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Ich habe die Menschen getroffen, die mit den Organen meines toten Sohnes leben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCOTT
Deanna Santana
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Im Leben trifft man auf viele Weggabelungen. Manche stellen sich später als Sackgasse heraus und manche entpuppen sich als kleine Umwege, die einen nach einer Weile wieder zurück auf die Autobahn bringen.

Oft ist es auch die Reaktion auf eine solche Gabelung, die bestimmt, wie weit man von seinem Kurs abkommt. Und manchmal sind es dann die eigenen Entscheidungen, die dem Leben eine ganz neue Richtung geben.

Der Dienstag, 17. Mai 2011, war der Scheideweg in meinem Leben. Der Tag begann wie jeder andere Tag für mich am Fuße der Sierra Nevada. Meine Tochter war weit weg auf dem College und mein Sohn war in der Schule. Es waren die letzten paar Tage seines Junior-Jahres in der High School.

Mein Mann und ich teilten uns das Auto auf dem Weg zur Arbeit. Am Nachmittag sollte Scott, unser Sohn, meinen Mann Rich von der Arbeit abholen. Um 15.42 Uhr rief Rich mich an: "Mach dir keine Sorgen, aber Scott ist noch nicht da."

Ich machte mir keine Sorgen. Ich geriet in Panik, denn Scott verspätete sich NIE. Das war eine Eigenschaft, auf die er stolz war: In 12 Jahren Schule hatte er sich nur ein einziges Mal leicht verspätet.

Er kam nie zu spät zu seinem Nebenjob im Supermarkt und seine Trainer lobten immer wieder, dass er als Erster zum Training erschien und als Letzter ging. Die Mutter in mir schlug also voll durch und ich sah die Online-Nachrichtenportale durch. Auf der Strecke von Scotts High School zu Richs Arbeit hatte es einen Autounfall gegeben. Ich sprang in meinen Wagen und raste los.

Eine innere Stimme sagte mir, dass es Scott war.

Ich spürte, dass etwas nicht in Ordnung war

Ich war grade 15 Minuten auf dem Weg, als ich an eine Straßensperrung kam. Ich fühlte eine leichte Übelkeit und sagte dem Polizisten, dass ich glaubte, mein Sohn sei in einem der Autos, die in den Unfall verwickelt waren. Er fragte nach dem Namen, sprach in sein Funkgerät und ging weg. Ich blieb stumm zurück und betete, dass Scott nichts passiert sei.

Der Polizist kam zurück und sagte mir, dass Scott auf dem Weg ins Krankenhaus sei. Dort könnte ich ihn treffen. Auf meine Frage, ob es Scott gut gehe, sagte er nur, dass man im Krankenhaus auf mich warten würde.

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Ich sprang wieder in meinen Wagen und rief meinen Mann an. Ich sagte ihm, ich wäre auf dem Weg zum Krankenhaus und dass es einen Unfall gegeben habe. Er fragte, ob ich ihn abholen würde. Ich sagte ihm, dass er selbst irgendwie zum Krankenhaus kommen müsse.

Das war mein schlimmster Ehefrau-Moment. Ich konnte mich nur darauf konzentrieren, selbst irgendwie zum Krankenhaus zu kommen. Mit jeder Faser meines Körpers spürte ich, dass etwas nicht in Ordnung war.

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Scott (Mitte) mit seiner Familie

Im Krankenhaus erfuhren wir, dass es ein einfacher Autounfall gewesen war. Scott hatte bei niedriger Geschwindigkeit die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. Er war auf die Gegenfahrbahn geraten und in ein entgegenkommendes Fahrzeug geprallt. Aber er war lebensgefährlich verletzt. Der Arzt sagte mir: "Das ist das Schlimmste an meinem Job - ich muss ihnen sagen, dass ihr Sohn wahrscheinlich nicht wieder aufwachen wird."

Ich sank auf dem Boden zusammen, legte meinen Kopf in den Schoß meines Mannes und weinte. Ich konnte nicht atmen, es war das hässlichste Schluchzen, das ich in 43 Jahren von mir gegeben hatte. Es schien gar nicht aus mir zu kommen und hörte überhaupt nicht wieder auf.

Nach einer Weile brachten sie Scott in das Zimmer und ich sah ihn an wie damals, als er grade auf die Welt gekommen war. Finger - alle da. Zehen - perfekt. Das Gesicht - wunderschön. Wie kann es sein, dass von seiner Kopfverletzung (er war mit dem Kopf gegen den Beifahrersitz geschlagen) nichts zu sehen war?

Wir wichen nicht von Scotts Seite

Es passte nicht zusammen. Ich wusste, dass Wunder möglich sind und gleichzeitig war mir klar, dass Scott von uns gegangen war. Ich wusste, dass ich den anderen helfen musste, sich zu verabschieden.

Scotts Schwester Marissa und seine Großeltern, seine Tanten und Onkel, seine Cousinen und Cousins - sie alle mussten kommen und sich verabschieden. Seine Freunde mussten sich verabschieden und sie kamen in Schwärmen.

Sie hatten Tränen in den Augen und erzählten lustige Geschichten von Scott, die wir noch nie gehört hatten. Ich suchte nach der Bedeutung von all dem, denn für mich hatte alles im Leben seinen Grund. In dem Moment aber konnte ich keinen finden.

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Einige Tage später wurde Scott für hirntot erklärt, und wir kamen seinem Wunsch nach, seine Organe und Gewebe zu spenden. Das war keine Überraschung für uns - wir hatten in den letzten Tagen so viele Geschichten darüber gehört, wie Scott anderen geholfen hatte.

Während des ganzen Prozesses wichen wir nicht von Scotts Seite.

Einmal nahm Marissa Scotts Hand und sagte: "Mom, der schlimmste Tag für unsere Familie wird zum schönsten für fünf andere Familien. Und das ist gut." Meine Tochter sah etwas Gutes in all dem und wir konzentrierten uns darauf, das nächste Kapitel von Scotts Geschichte zu schreiben.

Seine Organe haben fünf Menschen das Leben geretten

Wir berichteten in der Zeitung über Scotts Entscheidung, Organspender zu sein. Es war dieselbe Zeitung, die auch über seinen Unfall berichtet hatte. Wir erzählten der Familie und den Freunden davon, wie wir Leben verändern könnten. Am 21. Mai um 10 Uhr morgens begleiteten wir Scott auf seinem Weg in den OP und berührten ihn zum letzten Mal. Ich war verzweifelt, aber gleichzeitig auch so stolz, dass es sein Wunsch war, anderen zu helfen, "wenn irgendwas passieren sollte."

Nachdem wir das Krankenhaus verlassen hatten, stand ich monatelang am Scheideweg meines Lebens. Eine Richtung bedeutete Depression, Wut und Verzweiflung, die andere Richtung bedeutete Trauer vermischt mit der Hoffnung, dass die Familien, die Scotts Organe erhalten hatten, sich nicht viel zu früh verabschieden mussten. Dieser Scheideweg macht es möglich, dass ich an Scotts Stelle über dieses Kapitel seiner Geschichte berichten kann.

Wir erfuhren, dass seine Organe fünf anderen Menschen das Leben gerettet hatten. Die Hornhaut seines Auges hat zwei anderen Menschen das Augenlicht geschenkt und seine Gewebespenden erleichtern 73 weiteren Menschen das Leben. Diese Geschenke von Scott halfen mir, die dunkelsten Tage meines Lebens zu überstehen. Wir begannen, uns ehrenamtlich für Sierra Donor Services zu engagieren - die Organisation, die auch Scotts Organspende durchgeführt hatte.

Durch diese Arbeit lernten wir auch Organempfänger kennen, denen so wieder Zeit mit ihren Familien geschenkt wurde. Wir konnten die direkten Auswirkungen von Organspenden erleben und sehen, wie sie Leben verändern können.

Mein Plan mitzuerleben, wie meine beiden Kinder die Schule beenden, auf die Universität gehen, heiraten, eine Familie gründen und Karriere machen, hatte sich verändert. Aber ich hatte jetzt Freude daran, andere davon zu überzeugen, "Ja" zu einer Organspende zu sagen.

So würden noch mehr Familien die Zeit zusammen genießen können, nach der ich mich als Mutter eines toten Sohnes sehnte. Einmal hörte ich, wie Marissa jemandem erzählte, dass ihre ehrenamtliche Arbeit jetzt die Zeit füllte, die sonst mit Scotts Rugby-Spielen, Dates zu viert oder auch Scotts Schulabschluss ausgefüllt gewesen wäre.

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Wir konnten Scotts Herzschlag lauschen

Vor ein paar Jahren konnten wir drei der Menschen treffen, die Organe von Scott erhalten hatten. Es war unglaublich. Zuerst lernten wir Rod kennen, den Mann, der jetzt mit Scotts Herz lebt. Er umarmte mich und sagte: "Ich habe Angst, dass ich ihren Erwartungen nicht gerecht werde." Ich versicherte ihm, dass das nicht der Fall sei. Er lebt, er läuft und das hat all meine Erwartungen erfüllt.

Am nächsten Tag kamen alle Organempfänger von Scott zusammen und wir lernten auch ihre Familien kennen und machten Fotos. Mein Mann stellte sich neben Rod und fragte: "Darf ich?"

Ohne zu zögern oder eine Antwort abzuwarten legte er seinen Kopf an Rods Brust und lauschte.

Dann winkte er mich heran. Rods Spenderherz schlug laut und stark. Ich konnte mich daran erinnern, wie ich den gleichen Herzschlag gehört hatte, als Scott noch in meinem Bauch war. Ich hatte ihn auch tausende Male gehört als Scott älter wurde und wir zusammen kuschelten. Ich habe nie gewagt, darüber nachzudenken, wie sehr ich dieses Geräusch vermisste - in dem Moment hätte ich ewig so stehen bleiben können.

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Rich und ich winkten auch Marissa heran und auch sie legte ihr Ohr an Rods Brust. Rich und ich standen neben ihr und hielten sie fest. Wir bildeten einen Kreis und für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, dass meine Familie vollständig war. Ich wusste, dass Scott nicht da war, und doch konnte ich ihn spüren. Ich habe diesen Moment von ganzem Herzen in mich aufgesogen.

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Wir hören Scotts Herz

Es war ein Segen für uns, Rod und sein Spenderherz kennenlernen zu dürfen. Es war wunderbar zu hören, dass Rod jeden Tag mit seinem Hund an der Küste joggen geht und Adler beobachtet.

Das erinnerte mich an einen Ausflug mit Scott. Wir verbrachten einen Nachmittag auf einem Boot und beobachteten Adler. Jetzt lebt sein Herz mitten unter ihnen. Ich verspürte einen großen inneren Frieden.

Es hat mein ganzes Leben verändert

Wir konnten miterleben, wie die Zwillinge eines Empfängers, Brian, (Niere und Bauspeicheldrüse) von Kindern zu jungen Erwachsenen heranwuchsen.

Seine Frau Sheryl erzählte uns von ihren Ängsten vor der Transplantation. Sie hatte sich schon darauf eingestellt, eine alleinerziehende Mutter zu sein. Jetzt gehen sie alle zusammen zu den Fußballspielen und Schwimmwettkämpfen der Zwillinge und feiern ihren Geburtstag zusammen.

Sheryl schenkte mir ein getöpfertes Herz, das tiefe Kerben hatte. Sie sagte, es würde sie an mein Herz erinnern. Ein Herz, das nie wieder so sein wird, wie es einmal war, aber das immer noch schlägt.

Jetzt, einige Jahre später, schaue ich nochmal auf den Scheideweg aus dem Jahr 2011. Er hat mein ganzes Leben verändert. Ich wollte nie verbittert oder wütend sein, obwohl es viele Tage gab, an denen das als der einfachste Weg erschien.

Ich habe das Bildungswesen verlassen und widme mich der gemeinnützigen Arbeit von Sierra Donor Services. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal dabei helfen würde, Organspenden für Transplantationen zu ermöglichen oder ein Lebendspender für eine Niere zu sein.

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Denn bis Scott uns von Organspenden erzählte, hatte ich nicht realisiert, dass tatsächlich Menschen sterben, während sie auf ein Spenderorgan warten.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

Der Artikel ist Teil der Reihe Life Less Ordinary. Alle Beiträge dazu findet ihr hier.
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