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Großes Problem: Das Tierrecht am Beispiel von Sea World

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KILLER WHALE
Xavier Marchant via Getty Images
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Sehr geehrte Damen und Herren,

die zunehmende Macht der Tierrechtsszene in den USA hat mich zu den folgenden Zeilen bewogen. Sie sollte uns Ansporn sein in Deutschland vehementer gegen diese Form des Fanatismus vorzugehen:

Ein umfassenderes Problem: die Tierrechtsproblematik am Beispiel der Killerwale in Sea World

Wir als Aktionsbündnis kümmern uns zwar vorrangig um den Erhalt des klassischen Zirkus hierzulande. Doch gerade der Blick über den institutionellen und nationalen Tellerrand hinaus macht manchmal erst das ganze Ausmaß der momentanen Tierrechtsproblematik deutlich.

Und mich als Delphinariums-Fan lässt es selbstverständlich nicht kalt, wenn Sea World CEO Joel Manby am 17. März diesen Jahres in der LA Times das Ende des Killerwal-Zuchtprogramms verkündet. Der vorhandene Bestand soll die letzte Generation sein.

Sea World beugt sich damit dem Druck, wie er zuletzt v. a. durch den Film "Blackfish" noch einmal massiv erzeugt worden ist und folgt dem Prinzip "König Kunde".

Das zeigt sowohl ein kulturell-gesellschaftisches als auch ein zoologisch-tiermedizinisches Dilemma auf, in einer Gesellschaft, deren Probleme auch zunehmend die unseren werden: Der Markt dominiert die kulturellen und sozialen Wertvorstellungen. Und im Zuge dessen interessieren auch keine wissenschaftlich fundierten Aussagen über das Wohl der Tiere. Die Bundesratsinitiative zeigt: Wir sind auf ähnliche Abwegen. Humanität wird dagegen immer mehr in illusionären Heilsversprechen gesucht, wie sie von PETA und anderen Organisationen verkündet werden.


Eine Ära geht zu Ende

Die Killerwale der drei Sea World Parks, über Jahrzehnte sind sie das Markenzeichen des Meereszoos gewesen.

Die enge Zusammenarbeit der Trainer mit ihren Schützlingen, vor allem die Darbietungen im Wasser, haben schon fast Kultstatus gehabt.

Mindestens genauso wichtig ist aber, dass bei der Haltung dieser größten aller Delphine den Sea World Parks eine tiergartenbiologisch-tiermedizinische Pionierrolle zugekommen ist.

Mit der Killerwal-Haltung in Sea World endet somit nicht nur eine besondere Form anspruchsvoller Unterhaltung, sondern auch eine Vorreiterrolle in Sachen guter Delphinhaltung.

Zu den Fakten

- 1985: erstmals erfolgreiche Aufzucht eines in menschlicher Obhut gezeugten Jungtieres in Sea World Orlando,

- 1993: bereits acht erfolgreiche Aufzuchten, bei einem Gesamtbestand von 19 Tieren. Die Nach-zuchten sind zum genannten Zeitpunkt zwischen unter einem Jahr und acht Jahren. Eines der Tiere gehört bereits zur zweiten Generationen. Zwei weitere Aufzuchten sind in kanadischen Parks zur Welt gekommen,

- jährliche Überlebensrate im Vergleich zu Tieren im Freiland: kein signifikanter Unterschied für die letzten 15 Jahre feststellbar,

- neonatale Sterblichkeit: mit 6,5 Prozent nicht nur unter jener der Großen Tümmler (14,3%) und Belugas (14,3%), sondern auch unterhalb bestimmter Nutz- sowie von gängigeren Zootieren, wie Rind (11,7%), Pferd (11%), Giraffe (14%) und Afrikanischer Elefant (12-37%).


Auf die konkreten Haltungsbedingungen kann hier nicht näher eingegangen werden. Es soll uns statt dessen der Hinweis aus HEDIGERS "Wildtiere in Gefangenschaft" genügen, wonach die Aussagekraft von Zuchterfolgen über die Haltungsqualität mit der Komplexität der Haltungsansprüche einer Art zunimmt.

Schaut man sich insbesondere die Beschreibung von ASPER et al. zu den Haltungsbedingungen in den Sea World Parks an, wird schnell deutlich, dass die erfolgreiche Zucht von Orcinus orca einen hohen Standard voraussetzt.

Um so erschreckender ist die Macht, die mittlerweile der Tierrechtsszene zukommt.

Alles begann mit der Frage nach dem Tod

Im Februar 2010 stirbt die Trainerin Dawn Brancheau, nachdem sie ein Killerwalbulle vor den Augen des Publikums tödlich verletzt. Zunächst vorübergehend und auf eigene Initiative, dann auf Anweisung der Occupational Safety and Health Administration ist die Arbeit mit den Tieren im Wasser eingestellt worden. Einen damit im Zusammenhang stehenden richterlichen Beschluss hat Sea World nicht mehr in Erwägung gezogen anzufechten.

Das ist nicht nur der Anfang vom Ende der Wasserarbeit gewesen, sondern zugleich der Anbeginn einer Diskussion, ob man Killerwale überhaupt in menschlicher Obhut halten solle.

Sea World hat m. E. einen fundamentalen Fehler in über fünf Jahrzehnten Killerwal-Haltung begangen. Und dieser liegt in der steten Befriedung des Kundenwunsches nach heiler Welt, anstatt die Nähe zum Wal den Menschen als das zu präsentieren, was sie ist: unglaublich schön und trotzdem z. T. gefährlich.

Doch können wir etwa damit nicht mehr umgehen?

Quellen:

Und ist die Bundesratsinitiative, für die sich analog zu Sea World dieselben tiergartenbiologischen Schlussfolgerungen formulieren ließen, damit vielleicht mehr ein moralisches Problem, Ausdruck einer Doppelmoral, im Zuge einer Anpassung an US-amerikanische Verhältnisse?

www.latimes.com/opinion/op ed/la oe 0317 manby sea world orca breeding 20160317 story.html
ASPER, Edward D. ; YOUNG, W. Glenn ; WALSH, Michael T.: Observations on the birth and development of a captive-born killer whale Orcinus orca. In: International Zoo Yearbook, London 27 (1988), S.295-304.
ANDREWS, Brad ; DUFFIELD, Deborah A. ; MCBAIN, James F. ; ODELL, Daniel K. : Killer whale (Orcinus orca) reproduction at Sea World. In: Zoo Biology, New York 14 (1995), S. 417-430.
ROBECK, Todd R. , O'BRIEN, Justine K. ; SCARPUZZI, Michael R. ; WILLIS, Kevin: Comparisons of life-history parameters between free-ranging and captive killer whale (Orcinus orca) populations for application toward species management. In: Journal of Mammalogy, New York 96 (2015) 5, S. 1055-1070.
Vgl. HEDIGER 1942, S. 42 und S. 145.
www.usatoday.com/story/news/nation now/2014/08/20/seaworld trainers orcas osha/14345341/

Geschrieben von:
Dennis Wilhelm
Erziehungswissenschaftler und Pädagoge aus Frankfurt am Main
www.denniswilhelm wildtierdressur.de

Dennis Wilhelm ist Mitglied im Aktionsbündnis "Tiere gehören zum Circus".

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