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"Ganz jesuitisch raffiniert": das Tierwohl-Argument

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CIRCUS ANIMALS
Roaring lioness in circus arena | Jerry Yulsman via Getty Images
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Sehr geehrte Damen und Herren,

als PĂ€dagoge und Erziehungswissenschaftler in Frankfurt am Main habe ich gewissermaßen seit Jahren regelmĂ€ĂŸig Umgang mit Personen, die sich als politisch progressive KrĂ€fte verstehen. Im weitesten Sinne nehme ich das fĂŒr mich auch in Anspruch, wenngleich mit einigem mir notwendig erscheinenden Abstand. Ich habe mir jedenfalls gedacht, es ist Zeit fĂŒr ein ResĂŒmee:

"Ganz jesuitisch raffiniert": das Tierwohl-Argument

Wir als AktionsbĂŒndnis sind zunĂ€chst ein Zusammenschluss von Personen, die unterschiedlichen politischen Strömungen angehören, wenngleich wir uns alle dem demokratischen Rechtsstaat verpflichtet fĂŒhlen. Das fĂŒhrt dann mitunter auch zu spannenden und manchmal auch krĂ€ftezerrenden Diskussionen, zu denen wir offensichtlich aber in der Lage sind. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied zu eigentlich allen unseren Gegnern, deren Philosophie mit dem Statement "Du musst Dich Ă€ndern!" zusammengefasst werden kann.

In meinen Texten habe ich oft kritisiert und auch analysiert, wie sich weite Teile der politischen Linke in diesem Land vor einen solchen Karren spannen lassen. Ob Delphinarium, Zoo, Zirkus oder die private Haltung exotischer Wildtiere, sie alle bekommen ihr Fett weg. Zirkusfreunde, wie Gregor Gysi, sind da die große wenngleich erfreuliche Ausnahme.

Doch heute will ich eine ganz persönliche Bilanz ziehen.

Ich selbst habe an der UniversitĂ€t in Frankfurt am Main Erziehungswissenschaften studiert. Historisch gesehen sind dieser und Ă€hnliche Fachbereiche des einen (Sigmund) Freud und des anderen Leid, jedenfalls zumindest ĂŒber einen langen Zeitraum StĂ€tten von mehr und manchmal auch weniger verheißungsvollen Formen dessen, was man als Gesellschaftskritik bezeichnen kann.


Eigene Motive fĂŒr eine kritische Aufarbeitung hat es fĂŒr mich viele gegeben, alleine schon, weil auch ich die wenig verheißungsvolle Ehre gehabt habe an einem ganz klassischen deutschen Gymnasium zu erfahren, was es heißen kann in Deutschland zur Schule zu gehen:"To Kill a Mockingbird"ist gut, um SchĂŒler einer bestimmten Jahrgangsstufe an ĂŒberzogenen AnsprĂŒchen scheitern zu lassen, schlecht, um den damals von der Schule errichteten zusĂ€tzlichen Zaun, zur Abschirmung gegen die "asoziale" Klientel anderer Schulen, sprich der Haupt-, Real- und Gesamtschulen, zu hinterfragen, so wie Kultur ĂŒberhaupt fast ausschließlich dafĂŒr da gewesen ist die Spreu vom Weizen zu trennen.

Es ist ein politisch linker Professor aus der 68er-Bewegung gewesen, der den entscheidenden Anstoß zu meinen gegenwĂ€rtigen Überlegungen gegeben hat, dass eine naturhistorische Biologie gewissermaßen das kritisch gewendete Pendant zu dem LĂŒgenmĂ€rchen aus Schulzeiten darstellt, wonach klassische Zoologie Kinderkram, Molekularbiologie die buchstĂ€bliche Krone der Schöpfung darstelle. Denn wenn Biologen faktisch nur noch Physik und Chemie betreiben, kann man ihre Disziplin eigentlich auch abschaffen. Das kommt davon, wenn meist jene Abitur machen, die das entsprechende Elternhaus haben und die alles daran setzen, dass es an der Schule nicht zu intellektuell zugeht, aber bis zur geistigen Selbstauflösung ganz hoch hinaus wollen. Wehe dem Nicht-BĂŒrgertumskind, das anderes im Sinn hat.

Obendrein ist besagter Professor noch das glatte Gegenteil von all dem gewesen, wogegen wir als AktionsbĂŒndnis kĂ€mpfen: keine wandelnde Halbbildung, wie manch einer aus der damaligen Neuen Linken, von den ZustĂ€nden heute ganz zu schweigen.

Ich bin dankbar fĂŒr bestimmte Begegnungen an der UniversitĂ€t, wie ich sie habe noch erleben dĂŒrfen. Doch ich kann genauso wenig darĂŒber hinwegsehen, dass das Kernproblem der heutigen Tierschutz- und Tierrechtsdiskussion in einem Milieu begrĂŒndet liegt, bei dem gewissermaßen die progressive Boheme die Wurzel des Übels darstellt.

So hat mir ein anderer 68er-Veteran des Fachbereichs zum Thema Zoo- und Zirkustierhaltung einmal weis machen wollen, dass dies ja eine Form von PrĂ€sentation und eine solche abzulehnen sei. Amphibisch lebende Ohrenrobben sind in diesem Zusammenhang dann gleich als rein aquatisch ausgewiesen worden, um VorfĂŒhrungen an Land der TierquĂ€lerei zu ĂŒberfĂŒhren.

Da kann man sich allenfalls noch trösten mit: DIE progressiven PĂ€dagogen gibt es nicht! Das ist ĂŒberhaupt DIE rhetorische Floskel, hinter der vor allem "kritische" PĂ€dagogen, mit Bezug auf was auch immer, sich nur zu gern verstecken. Sie fĂŒhlen sich mit auffallender HĂ€ufigkeit falsch verstanden und erheben die von ihnen dekonstruierten FĂ€lle, wie es so schön heißt, welche zudem immer nur zu ganz wenigen ausgewĂ€hlten Personengruppen gehören, ebenfalls in den Stand der ewig falsch Verstandenen: ein ewiger Kreislauf der immer selben platten AttitĂŒden.

TiefgrĂŒndige kulturhistorische Grundsatzdiskussionen werden da wenn ĂŒberhaupt schnell zur Fassade. Und Sinnhorizonte, wie GlĂŒck, Begehren, Tod oder Liebe haben ohnehin nur langsam in die erziehungswissenschaftliche Diskussion Einzug gehalten, um dann im nun kulturwissenschaftlich-alternativen Sumpf, der vermeintlich großen Wende, sogleich wieder entstellt zu werden. Weltreligion statt Marx, aber kein Abschied von der Illusion, damals nicht und heute nicht. Die meisten PĂ€dagogen lieben Illusionen, genauso wie weite Teile der deutschen Linken: kein Raum fĂŒr kulturelle SchwĂ€rmereien mit kritischem Antlitz. Die neue Veggie-Boheme, die fest im Glauben steht, ist da kein Deut besser und meist noch schlimmer.


Der Hass vieler Linker gegen die Tierhaltung als eine Form von Unterhaltung, Kunst, freudigem Erleben oder wie auch immer hĂ€lt sich hartnĂ€ckig und ist ebenso erstaunlich wie idiotisch. Der Zoo als Fabrik im Dienste des Artenschutzes ist da gerade noch akzeptabel. Im 19. Jahrhundert und darĂŒber hinaus hat der Tierschutz in den europĂ€isch-bĂŒrgerlichen Gesellschaften mitunter als Vorwand gedient die menschlichen Folgen der Klassengesellschaft zu kaschieren: Wer gut zu Tieren ist, kann beim Menschen auf Sparflamme schalten. Die KunstfelswĂŒsten des Carl Hagenbeck sind nicht nur zoologisch nutzlos gewesen, sondern auch die perfekte Kulisse, um Menschen aus fremden LĂ€ndern als lebendige Schubladen fĂŒr kolonial-europĂ€ische Stereotype zu missbrauchen: der historisch-Ă€sthetische Ausgangspunkt fĂŒr das Modell vom Öko-Zoo. Und kein anderer als die Nazis haben es besser verstanden Tierliebe und Menschenhass zur grĂ¶ĂŸten Synthese zu bringen.

Post-rousseausches Revoluzzertum hatte eigentlich spĂ€testens seit Marx und Freud seine kulturpessimistischen HöhenflĂŒge weitgehend hinter sich gelassen, da als bĂŒrgerliche SchaumschlĂ€gerei enttarnt. Kritische Wissenschaft in ihrer intellektuellsten Gestalt geht eben von RealitĂ€ten aus. Ohne Annahme einer RealitĂ€t kann es keine kritische Wissenschaft geben: aber warum? Das ist ganz einfach. Es gibt zwei Richtungen von Gesellschaftskritik. Die eine Richtung will jede Diskussion vermeiden und setzt an die Stelle der Auseinandersetzung ein uns drohendes Dogma, wie den allmĂ€chtigen Vater, mittels dessen sich die RealitĂ€t zurechtgebogen wird, z. T. ohne es zu merken, Freud zum Trotz. Die andere Richtung will methodologisch-inhaltlich vielfĂ€ltige Analysen, also ĂŒber die PlausibilitĂ€t von Interpretationen diskutieren, welche sich auf die eine einzige RealitĂ€t beziehen, die wir haben. Es gibt kein Auto, das gegen eine Wand fĂ€hrt und gleichezeitig nicht gegen eine Wand fĂ€hrt, genauso wenig wie einen Löwen mit niedrigem und gleichzeitig hohem Cortisol-Wert, außer man folgt dem Modell vom grĂŒnen Christen.

Dann ist alles relativ und trotzdem Ausdruck ein- und desselben Prinzips. Toleranz gibt es fĂŒr jene, die mit dem Leben abgeschlossen haben, die sich erpressen lassen mit protestantischer Arbeitsethik und katholischem Schuldbewusstsein, seien es nun waschechte Christen oder jene, welche nicht merken, dass sie christlich-fundamentalistisch argumentieren. Und manchmal kommt sogar ein Papst um die Ecke und bricht eine Lanze fĂŒr die Zirkusleute, wĂ€hrend die alternative Boheme in ihrer Tristesse fast ersĂ€uft.

Das Tierschutz-Argument ist fĂŒr diese Klientel nur eine Waffe von vielen, genauso wie sie auch andere Personengruppen gegeneinander ausspielen.

Und wir mĂŒssten nicht einmal das Rad neu erfinden, um dem entgegenzuwirken. Doch bis dahin gilt, analog zur Tierrechtsproblematik in linken Kreisen, ein Ausspruch Herbert Wehners zu Karl Marx, damals an Franz Josef Strauß gerichtet:

"Wenn Sie das Wort Marxist hören, gehts Ihnen so, wie Goebbels damit operiert hat, nichts anderes, nich. Sie sind nÀmlich genauso dumm in dieser Frage, wie jener war, nur war er ganz jesuitisch raffiniert."

Geschrieben von:
Dennis Wilhelm
Erziehungswissenschaftler und PĂ€dagoge aus Frankfurt am Main
www.denniswilhelm wildtierdressur.de

Dennis Wilhelm ist Mitglied im AktionsbĂŒndnis "Tiere gehören zum Circus".

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