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Welche Auswirkungen der Verlust des Vaters auf das spätere Leben eines Mädchens hat

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Der Verlust meines Vaters war der entscheidende Moment meines Lebens.
- Denna Babul, The Fatherless Daughter Project: The Documentary

Sie haben Ihren Vater verloren? Damit sind Sie nicht allein. Ebenso wenig allein sind Sie mit der Frage, wie sich dieser Verlust auf Ihre Beziehungen, Ihr Verhalten und vieles mehr auswirkt. Vaterlos zu sein, heißt, viele Schwestern zu haben. Wir haben es selbst erlebt, wir kennen das.

Und dank entscheidender Wendepunkte in unserem Leben beschlossen wir, uns genauer anzusehen, was Vaterlosigkeit für uns beide bedeutet. Wir nahmen unsere Vergangenheit unter die Lupe, weil wir wissen wollten, was gut gelaufen war und was nicht. Wir entschieden uns beide für einen helfenden Beruf.

Denna arbeitete über zehn Jahre als Intensivkrankenschwester; an ihrer Liebe zur Krankenpflege hat sich bei ihrer derzeitigen Arbeit, wo sie mit medizinischen Geräten zu tun hat, nichts geändert. Viele Jahre lang half sie Familien in schweren wie guten Zeiten.

Dokumentarfilm The Fatherless Daughter Project

Denna arbeitet auch als Coach, hält Vorträge und inspiriert Menschen dazu, die Vergangenheit los- und sich auf die Zukunft einzulassen. Karin war Grund- und Mittelschullehrerin, bevor sie zum Thema Therapieausbildung und Erwachsenenarbeit promovierte.

Heute nutzt sie ihre Ausbildung und ihre Lebenserfahrung als psychologische Beraterin und Therapeutin, Rednerin und Pädagogin. Für uns beide war die Vergangenheit ein Sprungbrett zu einem tieferen und besseren Verständnis dafür, was es bedeutet, eine vaterlose Tochter zu sein.

Unsere persönliche Erfahrung brachte uns einander näher, unsere beruflichen Erfahrungen ergänzten sich und bestärkten uns in dem Wunsch, unser Wissen mit anderen vaterlosen Töchtern zu teilen.

Zusammen interviewten wir in den letzten zehn Jahren für unseren Dokumentarfilm The Fatherless Daughter Project über tausend vaterlose Töchter, zum Teil nach formalen Kriterien, zum Teil in offenen Gesprächen, häufig an überraschenden Orten, etwa an der Kasse im Supermarkt, in Bestattungsinstituten, Nagelstudios, im Hort und so weiter - einfach weil Frauen das Bedürfnis haben, ihre Erfahrungen mitzuteilen und wertgeschätzt zu werden.

Unsere quantitative Forschung führten wir innerhalb eines Jahres durch; darin flossen bislang die Ergebnisse von über 500 Frauen aus der ganzen Welt ein. Das Alter der Teilnehmerinnen lag zwischen 15 und fast 80 Jahren, sie kamen aus den verschiedensten Ethnien, Berufen und Gesellschaftsschichten und hatten die unterschiedlichsten Ausbildungen.

Die Auswirkungen der Vaterlosigkeit

Der Großteil der Frauen, von denen wir eine Rückmeldung erhielten, kam aus den USA, doch dank der sozialen Medien erhielten wir auch Meldungen aus anderen Ländern. Interessiert stellten wir fest, dass vaterlose Töchter einander auf die Umfrage aufmerksam machten.

Sie lernten sich selbst besser kennen und wollten das auch anderen ermöglichen. In dem Jahr, bevor wir unsere Umfrage starteten, sahen wir uns nach Büchern zu dem Thema sowie nach entsprechenden Webseiten und Foren um und stellten fest, da fehlt etwas.

Wir suchten Antworten auf Fragen, von denen wir uns wünschten, man hätte sie uns gestellt. Zum Beispiel fragten wir die Töchter, wie der Verlust des Vaters sich auf ihre Beziehungen, ihre Sexualität und ihren beruflichen Werdegang auswirkte.

Wir wollten die positiven Eigenschaften hervorheben, die durch die Vaterlosigkeit entstanden, und uns nicht nur auf all das Negative konzentrieren. Wir formulierten eine Umfrage, die die Tochter und die Wahrnehmung ihrer Erfahrungen in den Mittelpunkt stellt und der Frage nachgeht, woher sie kommt, was sie durchgemacht hat und was sie in ihrem Leben erreichen will.

Die Bewältigungsmechanismen

Persönlich interessierten uns die Erfahrungen der vaterlosen Töchter in bestimmten Lebensbereichen: mit ihrer Mutter, der Familie ihres Vaters, ihren Geschwistern und wichtigen Menschen in ihrem Leben sowie mit Kollegen und Freunden.

Wir wollten herausfinden, welche Bewältigungsmechanismen sie verwendeten und welche ihnen halfen, ein erfüllteres Leben zu führen. Wir waren überwältigt von den Ergebnissen, von den Folgen der Vaterlosigkeit für das Leben der Töchter.

Diese Ergebnisse finden Sie in diesem Buch. Wenn Sie möchten, können Sie auf die Website zu unserem Projekt, FatherlessDaughterProject.com, gehen und den Fragebogen als Schritt zur Eigenwahrnehmung ausfüllen.

Im Leben der vaterlosen Töchter gibt es viele Gemeinsamkeiten, allerdings auch Unterschiede, je nachdem, wie sie ihren Vater verloren. Wir decken die grundlegenden Ursachen - von Tod bis zu emotionaler Abwesenheit - ab.

Das andere Geschlecht ist ihnen ein Rätsel

Unsere Recherche zeigt, dass die meisten vaterlos aufgewachsenen Frauen anscheinend ähnliche Probleme haben  - gewöhnlich in Beziehungen -, unabhängig von den Ursachen der Vaterlosigkeit. Es kann ihnen sowohl schwerfallen, Liebe zu geben als auch Liebe anzunehmen.

Das andere Geschlecht ist ihnen oft ein Rätsel, vielleicht weil sie zu wenig Zeit mit ihrem Vater verbracht haben, um die nötige Grundlage für eine intime Beziehung aufzubauen. Da die Verbindung zu ihrem Vater abgeschnitten wurde, haben sie womöglich nicht gelernt, was es wirklich heißt, zu lieben und von einem Mann geliebt zu werden.

Es wurden keine Grenzen gesetzt, es konnte keine Komfortzone entstehen und sich kein volles Verständnis für wahre Liebe entwickeln. Was eine Beziehung ausmacht, welche Maßstäbe gelten, suchten sich viele vaterlose Töchter aus dem zusammen, was sie beim Erwachsenwerden beobachteten, ob dies nun gut oder schlecht war.

Töchter lernen durch Beobachten, vor allem, wenn sie keine klaren Anweisungen von den Menschen bekommen, die sie ihnen eigentlich geben sollten. Tina zum Beispiel beschrieb, wie sie lernte, sich den perfekten Vater vorzustellen.

Konnten Sie ein Muster in Ihrer Partnerwahl entdecken?

"Um ehrlich zu sein, ich lernte als Mädchen am meisten über Vater-Tochter-Beziehungen durch die Fernsehserie Full House, in der die Mädchen von ihrem Vater und den anderen Männern, die aushalfen, geliebt und angeleitet wurden. Man kann sagen, die Vaterrolle erfüllte bei mir der Fernseher in unserem Wohnzimmer."

Denken Sie über Ihre Beziehungen nach. Sind Sie häufig vom Kurs abgekommen und haben sich verwirrt gefragt, warum Ihnen ständig das Herz bricht? Würden Sie gerne wissen, warum Sie immer dieselben Fehler machen? Frustrieren Sie diese ständigen Beziehungsprobleme?

Sie wissen doch im tiefsten Inneren, was Sie wirklich wollen. Was hindert Sie dann daran, es zu bekommen? Konnten Sie ein Muster in Ihrer Partnerwahl entdecken? Durch unsere ausgedehnte Forschung zum Thema vaterlose Töchter, darunter unsere eigene klinische Arbeit, Umfragen, Interviews und die eingehende Beschäftigung mit anderen Studien, entdeckten wir Verhaltensmuster, die zu erkennen anderen vaterlosen Töchtern helfen könnte.

Wir arbeiteten mit unzähligen Frauen, die verwirrt waren von diesen ständig wiederkehrenden Themen in ihrem Leben, die ihnen zusätzlich zu dem ungelösten Schmerz über den zu frühen Vaterverlust zu schaffen machen.

Bedürfnisse, die durch das Fehlen Ihres Vaters nie erfüllt wurden

Die Ursache für Ihre Beziehungsprobleme sind vielleicht die Bedürfnisse, die durch das Fehlen Ihres Vaters nie erfüllt wurden. Für die Verheirateten unter Ihnen: Bestrafen Sie Ihren Mann, wenn er einen Fehler macht? Sehen Sie in ihm einen Vaterersatz oder bemuttern Sie ihn?

Vielleicht versuchen Sie die Situation dadurch zu kontrollieren, dass Sie ihn ständig zu irgendwelchen Mätzchen zwingen, um seine Zuneigung zu steigern? Sehnen Sie sich nach einer gleichberechtigten Beziehung, wissen aber nicht, wie diese zu erreichen ist?

Sind Sie Mutter und entdecken, dass Sie einige Bewältigungsmuster an den Tag legen, die schon Ihre Mutter einsetzte? Vielleicht möchten Sie, dass Ihre Tochter härter ist als ihre Freundinnen, oder erwarten von Ihrem Sohn, er solle Ihr einziger Quell männlicher Aufmerksamkeit sein.

Leben Sie mit einer unbändigen Angst, Ihren Kindern, Ihrem Mann oder Ihnen könnte etwas zustoßen? Als vaterlose Tochter haben Sie gelernt, sich wunderbar um andere zu kümmern, leiden aber zu oft unter der schrecklichen Angst, etwas könne schiefgehen.

In Freundschaften sind vaterlose Töchter oft die Fürsorgenden

Sie sind Single und bei dem geringsten Anzeichen einer Zurückweisung ganz aus dem Häuschen? Neigen Sie dazu, wenn Sie einen Konflikt vermuten, den anderen zurückzuweisen, bevor er Sie zurückweisen kann? Das könnte an der Angst der vaterlosen Tochter liegen, die nicht verletzt werden will.

Einfach zu gehen, erscheint da oft als bessere Lösung, als verlassen zu werden. In Freundschaften sind vaterlose Töchter oft die Fürsorgenden (oder die Mutter), und jeder kommt mit seinen Problemen zu ihnen.

Je nachdem, was Sie zu Hause erlebt haben, können Sie mit Konflikten umgehen, gut zuhören und andere unterstützen. Anderen zu helfen ist für Sie ein lohnendes Ziel, Sie fühlen sich dadurch anerkannt. Sie sind durch den Verlust belastbar geworden, ob Ihnen das klar ist oder nicht, und das ist einer Ihrer stärksten Charakterzüge.

Fragen Sie sich doch einmal, ob Sie nicht zu viel geben. Erfahren auch Sie im Gegenzug Unterstützung? Die Abwesenheit des Vaters hinterlässt auch bei der Mutter tiefe Spuren, daher haben vaterlose Töchter oft eine schwierige Beziehung zu ihr.

Der Kreislauf der Vaterlosigkeit

Schleppen Sie noch widerstreitende Gefühle wie Mitleid, Wut oder Schuldgefühl gegenüber Ihrer Mutter mit sich herum? Ist da ein tiefes Bedürfnis, sich um Ihre Mutter zu kümmern? Die meisten vaterlosen Töchter verstehen diese Problematik.

Obwohl sie viele Fragen an ihre Mutter haben , wollen sie keinesfalls alte Gefühle aufwühlen und stellen daher lieber keine Fragen über ihren Vater. Vaterlose Töchter finden im Leben typischerweise allein ihren Weg, denn jede hat für sich im Kopf ein Handbuch mit Überlebensregeln verfasst.

Darin stehen ihre ganz persönlichen Regeln, je nachdem, was sie gesehen, gehört und erlebt hat, in denen sie nachliest, um schwierige Situationen zu meistern und mit ihren Gefühlen umzugehen. Schade nur, dass viele dieser Regeln problematisch sind und sie deshalb gezwungen ist, schädliche Muster zu wiederholen; das frustriert und verwirrt sie.

In unserer Studie entdeckten wir, dass 42 Prozent der vaterlosen Töchter eine ebenfalls vaterlose Mutter haben und mehr als ein Drittel von ihnen wiederum eine Tochter vaterlos aufzogen. Wir wiederholen häufig, was wir erlebt haben, und setzen so den Kreislauf der Vaterlosigkeit fort.

Das liegt an den erlernten Bewältigungsmechanismen, der Beziehungswahl und der falschen Selbstwahrnehmung. Dieses Verhalten und diese Haltung geben wir dann an unsere Töchter weiter. Treiben wir den Heilungsprozess voran und beenden wir so diese negativen, generationenübergreifenden Muster - für uns und für die nach uns.

Verlust durch Sucht

Im Mai 1994 erschien Hope Edelmans ungemein erfolgreiches Buch Töchter ohne Mütter, das 24 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times stand. Paige, eine der von uns interviewten vaterlosen Frauen, erzählte, sie habe nach dem Verlust ihres Vaters Edelmans Buch wie eine Bibel mit sich herumgetragen.

Auf die Frage, warum sie ein Buch über Mutterlosigkeit lese, wo sie doch vaterlos sei, antwortete sie: "Es gab kein Buch über Vaterverlust, weil der Vater es so gewollt hat. Mir macht das sehr zu schaffen, und Mutterlosigkeit ist anscheinend akzeptierter, darüber kann man lesen."

Mit "weil der Vater es so gewollt hat" meint Paige Verlust durch Sucht, nicht durch Tod. Ihr Vater war Alkoholiker, tauchte immer wieder mal in ihrem Leben auf und verschwand wieder. Als Teenager brach sie nach langen Phasen voller Angst den Kontakt zu ihm ab und sagte ihm, er könne wiederkommen, sobald er nüchtern sei.

Inzwischen ist sie 38 und hat keine Ahnung, ob er tot oder noch am Leben ist. Paige empfindet Vaterlosigkeit als Stigma und versucht, ihre Gefühle zu erklären. "Wie soll ich sagen - die Leute schauen mich mit großen Augen an, wenn ich sage, dass ich inzwischen nicht mehr weiß, wo er ist oder wovon er lebt. Es ist kompliziert. Manchmal denke ich, es wäre einfacher, wenn er gestorben wäre." Paiges Geschichte bestätigt die Erfahrungen vieler anderer vaterloser Töchter.

Was habe ich ihm bedeutet?

Vaterlosigkeit kann so viele Ursachen haben. Sie kann gewollt, den Umständen geschuldet oder durch ein Unglück verursacht sein. Man kann als Kind, Teenager oder Erwachsene den Vater verlieren. Der Verlust kann privat oder öffentlich geschehen, eine Familientragödie bleiben oder zur Schlagzeile werden.

Jede von uns hat ihre eigene Geschichte, jede ihre eigenen Fragen. Ihr Vater verließ Sie, weil er es so wollte? Dann mögen Sie sich fragen: "Was habe ich ihm wirklich bedeutet?" Allzu häufig kommt der Vater nach einer Trennung und Scheidung abhanden.

Das kann an der räumlichen Entfernung, an Streitigkeiten und mangelnder Kommunikation liegen, die zu einer schleichenden Entfremdung führen. Was geschieht, wenn die Mutter oder der Vater nach einer Scheidung beschließen, möglichst weit wegzuziehen?

Kann ein Vater wirklich am Leben seines Kindes Anteil nehmen, wenn er Hunderte von Kilometern entfernt wohnt und es vier Tage im Monat sieht oder manchmal mit ihm skypt? Die Entfremdung zwischen Eltern und Kind kommt leider viel zu häufig vor, und dabei sind alle Beteiligten Opfer. Natürlich ist jeder Fall anders.

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Nicht alle Töchter aus geschiedenen Ehen leiden unter der zerbrochenen Beziehung ihrer Eltern, aber leider viele. Einen Elternteil zu verlieren ist unfassbar. Wer wir sind, verdanken wir unseren Eltern: ihrer DNA und ihrem Einfluss auf unser Leben.

Diesen Teil von uns zu verlieren kann dazu führen, dass wir uns verlassen und allein fühlen und unsicher sind, was genau unser Platz auf dieser Welt ist. Wir vermissen sie, weil wir sie lieben. Ob wir nun vermissen, was wir hatten oder was wir gern gehabt hätten: Was bleibt, ist ein Leben mit dem Gefühl, unglaublich viel verloren zu haben.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Vaterlos" von Denna Babul und Dr. Karin Luise. Es erschien beim Verlag Mosaik.

Das Buch könnt ihr auch bei amazon kaufen.

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