Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Der Graslutscher Headshot

"Dein Kind sieht blass aus, das braucht mal 'ne ordentliche Wurst"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KIND ISST WURST
Thinkstock
Drucken

Wisst Ihr, wann genau man mit der Kombination einer veganen Ernährung und dem Großziehen von Kindern einen riesigen Fehler macht? In dem Moment, in dem auf dem Schwangerschaftstest ein Kreuz erscheint und man gleichzeitig noch eine Packung Tofu im Kühlschrank liegen hat.

Ab diesem Zeitpunkt nämlich könnt Ihr nur wenig richtig, aber viel falsch machen, zumindest in den Augen einer Menge euch unbekannter Leute, die im Leben noch nie mit euch gesprochen haben. Aber das werden die jetzt online nachholen, zieht euch warm an.

Der Fairness halber muss man festhalten, dass kaum ein Themengebiet besser zu vollkommen spontanen und unerwarteten Eskalationen geeignet ist, als Fragen zur Kindererziehung.

Ihr verbringt mit ein paar Freunden einen lauschigen Sommerabend auf dem Balkon und es ist unerträglich harmonisch und langweilig? Sätze wie „Nicht stillende Mütter sind egoistisch" können da zuverlässig Abhilfe schaffen und nachhaltig die Stimmung ruinieren. Entsprechend ungemütlich wird es, wenn man nun mit Eltern ausgerechnet vegane Ernährung diskutiert.

„Das ist Kindesmisshandlung" oder „Ein Fall für das Jugendamt" sind noch die netteren Einzeiler,

die man dazu ernten kann. Und ganz ehrlich, zuerst nervt mich das immer furchtbar, aber ich kann es auch ein Stück weit verstehen.

Denn wer in der westlichen Welt aufwächst, der bekommt regelmäßig eingetrichtert, dass Kuhmilch eine Art magische Zutat ist, ein in Sachen Nährstoffkonzentration mehrere Rekorde brechendes Wundermittel, ohne das spontaner Zahnausfall und Kreislaufzusammenbrüche drohen.

Dass man Kinder auch ohne Fleisch zu Marathonläufern großziehen kann, ist weitestgehend anerkannt und auch Eier und Honig gelten den meisten nicht als zwingend notwendig. Aber ganz ohne Milch, das verstößt gegen Jahrzehnte-lange „Die Milch macht's"-Indoktrination der CMA.

Nun gehören wir Nord-Europäer zu den weltweit gerade mal 25% der Menschen, die als Erwachsene überhaupt Kuhmilch verdauen können. Für den großen Rest hat der Konsum von Milch anstatt einer ausreichenden Calcium-Versorgung primär unangenehme Toilettenbesuche zur Folge.

Es scheint also auch irgendwie ohne Milch zu klappen.

Die Studienlage zu dem Thema ist leider noch ziemlich dünn, weswegen sehr viele Ernährungsexperten eine rein pflanzliche Ernährung aufgrund der ausreichend enthaltenen Nährstoffe auch für Kinder für problemlos möglich halten, aber nicht immer auch eine allgemeine Empfehlung aussprechen.

Dazu ist eine vielseitige Kombination verschiedener Lebensmittel notwendig, also Gemüse, Nüsse, Saaten, Getreide, Obst + Vitamin B12, wahrlich kein Ding der Unmöglichkeit. Dass mancher dennoch skeptisch ist beim Gedanken, alle veganen Eltern bekämen das hin, kann ich nachvollziehen.

Etwas absurd daran ist jedoch: Eine ziemlich einseitige Ernährung fällt niemandem groß auf, solange nur irgendwas Tierisches darin enthalten ist. Mein Sohn bekam am ersten Tag im Kindergarten Hot Dogs vom Vortag zum Frühstück, weil ein anderes Kind Geburtstag hatte.

Also Industrie-Fleisch in Auszugsmehl mit Ketchup - die Liste der für einen Kinderkörper darin fehlenden Nährstoffe ist lang. Die Reaktion der anderen Eltern: Keine. Ähnliches erlebe ich bei Grill-Abenden: Solange der Filius eine Rostbratwurst mit Fertigsoße intus hat, sind viele Eltern beruhigt.

Und ein Nutella-Brötchen halten nicht wenige für ein reichhaltiges Frühstück.

Vor dem Hintergrund finde ich die pauschale Verurteilung von veganen Eltern wenig zielführend. Man beschuldigt damit zu Unrecht viele Leute, deren Kinder weit besser mit Mineralien und Vitaminen versorgt sind als all die Kinder, die man Nachmittags mit ihren Eltern bei McDonalds sitzen sieht.

Ich würde mich deswegen auch dem Rat von Berthold Koletzko und anderer anschließen, das Ganze einfach mit dem Kinderarzt abzusprechen und regelmäßig prüfen zu lassen, ob das Kind gut versorgt ist.

Abseits der Sorge um die Gesundheit kommt dann auch ziemlich oft der wenig durchdachte Vorwurf, ein vegan ernährtes Kind würde die Werte der Eltern aufgezwungen bekommen. Als wenn das Weitergeben von Werten denn was Besonderes wäre, das exklusiv nur bei veganen Eltern passiert.

Eltern machen das doch andauernd, vom Lieblings-Fußballverein bis zu politischen Ausrichtungen. Ich bringe meinen Kindern auch bei, dass Homosexualität normal ist und man Menschen mit Respekt behandeln sollte. Aber dass man Tiere mit Respekt behandeln sollte, das zählt dann unter Werte aufzwängen? Alles klar.

Ferner dürfen meine Kinder essen, was sie wollen.

Zu Hause gibt es nur veganes Essen, aber bei Kita-Verkostung, Großeltern oder Kindergeburtstagen können sie selbst entscheiden. Ich sorge nur dafür, dass es dann auch eine Alternative gibt und die jeweiligen Betreuer sie zu nichts zwingen.

Da sie wissen, für welche Speisen man Tiere töten muss, lehnen die beiden älteren - 5 und 6 Jahre alt - Fleisch fast immer ab. Mit Aufzwängen verbinde ich das eher nicht, anderen Kindern wird da weit weniger Mündigkeit zugetraut:

Die bekommen ein paar leckere Chicken Nuggets auf den Teller gelegt und haben keine Ahnung, welche üble Vorgeschichte dazu nötig ist.

Diesen Kindern wird die Wahrheit vorenthalten und sie haben gar nicht die Möglichkeit, sich ihrer eigenen Werte bewusst zu werden. Zumal die Fleischesser noch Schützenhilfe bekommen von fast der gesamten deutschen Kleinkind-Belletristik:

Da leben alle Farmtiere in paradiesischen Zuständen auf weitläufigen Höfen, werden von lachenden Menschen umsorgt und blinzeln debil grinsend in die Sonne - die sie in der Realität maximal auf dem Weg zum Schlachter zu Gesicht bekommen.

Wie soll ausgerechnet ein Kind diese perfide Täuschung durchschauen, wenn man es ihm nicht erklärt? Würde eine Folge Piggeldy und Frederick mal ganz originell damit enden, dass beide beim Schlachter landen, wie viele Kinder würden von da an dankend ablehnen, wenn es Schnitzel gibt?

Zwängen wir Kindern also durch Nicht-Erklären und gleichzeitigen Konsum nicht viel eher die Weltsicht auf, dass Tiere töten schon ok ist? Oder billige Tshirt aus Sweatshops und Kakao aus Kinderarbeit?

Mein 6-jähriger Sohn versteht schon recht gut, wo Tierprodukte herkommen.

Er verzichtet seit einem halben Jahr auf Fleisch und immer öfter auch auf Kuhmilch, obwohl wir ihm beides nicht verbieten und er es auch lecker findet. Manche nennen das Werte aufzwängen. Ich nenne das dem Kind eine bewusste Entscheidung ermöglichen.

Laut der letzten Untersuchung beim Kinderarzt ist er übrigens kerngesund und normal entwickelt. Abgesehen vom Lispeln - das Kind braucht vermutlich mehr Kuhmilch!


Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.

Hier geht es zurück zur Startseite

Close
Vegane Ernährung
von
Teilen
Tweet
Werbung
Aktuelles Bild