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Dem Terror die Stirn bieten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ISTANBUL
Osman Orsal / Reuters
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Diesmal ist alles anders und doch so verwechselbar ähnlich. Istanbul weint, ernste Mienen auf den Straßen der Stadt, die sonst nur so vor Lebenseifer strotzt. Ich will versuchen dem ein Lachen entgegenzusetzen, dem Terror die Stirn zu bieten. Aber es ist schwerer geworden in diesen Tagen. Die Türkei weint - mal wieder. Es ist der Zehnte tödliche, familien- und herzzerreißende Anschlag innerhalb eines Jahres. 44 Menschen tot. 161 verletzt.

Für mich ist dieser Anschlag anders als die Vorherigen. Ich kenne den Istanbuler Flughafen, bin am Tag des Anschlages kurz vor den grauenvollen Attentaten vor Ort gewesen und fühle zum ersten Mal so etwas wie eine echte, reale Betroffenheit. Mehr als zuvor überwiegt das Gefühl: 'Es hätte ja auch mich treffen können'.

Ich lebe seit mittlerweile sechs Monaten in dieser faszinierenden Metropole, habe vorher einige Monate in Tel Aviv verbracht und meinte von mir behaupten zu können, dass ich mit Ereignissen wie diesen rational umgehen kann.

Rationalität ist eine Utopie

Rationalität ist leider ein allzu überhyptes Konzept. Selbst in der Ökonomik oder der politischen Theorie ist mittlerweile klar: Rationalität ist eine Utopie. Wir sind nicht in der Lage unsere eigenen Präferenzen vorherzusagen geschweige denn die anderer. Habe ich Hunger mutiert der in mir rationale Verbraucher mit studentischem Budget-Limit zu einem verfressenen nordkoreanischen Diktator. So ist das mit der Rationalität.

Wir sind zu oft getrieben von äußeren Einflüssen, die wir wünschten zu kontrollieren; es aber nicht können.

Terroristen nutzen die limitierte Rationalität für ihre Zwecke: Der Anschlag ist ihre Show. Je mehr Zuschauer desto besser. Die Medien spielen in diesem Zusammenhang eine entscheidende, verständliche, wenngleich traurige Rolle. Der Anschlag ist die perfekte Headline, eine Garantie für steigende Umsatzzahlen.

Im Jahr 1989 war die Wahrscheinlichkeit in den USA von einem Hund getötet zu werden ebenso groß wie bei einem terroristischen Anschlag das Leben zu verlieren. Dennoch würden Teilnehmer einer landesweiten Umfrage zufolge die Möglichkeit aus dem Land auszureisen allein aufgrund der hohen terroristischen Bedrohung ablehnen.

Entscheidend ist: Die terroristische Bedrohung wird - trotz vergleichbarer Wahrscheinlichkeiten - als unrealistisch und unverhältnismäßig hoch eingeschätzt. Bruce Hoffman - Professor an der Georgetown University und Direktor des Centers für Sicherheitsstudien - schreibt dazu:

"The distortion in perception that results in higher probabilities being accorded to terrorism than to other life-threatening acts is in large measure doubtless a direct reflection of the disproportionate coverage accorded terrorism by the Media." (2006).

Wir dürfen unsere Leben, unsere Wünsche und Träume nicht durch den Terrorismus diktieren lassen

Menschliche Emotionalität und ähnliche nicht leicht-greifbare Konzepte sind hier höchstrelevant. Obwohl Wahrscheinlichkeiten beruhigend sind, ändert die direkte Betroffenheit und der Instinkt die Einschätzung der Situation. Die Rationalität verschwimmt in Gefühlen wie Angst und Ungewissheit.

Gerade in Zeiten wie diesen müssen wir aber für eine stärkere Rationalität plädieren. Rationalität, weniger als rein wissenschaftliches Konzept aber vielmehr als Haltung, die es anzunehmen gilt. Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir unsere Leben, unsere Wünsche und Träume nicht durch den Terrorismus diktieren lassen dürfen. Es muss möglich sein, die Prinzipien liberaler und demokratischer Gesellschaften nicht nur zu proklamieren sondern diese auch in die Realität umzusetzen. Vergegenwärtigte Rationalität, die wir mit der Familie, unseren Freunden und Bekannten teilen, kann hier Unterstützung sein.​