heutige Arbeitswelt mit der Struktur des Jahres 1950 in einer Tabelle verglichen.

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Die Bevölkerung 1950 enthält natürlich nicht die DDR, aber auch nicht West-Berlin und das Saarland. So war das damals üblich, denn die Spreemetropole stand unter Vier-Mächte-Status und das Saarland unter französischer Verwaltung. Mit 47,7 Millionen Menschen wohnten in der damaligen BRD nur gut die Hälfte der heutigen gesamtdeutschen Bevölkerung von um die 81 Millionen.

Das muss man bei den absoluten Zahlen der Beschäftigten immer berücksichtigen. Aber ich habe einige Zahlen davon auch in Beziehung zur Gesamtbevölkerung gesetzt, bei anderen ist die Veränderung so gravierend, dass sich eine Rechnung dieser Art erübrigt.

Gehen wir doch einfach von oben nach unten durch. Da ist zunächst mal die personelle Schrumpfung der Landwirtschaft. Dort hat sich die Zahl der Bauern und ihrer Helfer seit der unmittelbaren Nachkriegszeit mehr als gesechstelt. Noch stärker ist der Anteil an der Bevölkerung zurückgegangen: War 1950 noch jeder siebte Deutsche auf dem Feld oder im Stall tätig, sind es heute nur noch 1,3 Prozent, also jeder Siebenundsiebzigste. Man fragt sich, wie dieses kleine Häuflein noch so viel politischen Einfluss haben kann, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Öffentliche Dienst hingegen, das berufliche Traumziel der Gutmenschen, hat seine Bedeutung ausbauen können. Sechs Prozent schaffen heute bei Vater Staat und damit auf der vielleicht finanziell nicht besonders attraktiven, aber dafür sicheren Seite.

Halbwegs gleichgeblieben ist die Bedeutung des Bausektors und der Industrie, statistisch korrekt des „Verarbeitenden Gewerbes". Aber hinter der industriellen Fassade kam es zu sehr gravierenden Verschiebungen. Schauen sie sich zum Beispiel an, wie die Textil-, Bekleidungs- und Lederindustrie in deutschen Landen entschwunden sind. Werkelten dort 1950 noch 1,5 Millionen Menschen, sind es heute noch gerade rund 140.000.

Webten, spannen und strickten in der Nachkriegszeit genau 648.311 Arbeiter und Arbeiterinnen, sind es inzwischen in dieser Vorstufe nur leicht über 70.000. Die Differenz ist ohne Großdemos und Krawall still und leise über viele Jahre hinweg vor die Fabriktore gesetzt worden. Ein ziemlicher Gegensatz zu den Ruhrkumpels. 1950 werkelten 468.000 Menschen im Steinkohlebergbau.

Im August 2015 waren es hingegen nur noch gut 23.000, und bald wird diese Zahl auf null gesunken sein. Ein halbes Jahrhundert wird die Ruhrkohle AG dann am Ende gebraucht haben, um ab 2017 ganz ohne Bergbau in den tiefsten Tiefen auszukommen.

Warum das so unterschiedlich lief? Meine These: In der Textilindustrie waren ursprünglich 55 Prozent der Beschäftigten Frauen, im Bergbau - zumindest untertage - nur Männer tätig. Und in den für den Niedergang entscheidenden 1960er und 1970er Jahren hatten weibliche Beschäftigte nicht allzu viel zu sagen. Die blieben still zuhause und bekochten ihren „Männe". Basta.

Bei den übrigen Zahlen mögen Sie sich die herausgreifen, die für Sie interessant sein könnten. Schauen Sie zum Beispiel mal, wie die Hersteller von Autos und Autoteilen ihre Bedeutung gesteigert haben. 800.000 sind heute im engeren Produktionsbereich tätig, gar nicht gerechnet Zulieferer im weiteren Umfeld, der Autohandel und das Reparaturgewerbe oder angrenzende Industrien wie die Reifenproduktion.

Aber auch die angebliche „Servicewüste Deutschland" kann man an den Beschäftigtenzahlen nicht festmachen. Sie war zum Teil wohl auch immer eine Erfindung nörgelnder Typen, die sich irgendwo zu wenig wichtig genommen fühlten. Allein im Einzelhandel arbeiten heute 4,1 Prozent aller Deutschen. In den Tante-Emma-Läden der Nachkriegszeit waren es nur 2,6 Prozent. Und das, obwohl inzwischen fast sechs Prozent des Einzelhandels im Internet abgewickelt werden.

Auch beim Wirt um die Ecke hat es offenbar keinen drastischen Personalabbau gegeben. Bedienten 1950 gut 0,8 Prozent der Deutschen in der Gaststube, sind es heute nahezu 1,5 Prozent. Fast genau konstant gehalten hat sich der Anteil der Menschen, die im Verkehrssektor tätig sind.

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