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Die Sache mit dem Artenschutz: warum der klassische Zirkus zerstört werden soll

05/04/2016 20:29 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 11:12 CEST
lara_zanarini via Getty Images

Sehr geehrte Damen und Herren,

der immer wieder stattfindende Missbrauch des Artenschutzgedanken für ein Wildtierverbot in Zirkussen haben mich dazu bewogen meine Argumente in die Debatte einzubringen:

Die Sache mit dem Artenschutz: warum der klassische Zirkus zerstört werden soll

Artenschutz kann dafür da sein bedrohte Tierarten vor dem Aussterben zu bewahren. Er kann aber ebenso gut dazu missbraucht werden den Menschen aus seinem Verhältnis zum Tier zunehmend zu lösen. Dann wird aus Ökologie quasi eine Art Öko-Mystik.

Der Artenschutz wird jedenfalls von Politikern und einzelnen Vertretern der Zoos immer wieder als entscheidendes Argument angeführt, warum Wildtiere im Zirkus nicht mehr zeitgemäß sein sollen. Dabei sagt die Tatsache, ob der Zirkus dem Artenschutz dienlich ist oder nicht, rein gar nichts darüber aus, ob es den Tieren gut geht. Soll heißen: Dem Zirkus wird per se eine schlechte Tierhaltung unterstellt. Aber ohnehin sei die Tierhaltung im Zoo vorzuziehen, da sie dem Artenschutz diene. Das ist gelinde gesagt idiotisch.

Ein gute Analogie, zur Erläuterung dieser Problematik, stellen die Reformen im deutschen Bildungs-system dar. Ist es in den 1960er und 1970er Jahren den Linksintellektuellen, wie dem Frankfurter Erziehungswissenschaftler Heinz Joachim Heydorn, um eine Schule für alle Kinder in der europäischen Bildungstradition gegangen, ist die SPD mit der Idee vom funktionierenden Zahnrad für alle durch die Gegend marschiert. Das Verb "marschieren" trifft es insofern ganz gut, als Heydorn, einst selbst SPD-Mitglied, von eben dieser aus der Partei ausgeschlossen worden ist. Und mit der Teilnahme am Bologna-Prozess hat man in der rot-grünen Koalition den Weg dafür geebnet, dass die Universität Querdenker, wie Heydorn, in Zukunft definitiv nicht mehr hervorbringen wird. Bildung hat eben nützlich zu sein, für kritische Reflexionen ist da kein Raum.

Für Heydorn und andere Erziehungswissenschaftler seiner Zeit, hat Kritik v. a. etwas mit einem Bewusstsein für die Historizität der Welt, wie sie ist, zu tun gehabt und nicht damit seinen eigenen Namen tanzen zu können.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Biologie offenbart uns z. B., warum die Auseinandersetzung mit dem exotischen Wildtier bis heute in besagter Disziplin ein Außenseiterthema geblieben ist. Kritische Bildung soll das Subjekt in die Lage versetzen die Welt zu verstehen, um sie in menschlicher Absicht verändern zu können und nicht in gleichschaltender Manier den neuen Garten Eden auszurufen.

Doch es ist eben dieses historisch fundierte kritische Bewusstsein, dass der deutschen Sozial-demokratie und auch anderen politischen Strömungen schon immer gefehlt hat und welches sie bis heute entschieden bekämpfen. Das führt dann mitunter zu paradoxen Situationen, wenn z. B. mit einer Öko-Mystik an ein christlich-fundamentalistisches Welt- und Menschenbild angeknüpft wird, wo sich doch ein progressives Kleinbürgertum nur zu gerne als heimlicher Hüter der Trennung von Kirche und Staat inszeniert: Der sündhafte Mensch hat Buße zu tun, sich nicht zu freuen, sich als blaue Ameise einzureihen.

Die Geschichte der bürgerlichen Zoos lässt eindeutige Bezugnahmen auf christliche Paradiesvorstellungen erkennen, die ja die Hoffnung beinhalten das lasterhafte und risikobehaftete Potential des Kulturellen zu überwinden. Selbstverständlich wird damit Natur zur Projektionsfläche, da sie selbst ja weder frei von Begehren noch von Tod ist. Der Zoo als die kleine heile und v. a. für den Artenschutz nützliche Welt, die von Tierpräsentationen mit ästhetischem Anspruch nicht all zu viel wissen will, sie ist wie gemacht für politische Traditionen, deren größten Kritiker derselben politischen Richtung angehören.

Dass der Bruch mit der Naturromantik der Zoogründer des 19. Jahrhunderts, durch Personen, wie Heini Hediger, den Begründer der Tiergartenbiologie, bahnbrechende Fortschritte, bei der Haltung von Wildtieren, nach sich gezogen hat, muss dann fast zwangsläufig unter den Teppich gekehrt werden. Und Hediger ist bekanntlich Zirkusfreund gewesen.

Geschrieben von:

Dennis Wilhelm

Erziehungswissenschaftler und Pädagoge aus Frankfurt am Main

www.denniswilhelm wildtierdressur.de

Dennis Wilhelm ist Mitglied im Aktionsbündnis "Tiere gehören zum Circus".

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