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Der klassische Zirkus an der Wand

20/07/2015 16:09 CEST | Aktualisiert 29/12/2016 10:49 CET
Dennis Wilhelm

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Sehr geehrte Damen und Herren,

die in Berlin am 20. Juni diesen Jahres stattfindende Demonstration gegen die Haltung von Wildtieren im Zirkus haben mich dazu veranlasst die folgenden Überlegungen in die Diskussion einzubringen:

Der klassische Zirkus an der Wand: ein Blick in die Heimat von PETA und Sea World

von Dennis Wilhelm

Wenn am 20. Juni in Berlin eine Demonstration gegen Wildtiere im Zirkus stattfinden wird, dann lohnt ein Blick in die USA. Warum? Weil PETA eine der treibenden Kräfte in Deutschland gegen die Haltung von Wildtieren im Zirkus ist und eben dort ihren Ursprung hat. Die Tierrechtsideologie oder auch nur ein radikaler Tierschutz sind zwar keine genuin US-amerikanische Ideen. Aber es muss doch verblüffen, wenn in den Sea World Parks die Trainer nicht mehr zu den Schwertwalen ins Wasser gehen, weil dem Meereszoo die Tierrechtler im Nacken hängen. Noch vor wenigen Jahren sind derartige Darbietungen Standard gewesen, um nicht zu sagen die Attraktion der Sea World Parks schlechthin: die US-amerikanische Antwort auf den antiken Delphinreiter, nur deutlich pompöser.

Tierhalterisch hat sich Sea World v. a. mit seinen weltweit herausragenden Erfolgen in der Haltung und Zucht von Schwertwalen einen Namen gemacht. Die erste erfolgreiche Aufzucht überhaupt hat 1985 in Orlando stattgefunden. Wie kann es also sein, dass in einem und dem selben Land tiergärtnerische Mondlandung, um einen Terminus des ehemaligen Duisburger Zoodirektors Gewalt zu gebrauchen, und Tierrechtsideologie so eng nebeneinander existieren? Selbst der eine oder andere ehemalige Delphintrainer positioniert sich gegen Sea World, sozusagen die beschriebene gesellschaftliche Spaltung in einer Person.

Lassen Sie uns einen Exkurs in die 1990er Jahre unternehmen: In dem Kinohit "Free Willy" springt der tierische Protagonist über die Wellenbrecher, nachdem sein junger Menschenfreund ihn aus seinem Bassin in einen Yachthafen gebracht hat. Totemistisch beschwörend delegiert Jason James Richter den Schwertwalbullen zurück in die Wildbahn. Bis zum vermeintlichen Heimweh des Wals spielen Junge und Wal jedoch im Delphinarium: ein filmischer Höhepunkt, an dem zwei Dinge paradox sind. Erstens sind die Zuschauer von diesem emotionalen Highlight des Films mindestens genauso gefesselt gewesen wie von dem späteren Befreiungsversuch. Zweitens sind diese Szenen auf der Grundlage von Dressur entstanden, gegen welche der Film polemisiert.

Dass Shamu & Co mitunter seit Jahrzehnten nicht am Beckenrand lungern, um den Weg nach draußen zu finden, ist nicht weiter verwunderlich. Wie alle anderen Tiere auch flüchten Schwertwale nie vor dem Gehege selbst, sondern bestenfalls vor einer unangenehmen Situation, z. B. vor einem Blitzschlag im Huftiergehege, sofern die Tiere dort alles finden, was sie zum Leben brauchen. Das hat uns jedenfalls die Tiergartenbiologie von Heini Hediger bereits vor Jahrzehnten gelehrt, ebenso dass der Fanatismus so genannter Tierschützer kein neues Phänomen darstellt.

"Willy" ist begehrt worden. Doch er ist so toll, dass man das eigentlich gar nicht darf. Muss er nun befreit werden? Oder soll er vielmehr doch gehalten werden, gerade weil er so toll ist?

Es geht in dem besagten Film nicht nur darum, dass der Junge einen Wal vor skrupellosen Geschäftsleuten retten will. Es geht v. a. um Schuld, das schlechte Gewissen vom Adamsapfel genascht zu haben. Und dann kommt die Quittung: Du böser Mensch hast dich schuldig gemacht, dass ein Tier eine Menschenfreiheit vermisst, die es in der Realität gar nicht kennt.

"Willy" ist also nicht nur einfach ein begehrtes Tier, er ist der große starke Freund, so wie "Shamu" in Sea World, das Sinnbildbild von einem Superhelden, so bombastisch wie der Befreiungsversuch am Ende des Films und v. a. die US-amerikanische Gesellschaft, gefangen zwischen Raubtierkapitalismus und Disney-Fantasien à la "Pocahontas". PETA ist wie ein solcher Disneyfilm, ein fanatischer Heilsbringer in einer von Konsum regierten Gesellschaft. Tiere werden hier zu einer Projektionsfläche für alle möglichen konträren Wunschvorstellungen.

Fakt ist: Wir sind in Europa inzwischen auf ähnlichen Abwegen unterwegs. An die Stelle von kulturhistorischer Wertschätzung und Auseinandersetzung in einem Sozialstaat tritt zunehmend eine Konsumkultur mit ähnlichen kulturpessimistischen Paradiesvorstellungen. Den klassischen Zirkus stellt dies auf direktem Weg an die Wand. Wir sollten uns wieder dem antiken Delphinreiter annehmen, endlich aufhören dem Spiegelbild vom besseren Selbst hinterherzurennen. Denn ein Tierrechtler ist keine besondere Spezies, ein solcher steckt vielmehr in jedem von uns.

Geschrieben von:

Dennis Wilhelm

Erziehungswissenschaftler und Pädagoge aus Frankfurt am Main

www.denniswilhelm wildtierdressur.de

Dennis Wilhelm ist Mitglied im Aktionsbündnis "Tiere gehören zum Circus".

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