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Über Tiere, Kinder und Migranten: oder der Pädagogenstaat und die neue Mitte

21/07/2015 16:33 CEST | Aktualisiert 26/12/2016 15:56 CET
Dennis Wilhelm

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Sehr geehrte Damen und Herren,

die sich als besonders gesellschaftskritisch verstehende Tierrechtsavantgarde kommt sich besonders modern vor und wird von nicht wenigen Teilen der politischen Linken hofiert. Ich habe mir darum erlaubt einmal nachzufragen, was Gesellschaftskritik ursprünglich einmal gewollt hat und welchem Glaubenssystem viele ihrer heutigen Protagonisten eigentlich anhängen:

Über Tiere, Kinder und Migranten: oder der Pädagogenstaat und die neue Mitte

von Dennis Wilhelm

Die neue Mitte: Dass sie kommen würde, ist keine wirkliche Überraschung gewesen. Wer hierzulande und anderswo in Europa sein Leben im antifaschistischen Widerstand riskiert, wer für basisdemokratische und soziale Strukturen gestritten hat und wer sich der nicht selten leidenschaftsbetonten Kultur der einfachen Leute angenommen oder seine akademischen Fähigkeiten in den Dienst einer lebenswerteren Welt gestellt hat, der gehört zu einer nahezu ausgestorbenen Spezies: zu den Menschen der italienischen Resistenza, zu den Machern der Nelkenrevolution, zu Intellektuellen wie Mikis Theodorakis oder Jacques Lacan. Manchem Kämpfer für eine gleichermaßen freiheitliche wie soziale Kultur hat bereits damals gedämmert, was auf die Menschheit in Europa zukommen könnte. Die Rede vom Faschismus, der sich einmal im anderen Gewand zeigen werde, diese Vision ist spätestens dann immer realer geworden als Gesellschaftskritik zum Heilsversprechen geworden ist.

Und in der Tat haben sich die Vertreter einer neuen Religion gegen das unliebsame Erbe einstiger Menschenfreunde erfolgreich durchgesetzt. Sie sind sich untereinander spinnefeind und doch in bestimmten Grundzügen ähnlich. Sie haben wieder angefangen zu glauben, an den allmächtigen Vater und die allmächtige Mutter, die im mystischen Nebel für uns die unverrückbaren Wahrheiten einer fanatischen Kultur bereithalten. Sie sind die neue Avantgarde, die uns endlich den Garten Eden bringt. Die Resultate ihrer 1968er-Auferstehung bedürfen keiner weiteren Reflexion. Die Welt ist zu Ende gedacht. Und Widerspruch wird geahndet mit den Mitteln der Ignoranz und Denunziation.

Es geht hierbei nicht um Christsein oder Nicht-Christsein. Dies ist keine theologische Diskussion. Es geht vielmehr um das Verschwinden einer gleichermaßen caritativen wie leidenschaftsbetonten Sozialität und die Selbst-Dramen positivistisch-esoterischer Hysteriker einer aufgestrebten Mittelklasse. Sie sind Lehrer und Pädagogen, Psychologen, Politiker, Soziologen und Wirtschafts-wissenschaftler, politisch grüne Katholiken und besonders friedensverliebte Protestanten. Sie sind meist akademisch hervorragend ausgebildet und können die Liebe ebensowenig ertragen wie das Leid. Doch ihre Nachfolger sind noch fanatischer als sie selbst. Denn sie haben die Wende vom Menschenfreund zum Orchideenpfleger gänzlich geschafft. Das Wort Widerstand werden wir nun nicht mehr hören, jedenfalls nicht im Land der eigenen pädagogisch-politischen Macht. Demokratie ist fortan etwas für die Volksrepublik China, während vor der eigenen Haustüre jeder freiheitliche Bildungsgedanke im Keim erstickt wird. Auf sinnentleerte Problemlösung und Dienstleistung zurechtgestutzte Kindertagesstätten, am besten 24 Stunden an sieben Tagen der Woche geöffnet, sind hier ein Garant neben anderen dafür, dass die neue Bourgeoisie auch in Zukunft keiner hinterfragt. Und nicht nur das. Kinder aus Migrantenfamilien haben das angeblich besonders nötig, da sie sonst durchs Raster fallen, durch jenes Raster, das ihre politischen Wohltäter tagtäglich mit neuem Leben füllen. Ähnliches gilt für unsere tierischen Erdenmitbewohner. Sie werden auf die grüne Insel gerettet, fernab vom bösen Menschen, während ihre Erretter weiter das Ökosystem Erde an die Wand fahren. Es ist eben leichter Zirkusdirektoren mit Hakennase darzustellen als dem Klimawandel entgegenzuwirken. Kinder, Tiere und Migranten, hier kann jeder zeigen, was er kann oder auch nicht. Wer hier aktiv wird, braucht im Kern nichts mehr zu reflektieren. Heute unsere Zukunft und morgen dann wieder der letzte Dreck, so in etwa kann man mit emotional aufgeladenen Kategorien einen Humanismus betreiben, der keiner ist. Es geht hier nicht um Tierschutz und Menschenliebe, sondern um die Möglichkeit politische Brandstifterei zu betreiben.

Den grünen Christen interessiert nicht, ob es dem Delphin im Delphinarium oder dem Tiger im Zirkus tatsächlich gut geht, ihm geht es darum die Freuden des Lebens zu bekämpfen, jene Ausdrücke antiker Leidenschaftlichkeit, wie sie z. B. durch den Delphinreiter symbolisiert werden. Ebensowenig wie es Bildungsplanern um den kindlichen Eigensinn oder die Gleichberechtigung von Migranten geht, sondern nur darum, wie man diese Menschen am besten in gängige Moden und Ideologien einpassen kann. Ein Kind, das den ganzen Tag Erwachsenen auf der Nase herumtanzt, ist nicht frei. Es ist gebunden an die Sinnleere seiner eigenen Existenz, welche ihm Elternhaus und Bildungsinstitution bescheren, die nur das selbständige Funktionieren vor Augen haben, das vermeintlich selbst gewählte Angebot, das keines ist, wenn es keine Alternative gibt. Der Dompteur steht jedenfalls im Regelfall nicht zur Wahl. Daran ändern auch kitschig-dogmatische Vorstellungen von Volksverbundenheit wenig, wenn die was weiß ich wievielte Diskussion darum losgeht, ob Dogmatismus im Namen der Toleranz tolerabel ist. Sie alle haben anzutreten, uniformiert und doch verschieden und am besten aus freiem Willen. Wir haben uns nützlich zu machen. Und wenn zwei Männer miteinander Sex haben, dann sollen sie doch bitte zumindest heiraten und ein Kind adoptieren.

Es ist eine nicht endende Welle an Verbrechen wider der Menschlichkeit, die uns tagtäglich tot nervt, deren Tragweite aber die wenigsten Menschen wirklich erkennen wollen. Der schöne Schein ist zu stark. Und das Schuldbewusstsein sitzt zu tief, weil da irgendwo doch ein Zweifel existiert, ob der bärtige Sandalenträger oder die blonde Businessfrau im Beamtensessel nicht doch recht haben könnten mit dem Vorwurf, dass wir uns schuldig machen an Kindern, Tieren und Migranten, wenn wir nicht ihren Wahrheiten folgen.

Ihr Kredo ist so einfach wie primitiv:

Alles ist möglich! Denn jeder kann alles sein. Ob du lieber Käse magst oder Wurst, darüber sollst du am besten gar nichts wissen. Das ist so, als wenn Christian Walliser auch einfach Philosoph anstatt Dompteur sein könnte. D. h.:

Alles ist egal! Weil deine Biographie und das, was du liebst, keine Rolle spielen. Insofern nimm, was daliegt und klage nicht. Im Zweifel bedeutet das:

Du musst dich ändern! Und wen du das nicht machst.

Dann bist du selbst schuld!

Das ist das Ende jedweder Menschlichkeit! Nur weil ein Haufen Fanatiker das Leid nicht ertragen kann und uns die Paradiesvorstellung der Zeugen Jehovas als progressive Wende verkauft. Das zeigt aber auch: Wer nicht sterben kann, ist zum Revoluzzer nicht gemacht. Eine Lehre in Sachen Kultur bei manchem Raubtierlehrer wäre gegenwärtigen Pseudo-Rebellen sicher eine gute Schule gewesen.

Geschrieben von:

Dennis Wilhelm

Erziehungswissenschaftler und Pädagoge aus Frankfurt am Main

www.denniswilhelm wildtierdressur.de

Dennis Wilhelm ist Mitglied im Aktionsbündnis "Tiere gehören zum Circus".

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