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Partypatriotismus - Warum die Grüne Jugend doch recht hat

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Screenshot vom 12. Juni 2016, 21.21 Uhr

Mit diesem Bild und dem dazugehörigen Text löste die Grüne Jugend RLP am 10. Juni 2016 eine Welle in Deutschland aus. Ca. 10000 Reactions (bzw. Likes), fast 8700 Shares und knapp 23000 Kommentare und eine Reichweite von über 2,6 Millionen Menschen (laut eigenen Angaben) lassen sich knappe 48 Stunden später vermerken.

Die Reaktionen: Einige Zustimmungen, aber weit mehr eine Welle der Empörung. Die Verantwortlichen haben eindeutig einen präzisen Stich ins Herz geleistet, die Zielgruppe erreicht und eine große, multimediale Debatte ausgelöst. Wie patriotisch und nationalistisch macht uns eine internationale Großveranstaltung?

Nun möchte ich im Folgenden die linke Meinung vertreten und die Argumentation der Grünen erörtern und dafür das Verständnis für die fassungslosen Menschen rüberbringen.

Event-abhängiger Patriotismus

Die GJ fordert eindeutig, dass Nationalflaggen, nicht nur deutsche Fahnen, nicht verwendet werden. Dennoch geht es bei der Fokussierung auf die deutschen Nationalflaggen darum, dass Menschen ungeachtet der Historie eventabhängig Patriotismus zeigen. Es wird Deutschland gefeiert, auch wenn es nicht wirklich um das Land geht (Stichwort ESC "Satellite", Papst "Wir sind Papst", Fußball "Wir sind Weltmeister usw...).

Es wird so anscheinend eine Identifikationsgrundlage gesucht, die nun mal Deutschland als Staat und das Bewusstsein für die Geschichte (Weltkriege, Holocaust) in den Hintergrund (ver-) drängen und so quasi ausschließlich Erfolge zeigt. Ebendies darf man nicht tun. Meines Erachtens hat das nichts mehr mit Nationalzusammenhalt und Freundschaft zu tun, wenn man hinter dem einen Team steht, welches multikulturell besetzt ist. Man muss alle Kulturen feiern und den Sport als Sport genießen!

Eine vielfältige Mannschaft ist ein gutes Zeichen und steht auch für eine gute Integration, warum dann nationalistisch zurückrudern und sich nicht international präsentieren? Aber nicht gut ist es in dem Bereich, bei dem man sich als Feinde gegenübertritt und nicht als Freunde - was eben bei diesem internationalen Event so ist.

Da befeindet man eine Mannschaft eines anderen Landes und deren Anhänger*innen, gegen die man eigentlich nichts hat und die man eigentlich nicht kennt, aber es nur macht, weil Mensch sich eben zur "eigenen" "Mann"schaft der eigenen Nation bekennt, die eigentlich nur durch einen Strich auf der Landkarte besteht. Man muss hier mal mehr internationalistisch denken!

Neue Rechte

Wenn man schon hinter einem Land so stehen möchte (und zwar nicht saisonal und für bestimmte Events), muss man hinter vielem stehen. Ich stehe nicht hinter den leider aufflammenden Rechten Ideologien, Brandanschlägen auf Geflüchtetenheime, Intoleranz, Xenophobie und sonstigem.

Ich kann nicht stolz sein auf ein Land, bei dem nach der Geschichte, wie wir sie haben, eine AfD oder NPD in Parlamente einzieht und vereinzelt Bürgerinnen und Bürger eine solche Weltanschauung haben. Und dann "patriotisch" sein wollen und sich auch so fühlen und das auch dann heißt, dass genau diese "ihr" Land, "ihr" Volk schützen müssen vor Menschen, die vor dem Tod flüchten.

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Die Reactions

Die Fußballmannschaften der anderen Länder sind im Spiel Feinde und das merkt man auch an den Gewalttaten unter den Fans und den vielen Anfeindungen. Das ist wieder dieser Patriotismus. Und wer hier entgegnet, dass die EM ein internationales Sportevent ist, welches auf freundschaftlicher Basis stattfindet und die Feindschaften gar nicht so schlimm sind, ignoriert die vielen Ausschreitungen.

Prügeleien zwischen Fans von England gegen Frankreich, die „Deutschen" in Lille (Ort in Frankreich) mit Hitlergruß und Nazigesängen und Gewalt gegen andere (wahrscheinlich sind das die ersten, die in Deutschland brüllen, dass kriminelle Ausländer raus müssen, so ganz nebenbei); für mich gibt es keine Gewalt auf freundschaftlicher Basis, das ist vergleichbar mit einer einvernehmlichen Vergewaltigung (in der Tat, sowas gibt es nicht!).

Ausschreitungen und Krawalle

Natürlich gibt es diese wenigen „Bekloppten unter den Fußballfans" (Zitat aus einem Facebook-Kommentar). Aber warum muss es denn so weit kommen? Und die Bilder und Videos und Polizeistatistiken zeigen, dass die wenigen gar nicht mal so wenige sind! Ungefähr 9000 Verhaftungen, 170 schwere Verletzungen wegen Pyrotechnik, fast 2 Millionen Arbeitsstunden bei der Polizei - so die Statistiken der nordrhein-westfälischen Polizei für die Bundesligasaison 2013/ 2014 mit steigender Tendenz.

Und es gibt Überschneidungen zwischen Nazis, die Geflüchtetenunterkünfte anzünden (also die Handlung aktiv vornehmen), Menschen, die das teilweise für gut befinden oder generell bei Asylbewerbenden eine negative Einstellung haben und Fußballfans, die gerne mal die Fahne wedeln. Ebenfalls darf man sich nicht von Deutschlands Geschichte vor 70 Jahren distanzieren.

Einige mögen zu sagen pflegen, dass die Gesellschaft nun eine Neue sei, die sich die Grausamkeiten ihrer Elterngeneration zu Herzen nähme und jede andere Nation patriotisch auftreten dürfe. „Und in Deutschland leben immer dann die Nazis, wenn es jemand anderem in der Welt nicht passt. Das ist eine Form der Diffamierung, die man als solche schon als Rassismus bezeichnen kann." So schreibt ein Nutzer.

Die Geschichte darf sich nicht wiederholen, was aber gerade geschieht! Die Vergangenheit ist das, was uns nun mal ausmacht und prägt. Wenn man die Ereignisse ungeschehen machen könnte, wäre das ja gut. Da das aber nun mal nicht geht, darf man auf gar keinen Fall leben nach dem Motto "Och, ist schon 70 Jahre her, lasst mal über den eigenen Schatten springen und wieder ein bisschen trennen zwischen deutsch und nichtdeutsch"....

Das eventabhängige Singen einer Nationalhymne, bei der eine Strophe verboten ist und der Rest aber dann doch irgendwie cool ist, das Schwenken einer Fahne "schwarz-rot-gold", die dereinst nicht nur burschenschaftlichen Ursprungs, sondern auch die Kriegsflagge Österreichs war, kann man meiner Auffassung nach nicht mit einer Tradition und einem nicht existierenden Recht bezeichnen, um die Verbundenheit zu einer Heimat zu Großveranstaltungen zu zeigen, die aus ursprünglich tausenden Pfalzen bestand. Nationalhymnen und Flaggen passen einfach nicht mehr in eine moderne, immer mehr vernetzte Welt.

Und wenn man sich an den rassistischen „Gaucho-Tanz" des Sommermärchens 2014 erinnert. Es wurde darüber öffentlich breit diskutiert. Doch obwohl wir in Deutschland einen ganz guten Bildungsstand haben, wurde unreflektiert dieser Tanz abgehalten und von den Menschen gehyped! Das ist nun mal Nationalismus und damit auch Rassismus!

Patriotismus ist Nationalismus

"Nationalismus ist eine Form von Patriotismus. Wer sich als patriotisch definiert, grenzt Andere aus. Die Wirkung von Patriotismus hat immerzu Konsequenzen und wird besonders dort deutlich, wo er sich als aggressive Form darstellt und das Andere als Feind stigmatisiert." - so ein Ausschnitt aus der Pressemeldung der Grünen Jugend.

Das mit dem unverkrampften Patriotismus würde erst dann in Deutschland funktionieren, wenn der historische und der immanente Nationalismus nachhaltig aufgearbeitet werden würde.

Ein Land mit dieser nationalsozialistischen Vergangenheit sollte sich angesichts der Tatsache, dass eine völkische und rechte Partei wie die AfD in 8 Landtagen sitzt, ein Staat, der es nicht schafft, eine Partei wie die NPD zu verbieten, weil vom sogenannten Staatsschutz unterwandert und ein Land, in dem eine NSU jahrelang rechtsradikal motiviert morden konnte, mit Patriotismus äußerst zurückhalten.

Dass die Grenzen zwischen Patriotismus und Nationalismus für Deutschland schlichtweg nicht gelten, kann man jetzt wieder zur Fußball EM bedauerlicherweise vielerorts sehen.

Deswegen muss man eindeutig dem Patriotismus entgegentreten - stolz sein auf einzelne Leistungen, auf einzelne Menschen oder ein Team, das ist immer eine gute Sache. Aber das muss unabhängig davon sein, ob man "deutsch" ist oder nicht - die Staatsangehörigkeit ist letzten Endes auch nur etwas Geschriebenes auf einem Stückchen Papier.

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