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Mein Vergewaltiger lebte in meiner Wohnung

04/02/2016 17:00 CET | Aktualisiert 16/02/2017 11:12 CET
OcusFocus via Getty Images

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Gewalt gegen Frauen. Man kann sich nicht vorstellen, dass das einem selbst mal passiert. Und dann in der eigenen Wohnung?

Bei mir war es 4 Wochen, bevor die Geschichte in Köln war. Ich bekomme keine Ruhe - überall werden Frauen vergewaltigt. Ich wurde in der eigenen Wohnung vergewaltigt, von meinem Mitbewohner.

Nachts, ich wollte gerade schlafen und dachte an nix schlimmes. Die Polizei lässt sich natürlich Zeit - so viele Fälle wie gerade reinfliegen.

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Lieber Mitbewohner,

Ständig warst du betrunken, ich hatte Angst allein daheim zu schlafen - ich hatte Angst, du wirst aggressiv. Also schlief auch ständig jemand bei mir. Ich fühlte mich sicher. Ich hab dir zu diesem Zeitpunkt bereits den Untermietvertrag gekündigt.

Doch an diesem einen Abend... ich hatte Spaß, kam nach Hause und hatte auch selbst zwei Gläser getrunken. Ich freute mich auf mein Bett, ich musste am nächsten morgen früh raus. Ich zog nur schnell meine Hose aus und ließ mich ins Bett fallen.

Als ich wegdämmerte ging meine Tür auf, ich roch die Bierfahne bereits. Du hast erst versucht mich dazu zu überreden, ich wollte nicht. Ich wollte schlafen.. Aber du hast nicht locker gelassen.

Ich schlug um mich und drückte ihn weg, bis ich deine Hände an meinem Hals gespürt habe.

Mit voller Kraft hast du dich über mich gelehnt, du hast Worte zu mir gesagt. Ich bekomme sie nicht aus dem Kopf. Ich traue mich nicht, sie nicht wiederholen.

Ich wehrte mich. Ich schlug um mich und drückte ihn weg, bis ich deine Hände an meinem Hals gespürt habe. Ich bekam Todesangst. Im Grunde wäre ich in dem Moment lieber gestorben, als die Erinnerung zu behalten. Eine Erinnerung, die hängen bleibt, wie ein Ohrwurm.

Ich konnte mich nicht mehr wehren. Alles war blockiert, ich war wie in einer anderen Welt. Ich wollte weg - ich wollte, dass es vorbei ist.

Für dich war es Spaß. Du bist gegangen, hast mich liegen lassen wie ein benutztes Handtuch. Frauen sind mehr wert als das. Wo sind deine Wertvorstellungen?

Nach den Übergriffen in Köln kam alles wieder hoch

Ich verdrängte es die erste Zeit. Die ersten 4 Wochen. War "glücklich" und lächelte. Er war aus der Wohnung. Er war bereits angezeigt wegen Sachbeschädigung. Doch irgendwann sitzt da jemand im Bus mit Alkoholfahne. Panikattacke. Erinnerungen. Ich möchte nur noch weg.

Wie zeigst du jemanden an, wenn du es nicht wahr haben möchtest? Doch man muss stark sein. Allein dafür, dass er das nicht nochmal machen kann! Dann kommt der Moment, wo die Freunde merken, dass etwas nicht stimmt.

Es kommt Silvester. In Köln werden duzende Frauen vergewaltigt. Die Wunde wird ständig aufgerissen, ich bekomme keine Ruhe. Ich hatte Angst, es meiner besten Freundin und Schwester zu sagen - ich wollte die wichtigsten Menschen in meinem Leben nicht verletzen.

Was ein Abend anrichten kann.

Es heißt, Zeit heilt alle Wunden - doch wie soll das gehen?

Es heißt, Zeit heilt alle Wunden - doch wie soll das gehen? Solche Erlebnisse trägt man immer mit sich herum. Man sieht den Täter auf der Straße, dabei ist er es nicht. Man kann nicht schlafen, man traut sich nicht mehr in die Schule - dort kann man ihm begegnen.

Warum darf er noch frei rumlaufen? Warum? Soll noch eine Frau leiden? Zeig mir eine Frau, die so ein Ereignis einfach wegsteckt.

Nun ist es 8 Wochen her. Ich hatte immer Angst, wie die Menschen, die es wissen, mich anschauen. Das arme Mädchen. Selbst dieser Blick erinnert mich wieder. Ein "wie geht's dir?" erinnert.

Allen Frauen, denen etwas Ähnliches passiert ist, kann ich nur sagen: Seid stark - habt die Kraft zu kämpfen. Lasst euch nicht einreden, dass ihr nichts wert seid.

Aber vor allem: Lasst euch nicht kaputt machen. Versucht euch selbst zu helfen und seid für euch selbst stark - solange euch von außen nicht geholfen wird.

Lasst euch helfen - ich weiß, ich musste sehr schmunzeln bei diesen Worten. Ich selbst lass mir so ungern helfen...

Aber das schaffen wir nicht alleine!

Nach den Übergriffen in Köln war der Aufschrei groß. Auf einmal interessierten sich alle für die Situationen von Frauen in Deutschland. Die alltäglichen Belästigungen, Fummeleien oder Kommentare, die viele von ihnen ertragen müssen.

Einige Wochen später ist das Thema weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Die vielen engagierten Frauenrechtler von Anfang Januar sind verstummt. Dabei müssen wir über dieses Thema sprechen.

Wir wollen eure Meinungen, eure Geschichten, euren Aufschrei - gemeinsam machen wir den Tätern und auch der Politik klar, dass es so nicht weitergehen kann. Frauen dürfen in Deutschland nicht mehr Opfer sexueller Gewalt werden. Schreibt uns eure Geschichten und/oder schickt ein Video an Blog@huffingtonpost.de

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