Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dee und Matthias Stolla Headshot

Der Alltägliche Kleinkrieg in Beziehungen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HAPPY COUPLE
Maskot via Getty Images
Drucken

Warum wir bekämpfen, was wir lieben

Bundesweit gilt: 35 Prozent der in einem Jahr geschlossenen Ehen überstehen die ersten 25 Jahre nicht. Trennung und Scheidung sind nach wie vor in, auch wenn manche Bundesländer inzwischen sogar rückläufige Zahlen melden.

Tatsächlich gibt es einen erkennbaren Trend zu Scheidungen in hohem Alter. Die Bild-Zeitung gibt sogar Tipps für „billige Turbo-Scheidungen". Was läuft eigentlich schief, wenn Paare sich - mitunter sogar jahrzehntelang - bekämpfen?

Zermürbt vom jahrelangen Kampf

Längst nicht alle Paare, die sich scheiden lassen, nehmen vor der Trennung Hilfe in Anspruch. Viele sind vom jahrelangen Kampf gegeneinander so zermürbt, dass sie lieber gleich zum Anwalt gehen.

Das ist bedauerlich, denn in der Paarberatung hätten Partner, die sich auseinandergelebt haben, die Chance, zu erkennen, was sie tatsächlich bekämpfen: in der Regel genau das, was sie einst geliebt haben.

Partner müssen nicht zueinander passen

Es gibt ein weit verbreitetes, grundsätzliches Missverständnis, was Partnerschaft anbelangt. Wir glauben, (Ehe-)Partner müssen zueinanderpassen. So weit, so gut. Und wir folgern daraus, dass sie möglichst viele Schnittmengen miteinander teilen müssen:  gemeinsame Interessen, Vorlieben, Fähigkeiten, Charaktereigenschaften, Schrullen, Laster. Genau da beginnt das Problem.

Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, werden wir erkennen, dass wir uns nicht in Menschen verlieben, die genauso sind, genauso ticken wie wir selbst. Das wäre unnötig und langweilig. Es sei denn, wir sind Hochleistungs-Narzissten und finden uns selbst unsagbar großartig. Aber dann wären wir uns selbst genug und bräuchten keine Partner.

Die Eigenschaften des Partners ergänzen uns

Die Natur aber ist nicht dumm. Sie hat es so eingerichtet, dass wir uns den Partner suchen, der uns ergänzt, der etwas hat, das unserer Entwicklung im Lauf des Lebens dienlich ist. Eine Tatsache, die gar nicht so leicht zu akzeptieren ist, wenn man jahrelang den anderen für das eigene Unglück verantwortlich gemacht hat.

Es hilft aber nichts: Wir wählen unsere Partner selbst aus - bewusst oder unbewusst. Sie werden uns nicht zugeteilt oder verordnet. Und nach welchen Kriterien wählen wir aus? Nach simplen. Wir suchen jemanden, der genau das bietet, was wir selbst nicht haben. Das anzuerkennen ist schwer, wenn man jahrelangen Beziehungskrieg hinter sich hat. „Ich soll mir den ausgesucht haben?" - „Ich soll mich für sie entscheiden haben?" - „Aber er bzw. sie ist doch jetzt ganz anders!"  

Schmetterlinge haben eine kurze Lebenserwartung

Ist er das? Ist sie das? Tatsache ist, dass viele Paare, die in unsere Praxis kommen, den glückseligen Zustand der ersten 18 Monate ihrer Partnerschaft vermissen. Den Hormonrausch, das Verliebt sein, die Schmetterlinge im Bauch.

Die traurige Wahrheit ist, dass Schmetterlinge nur eine kurze Lebenserwartung haben. Und auch der Hormonrausch lässt irgendwann nach und taugt nicht als Basis für eine nachhaltig glückliche Beziehung. Liebe macht eben blind, sagen wir enttäuscht und gehen davon aus, dass wir in den ersten 18 Monaten glückseliger Verliebtheit verblendet waren und uns selbst aufs Kreuz gelegt haben: „Ich habe einfach nicht gesehen, wie er/sie wirklich ist."

Liebe verändert unseren Blickwinkel

In Wahrheit macht Liebe nicht blind. Sie verändert allenfalls unseren Blickwinkel. Der Ordnungsfanatiker und die Rebellin finden sich gegenseitig attraktiv. Sie ist fasziniert von seiner Gradlinigkeit und schätzt seine Zuverlässigkeit. Er ist total hingerissen von ihrer Spontaneität und bewundert ihren kreativen Freigeist.

Die häusliche Garten- und Küchenfee  ist fasziniert vom extrovertierten Weltenbummler, der leichtfüßige Sunnyboy findet ihre fürsorgliche Ernsthaftigkeit und Tiefe unwiderstehlich. Graue Mäuse verlieben sich nicht in graue Mäuse, Rampensäue nicht in Rampensäue.  Und wenn doch, wird die Beziehung schnell anstrengend. Gleiches kann sich nicht ergänzen. Es nervt irgendwann. Ein Spiegel für jeden wäre viel bequemer.

Der Kampf ums Recht haben

Deshalb sehnen wir uns in die Zeit des rauschhaften Verliebt seins zurück: Alles war schöner, solange wir unseren Partner mit anderen Augen gesehen haben.

Vielleicht ist es die versiegende Hormonausschüttung, die alles verändert. Irgendwann, in der Regel nach den ersten 18 Monaten, beginnt der Kampf. Leise und subtil zunächst, aber mit steigender Tendenz zur Heftigkeit. Es geht um Positionen, ums Recht haben.

Das Ziel ist, den Partner zu verändern

Die Rebellin nimmt ihren Ordnungsfanatiker zunehmend als spießig wahr, ihn nervt ihre Schlampigkeit. Die Stubenhockerin stört sich an der ständigen Unrast ihres Partners, er hingegen erlebt sich als Gefangener. Den Sunnyboy nervt, dass sie alles so ernst- und schwernimmt, sie wiederum fühlt sich weder gesehen noch gehört.

Partner, die diese Dynamik nicht erkennen, verfolgen vorrangig ein Ziel: den anderen so verändern, dass er so ist beziehungsweise tickt wie ich. Denn ich bin richtig, du bist falsch. Vergessen ist die Faszination für das, was ich nicht habe, für das, was mich als Mensch vervollkommnen könnte.

Ring frei für den Kampf darum, wer der bessere Mensch ist. Die - scheinbar - gute Nachricht lautet. Trennung beendet diesen Kampf. Die weniger gute: Paare, die auch Eltern sind, werden ihn auf Kosten ihrer Kinder auch nach der Trennung weiterführen. Und: Wer diese Dynamik nicht erkennt und sich für einen anderen Weg entscheidet, wird ihr unbewusst wieder folgen: in der nächsten Partnerschaft.

Akzeptanz ist das größte Geschenk

Eine erfolgreiche Paarberatung macht nichts anderes, als das Bewusstsein dafür wecken, dass wir genau das in unserem Partner bekämpfen, was uns einst so angezogen hat. Das ist ein schmerzhafter Prozess, weil wir anerkennen müssen, dass wir ohne unseren Partner nicht vollkommen sind, dass nicht er bzw. sie für unser Unglück verantwortlich ist.

Gerade in der Krise, mag das erfahrungsgemäß kaum jemand zugeben. Aber er lohnt sich. Denn am Ende geht es um das, wonach sich alle Menschen sehnen: Akzeptanz. Und um nichts anderes geht es in der Partnerschaft zweier Menschen.

Liebe hat nichts damit zu tun, Erwartungen zu stellen. Liebe ist frei davon und akzeptiert den anderen so, wie er ist. Eine große Aufgabe? Wer hat denn je behauptet, Liebe wäre etwas für die leichte Schulter?

Wir beide sind seit 17 Jahren verheiratet. Die meiste Zeit sehr glücklich. In den weniger glücklichen Zeiten fragt sich jeder von uns im Stillen, ob er den anderen weiterhin lieben kann, auch wenn er sich nicht verändern wird.

Diese Frage stellen wir auch Paaren, die sich in ihrem Kleinkrieg so verstrickt haben, dass sie ohne Hilfe keinen Ausweg mehr finden. Oft reagieren beide darauf schockiert. Aber die Frage erschafft Klarheit. Liebe ich mein Gegenüber oder meine Erwartungen? Liebe ich sie/ihn, auch wenn sie/er sich nicht ändern wird? Bei uns war die Antwort bislang immer Ja.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Das sollte jeder wissen: Warum Frauen die Männer verlassen, die sie lieben

Gleicher Job, Glück in der Liebe?: In diesen drei Jobs ist es am wahrscheinlichsten, dass Sie einen Kollegen heiraten

Lesenswert: