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„Kristallnacht", Kunstraub und die Gegenwart der Erinnerung

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75 Jahre ist es her, dass die deutsche Regierung ganze zwei Tage lang Pogrome gegen die eigene jüdische Bevölkerung organisierte. Im Herzen des Landes, das Goethe und Beethoven hervorbrachte, wurden über Nacht Tausende Juden auf offener Straße aufgegriffen, aus ihren Häusern gezerrt, verhaftet und geschlagen. Hunderte wurden umgebracht oder in den Selbstmord getrieben. Synagogen wurden in Brand gesetzt, nicht nur von den Nazis, sondern auch von „einfachen" Bürgern.

Juden wurden gejagt und öffentlich gedemütigt, Zehntausende wurden im Zuge der Pogrome in Konzentrationslager deportiert. Gebäude und Geschäfte, die in jüdischem Besitz waren, wurden angegriffen, zerstört und geplündert. Am Ende dieser zweitägigen Hassorgie stellte die NS-Regierung der jüdischen Gemeinde auch noch eine Rechnung über Sachbeschädigungen aus.

Die sogenannte Reichskristallnacht markierte den schlussendlichen Niedergang von Moral und Anstand Deutschlands und zugleich den Beginn der nationalsozialistischen Vernichtungsmachenerie mit dem Ziel der Auslöschung der europäischen Juden und der Dezimierung anderer nationaler und ethnischer Minderheiten wie den Sinti und Roma.

Aus jetziger Perspektive ist es entscheidend, die Frage der Bedeutung dieses Ereignisses, das den Zivilisationsbruch einläutete, zu stellen. Die vielen Gedenkveranstaltungen in ganz Deutschland und die breite mediale Berichterstattung zeugen von der fortlaufenden Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit.

Gleichwohl kann eine wahrnehmbare Änderung der Gedenk- und Erinnerungspolitik festgestellt werden. Noch zum 70. Jahrestag wurde der Reichspogromnacht mit einer zentralen Gedenkveranstaltung mit Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel gedacht. In diesem Jahr veranstalteten weder Bundesregierung noch der Deutsche Bundestag eine Gedenkveranstaltung am 75. Jahrestages der schrecklichen Novemberpogrome.

Ist dies ein Versehen oder Ausdruck von Gedenkmüdigkeit? Diejenige staatlich unterstütze Einrichtung zur Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazi-Zeit und dem Holocaust, die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem renommierten Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und dem Jüdischen Museum zu Berlin am 08. und 09. November eine zweitägige Konferenz zum Thema Antisemitismus.

Anlass bot nicht zuletzt die am 08. November in Wien vorgestellte EU-Untersuchung, wonach ein Drittel der europäischen Juden erwögen, ihr Land aufgrund von Antisemitismus zu verlassen.

Nichtsdestotrotz transportierte die Konferenz mit der Hauptrede des britischen Philosophen und Mitbegründers der „Jews for Justice in Palestine", Dr. Brian Klug, eine ambivalente Botschaft über die Grenzziehung zwischen Israelkritik und Antisemitismus. Erwartungsgemäß verteidigte Klug das Recht, Israel kritisieren zu dürfen, ohne als antisemitisch bezeichnet zu werden.

Statt der Frage nachzugehen, warum sich so viele Juden in Europa nach dem Holocaust immer noch von Antisemitismus bedroht fühlen, ging Klug in seiner Rede lediglich auf Definitionsfragen des Antisemitismus, auch in Bezug auf Israel, ein. Die eigentlich wichtigen Fragen am Abend der 75. Jahrestages der „Kristallnacht", wie der des hiesigen Umgangs mit dem Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg, den gegenwärtigen Spielarten des Antisemitismus und der Bewertung von Gegenmaßnahmen, ließ er unbeantwortet.

Angesichts der Tatsache, dass es wahrscheinlich der letzte große Gedenktag war, an dem noch eine Reihe Zeitzeugen der Novemberpogrome von 1938 hätten teilnehmen können, wurde die Möglichkeit verpasst, die folgenschweren Ereignisse der Reichskristallnacht aus erster Hand schildern zu lassen.

Die Tatsache, dass die Vergangenheit unmittelbar auch ein Teil der Gegenwart ist, hat die spektakuläre Aufdeckung des Münchner Raubkunst-Fundes eindringlich in das Bewusstsein gerückt. Wie das Magazin Focus Anfang November berichtete, beschlagnahmte die Münchner Polizei mehr als 1400 Kunstwerke, die den zumeist jüdischen Besitzern von den Nazis entrissen wurden.

Fast zwei Jahre wurden die Werke unter Verschluss gehalten und nur Dank Medienrecherchen öffentlich gemacht. Viele Überlebende hatten die Hoffnung längst aufgegeben und sind erschrocken ob des Umgangs mit dem Fund. Dass mittlerweile eine Arbeitsgruppe eingerichtet worden ist, welche die Herkunft der Werke klären soll, ist maßgeblich durch den Druck von jüdischen Organisationen, wie dem American Jewish Committee, zustande gekommen.

Noch verstörender sind offizielle Verlautbarungen, wonach die Nazi-Gesetzgebung zur Legitimierung der Enteignung noch immer nicht außer Kraft gesetzt worden sei.

Dass 75 Jahre nach den Novemberpogromen diese Gesetztgebung noch immer gilt, unterstreicht den dringenden Handlungsbedarf bei der Frage der Rückerstattung und Ausgleichszahlungen an Holocaust-Überlebende und deren Angehörige. Zugleich zeigt dieses Bespiel, wie notwendig es ist, diesem Thema in den Schulen einen neuen Fokus zu geben, sodass die jüngere Generation ein Verständnis dafür entwickelt, dass es noch viele offene Fragen der Nazi-Vergangenheit zu beantworten gibt.

Zugleich müssen vor dem Hintergrund einer zunehmend durch vielfältige Herkünfte geprägten Schülerschaft - diese hat oftmals keine persönliche Verbindung zum Thema Holocaust - Lehrpläne erweitert werden. Dem jüdischen Leben und der jüdischen Kultur als Teil der deutschen Geschichte eine größere Aufmerksamkeit zu schenken, ist ebenso wichtig, wie ein besseres Verständnis des modernen Israels und der deutsch-israelischen Beziehungen zu entwickeln.

Wie erste Ergebnisse einer deutsch-israelischen Schulbuchkommission gezeigt haben, zeichnen deutsche Schulbücher ein überwiegend negatives und einseitiges Bild von Israel.

Es steht außer Frage, dass die deutsche Regierung große Fortschritte in der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und bei Fragen der Restitutionen und Entschädigungen gemacht hat. Dennoch bleiben unzählige Fragen offen.

Viele der Holocaust-Überlebenden verbringen ihren Lebensabend in Armut. Sie erhalten oftmals nur wenig Unterstützung und haben nur unzureichenden Zugang zu medizinischer Versorgung. Bis heute wird unzähligen ehemaligen Ghetto-Zwangsarbeitern der Rentenanspruch aufgrund einer unklaren Gesetzgebung verwehrt. Auch das Kunstraub-Kapitel schließt sich nicht mit einer Arbeitsgruppe zur Aufklärung des Münchner Sensationsfundes.

Bislang bleiben die Bemühungen vieler deutscher Museen bei der Herkunftserforschung der in ihrem Besitz befindlichen Werke halbherzig. Schon die Alliierten erklärten die groß angelegten Raubzüge als ein Verbrechen gegen die Menschheit. Doch noch immer werden weiterhin viele gestohlene Kunstschätze in deutschen Museen ausgestellt oder aufgrund der Beschlagnahmungsgesetze eingelagert.

Viele Geschichten von Überlebenden gilt es noch zu erzählen. Doch die Zeit hierfür verstreicht im Eiltempo. Erst vor wenigen Tagen verstarb Saul Kagan, der als Holocaust-Überlebender die „Conference on Jewish Material Claims Against Germany" mitbegründete und fortan sein Leben der Sache der Holocaust-Überlebenden widmete.

Der frühere stellvertretende US-Außenminister von Präsident Clinton, Stuart Eizenstadt, nannte Kagan einst das Herz und die Seele im Dienste der Gerechtigkeit für die Überlebenden des Holocausts. Mit seinem Tod verlieren wir nicht nur einen weiteren Zeitzeugen der Nazi-Verbrechen, sondern zugleich eine wichtige Stimme für die Rechte der Überlebenden.

Der Verlust einer solchen Persönlichkeit unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit zur raschen Umsetzung der vom Deutschen Bundestag im Juni dieses Jahres verabschiedeten Resolution zur Bekämpfung von Antisemitismus.

Der fraktionsübergreifende Beschluss schlägt unter anderem den umfangreichen Ausbau von Programmen vor, mit deren Hilfe deutsche Jugendliche mit Überlebenden des Holocaust zusammengebracht werden sollen. Finanzielle Mittel müssen hierfür schnellstmöglich bereitgestellt werden, bevor die Möglichkeiten für solche Projekte mit dem Ableben der letzten Zeitzeugen verstreichen.

Tatsächlich gibt es bislang weder die Umsetzung von einer der beschlossenen Maßnahmen des überfraktionellen Beschlusses, noch eine Implementationsstrategie in den laufenden Koalitionsverhandlungen. Dies wirft Fragen auf, mit welcher Ernsthaftigkeit der Kampf gegen Antisemitismus heute betrieben wird.

Zahlreiche andere Geschichten über Täter, Zuschauer und Widerstandskämpfer bleiben unerzählt. Warum erinnern von Osnabrück bis Konstanz überall Stolpersteine an die Opfer des Holocaust, aber bleiben die Namen der Täter und Verfolger von Fußtritten verschont? Eine mögliche Antwort können wir in Harald Welzers Buch „Opa war kein Nazi" finden, in dem die Metamorphose zahlreicher Familiengeschichten hin zur Schuldbefreiung der nahen Verwandten beschrieben wird.

In der Tat war das Leben in einem autoritären System in moralischer Hinsicht ungeheuer komplex. Dennoch müssen die unaussprechlichen Verbrechen, die von vielen Deutschen und ihren willigen Helfern in den von den Nazis besetzten Gebieten begangen wurden, stärkere Beachtung finden. Verständlicherweise sind diese Geschichten schwer zu erzählen. Jedoch liegt ihre Bedeutung darin, dass sie zeigen, wie schnell die Fassade einer Zivilisation zerbrechen kann.

Ebenso bedeutsam ist die mangelnde Anerkennung jener, die sich der Unterstützung des NS-Regimes oftmals geräuschlos verweigerten. Ein vergessener Held dieses offenen Kapitels der Geschichte ist Fritz Kolbe. Ein deutscher Diplomat, dessen moralische Integrität und dessen Verachtung gegenüber der NS-Regierung ihn dazu veranlasste, aus Eigeninitiative zum wichtigsten Spion der Vereinigten Staaten zu werden.

Die einzige bis heute existierende Biographie Fritz Kolbes ist bislang nur aus zweiter Hand zu erstehen, während ein voyeuristisches Literatur- und Filmgenre, das die Lebensgeschichten der Nachkommen prominenter Nazi-Verbrecher und das Ringen ihrer Nachfahren bei der Aufarbeitung ihrer Familienvergangenheit nacherzählen, die Beststellerlisten dominiert.

Wenn die Überlebenden verschwinden, benötigen die historischen Stätten als stumme Zeugen der Verbrechen erhöhte Aufmerksamkeit. Im wiedervereinigten Deutschland, in dem viele Menschen unter kommunistischer Herrschaft leben mussten, steht die Gedenkenstättenarbeit zudem häufig vor das Dilemma, inwieweit angemessen Vergleiche zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus gezogen werden können, ohne die historische Einzigartigkeit des Holocausts zu relativieren. Dass dies tatsächlich eine schwierige Herausforderung ist, demonstriert die wachsende Kontroverse zur Einführung eines europaweiten Gedenktages zum Hitler-Stalin Pakt.

Der Erhalt der enormen Vielzahl früherer Konzentrationslager und Stätten der Nazi-Verbrechen als Gedenkorte ist finanziell kostspielig. Die Bundesregierung hat jüngst eine Stiftung zum Erhalt der Gedenkstätte Auschwitz finanziell großzügig unterstützt. Andere wichtige Orte hingegen verfallen oder zeigen veraltete Ausstellungen.

Bislang weitestgehend vernachlässigt bleiben Gräber, der von den SS-Mordkommandos getöteten Holocaust-Opfer in Osteuropa. Das American Jewish Committee koordiniert daher in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt ein Pilotprojekt, um in der West-Ukraine die Massengräber unter Schutz zu stellen und als würdige Gedenkorte mit ergänzenden historischen Informationen sowie begleitenden Bildungsmaterialen auszubauen, um die Biografien derjenigen zu erhalten und sichtbar zu machen, deren Leben von den Nazis ausgelöscht wurde.

Wie dieser Problemaufriss aufzeigt, verliert die Aufgabe, den Holocaust zu verstehen, nicht an Wichtigkeit. Im Gegenteil. Das Kapitel des Holocausts kann niemals geschlossen werden, definiert doch jede Generation ihre eigenen Schlussfolgerungen aus den Schrecken der Nazi-Herrschaft. Noch immer existieren Straßen oder Armeebaracken, die mit Namen von prominenten Vertretern der Nazi-Zeit geschmückt sind und umbenannt werden müssen.

Noch gibt es Überlebende, für die es späte Genugtuung wäre, Abschlüsse für ihre von den Nazis zwangsweise beendeten Schul- und Universitätslaufbahnen zu bekommen.

Zwar sind 75 Jahre eine lange Zeit, die Ereignisse der Kristallnacht verlieren dennoch nicht an Bedeutung, sondern mahnen uns, die kostbare Demokratie als bestes
Mittel zum Schutz von Bürgerrechten und Menschenwürde zu bewahren. Ein Berliner Überlebender des Holocausts erzählte mir einst: „Während ich beobachtete, wie die Flammen unsere Synagoge ergriffen, dachte ich daran, dass diese Flammen höher schlagen und ganz Deutschland ergreifen werden".

Dass 75 Jahre nach den Novemberpogromen immer mehr Juden in Europa - auch in Deutschland - den wachsenden Antisemitismus fürchten, während rechtsradikale Parteien stärker werden, ist alarmierend. Für uns bleibt noch viel zu tun im Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und zum Schutz der demokratischen Nachkriegsordnung, wofür die Europäische Union völlig zurecht mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Juden und Nichtjuden müssen gemeinsam mehr dafür tun, das Fundament der Demokratie und der Freiheit, unsere Grundwerte, zu verbreiten.

Die lebendigen Erinnerungen an die Novemberpogrome von 1938 beweisen, dass es kein Verfallsdatum für das Gedenken gibt. Die lange Liste offener Aufgaben im Umgang mit den Verbrechen der Nazi-Zeit gibt der jetzigen Generation reichlich Gelegenheit, eine aktive Rolle in der Anerkennung und dem Ausgleich ausstehender Ungerechtigkeiten einzunehmen. Erst kürzlich, im Oktober dieses Jahres, entzog die Stadt Goslar Adolf Hitler die Ehrenbürgerwürde. Ein richtiger Schritt. Denn: Es ist niemals zu spät, Gerechtigkeit walten zu lassen.

American Jewish Committee Berlin

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