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"Ich hasse mich dafür, dass ich eine Vagina habe. Ich fühle mich schmutzig"

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HASSE MICH
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Bis zu diesem Sommer hatte ich nie den Mumm, eine meiner sexuellen Fantasien in die Tat umzusetzen. Nicht etwa, weil Jungfräulichkeit für mich eine große Sache war - ich meine, im konventionellen Sinn. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich in der Zeit, als ich größer wurde und die Entwicklung vom Kind zur Erwachsenen durchmachte - diese verwirrend frustrierende Entwicklung, die wir alle erleben -, nie so richtig wohl mit meiner Sexualität.

Zwar weiß ich noch, dass ich ab dem Alter von acht fast jeden zweiten Tag masturbierte, aber als ich das flaumig sprießende Schamhaar sah, die zwei unangenehmen Beulen an meiner flachen Brust spürte und vor allem die ersten Spuren von Blut ecken in meinen weißen Baumwollhöschen entdeckte, war ich angewidert und zu Tode erschrocken.

Haare, Beulen und Blut. Was passierte mit mir?

Okay, irgendwie wusste ich natürlich, was da los war, aber ich war einfach nicht darauf vorbereitet. Mein Körper veränderte sich, und ich hatte absolut keine Kontrolle darüber.

Ich verwandelte mich buchstäblich in eine dieser Frauen, auf die ich immer stieß, wenn ich in den Sexheften meines Vaters blätterte.

Hatte mein Vater die zwei kleinen Beulen an meiner Brust auch schon bemerkt? Ich hoffte inständig, dass es nicht so war.

Selbst als ich mich irgendwann abgefunden hatte mit meiner Periode, dem dunklen, buschigen Schamhaar und den voll entwickelten Beulen an meiner Brust, wurde ich den Verdacht nicht los, sexuell behindert zu sein.

Was, wenn meine Vagina blockiert und der Verkehr mit einem Mann technisch unmöglich war? Ich erinnere mich noch gut, dass ich in Rom zu einer Gynäkologin ging, bevor ich es wagte, meine Unschuld zu verlieren. Als sie mich nach dem Grund meines Erscheinens fragte, antwortete ich nervös: "Ich will nur sicher sein, dass da unten alles in Ordnung ist bei mir." Nach einem seltsamen Blick bat sie mich, von der Hüfte abwärts alle Kleider auszuziehen.

Dann lag ich mit weit gespreizten Beinen da und starrte an die Decke, während eine wildfremde Frau an meinen intimsten Stellen herumfummelte. In meinem Kopf ging es drunter und drüber:

O mein Gott, ich bin bei einer Gynäkologin, wie aufregend! Das ist mein erster Schritt auf dem Weg zur Frau ... Ich hasse mich dafür, dass ich eine Vagina habe. Ich fühle mich schmutzig. Wäre ein Penis nicht besser gewesen? Nein, eigentlich nicht. Letztlich ist es die gleiche Scheiße, bloß umgekehrt; wie eine nach außen gestülpte Vagina.

Vielleicht wäre Geschlechtslosigkeit die ideale Option gewesen. Aber wäre ich dann nicht eine Missgeburt? Wahrscheinlich gibt es für dieses Problem keine endgültige Lösung ... Kann es sein, dass sich meine Vagina von allen anderen unterscheidet? Eher nicht, schließlich habe ich nicht den kleinsten Hauch von Schrecken in den Augen der Ärztin bemerkt, als sie mit ihr konfrontiert wurde. Aber möglicherweise gehört das alles zu ihrer beruflichen Rolle? ... Vielleicht spielt sie mir nur was vor.

Die ist sicher lesbisch. Und selbst wenn nicht, irgendwas stimmt doch bei der garantiert nicht.

Warum würde sie sonst den Rest ihres Lebens in Muschis starren wollen? Oder vielleicht war sie früher Lesbe und wurde dann Hetero, weil sie sich ständig mit Mösen herumschlagen musste, und jetzt ist es zu spät für einen Berufswechsel, und sie hat Depressionen ... Wie kannst du nur so seichtes Zeug denken? Die Frau ist Medizinerin, verdammt! Sie rettet Menschenleben. Vielleicht solltest du dir mal den Kopf durchleuchten lassen statt der Muschi!

Nachdem sie mich ungefähr zehn Minuten lang untersucht hatte, forderte sie mich auf, aufzustehen und mich wieder anzuziehen, und fügte hinzu, dass alles in bester Ordnung war. Mit einem leisen Schuldgefühl schlüpfte ich in meine Kleider.

Meine erste Erfahrung mit Geschlechtsverkehr war alles andere als erfreulich.

Wenn ich es mir heute überlege, fühlte es sich eher an wie ein Abstrich. Äußerst unangenehm und peinlich.

Doch das ist wahrscheinlich nur natürlich, wenn dir schon bei dem Gedanken, dass der große Penis eines Mannes in das kleine Loch zwischen deinen Beinen eindringt, Schauer über den Rücken jagen.

Aber auch Filme können sich in dieser Hinsicht als überaus irreführend erweisen. Lange vor dem ersten Kuss oder der ersten Nummer hast du schon so viele intime Szenen zwischen Erwachsenen gesehen, dass du zwangsläufig eine Kinoversion von dem im Kopf hast, was da auf dich zurollt. Nehmen wir zum Beispiel den ersten Kuss.

Du befindest dich in einer schummrig beleuchteten Szenerie. Etwa am Strand unter den Sternen oder vor einem Kamin. Mit seinen starken, muskulösen Armen fasst er dich um die Hüfte, während du im Gegenzug die Zimperliche spielst und ihn leicht wegschiebst. Das stachelt seine Sehnsucht nach dir nur noch mehr an.

Im Hintergrund läuft dein Lieblingslied (mein Lieblingslied war "When Doves Cry" von Prince). Dann schaut er dir direkt in die Augen, drückt sich an dich und vergräbt seine Lippen in deinen. Und je leidenschaftlicher der Kuss wird, desto stärker schwillt die Lautstärke der Musik an. Ein Augenblick der reinen Glückseligkeit ... In der kalten Realität dagegen hockst du an einem Samstagnachmittag bei ihm zu Hause in seinem unaufgeräumten Zimmer.

Gleich nachdem seine Mutter ein Tablett mit Keksen und Orangensaft abgestellt hat, geht er zur Tür, um sie sorgfältig abzuschließen. Er kommt zurück, setzt sich mit einem merkwürdigen Blick neben dich und legt dir dann zögernd den Arm um die Schultern.

Immer näher beugt er sich zu dir, und auf einmal bemerkst du die fettigen schwarzen Flecken auf seiner Nase und einen weißen Pickel, der kurz vor dem Platzen steht, gleich über seiner Oberlippe. Dir fällt ein, dass du jetzt wahrscheinlich die Augen schließen solltest, um heilloses Schielen zu vermeiden. Dann küsst er dich.

Im besten Fall fühlt es sich weich und feucht an.

Du denkst dir: Ist das alles? Doch wenn du die erste Enttäuschung überwunden, die Wirklichkeit von der Illusion gelöst und dich in die unerschöpflichen Möglichkeiten gestürzt hast, die echte sexuelle Intimität zu bieten hat (und die kein Kino lm in all ihrer Herrlichkeit je einfangen kann), wirst du es nie bedauern.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus "Die Tochter des türkischen Diplomaten"

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ISBN: 3453675592

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