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"Wir haben sie nur benutzt" - wie ich in meinem Job jahrelang Sexismus und Missbrauch gefördert habe

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Die Lawine, die durch die Enthüllungen im Fall Harvey Weinstein und #metoo ausgelöst wurde, brachte mich zum Nachdenken über mein eigenes Verhalten.

Gerne würde ich glauben können, ich hätte mich Frauen gegenüber zum größten Teil angemessen benommen. Aber ich bin nicht naiv genug, zu denken, dass ich im Lauf meiner jetzt 47 Jahre nicht Dinge gesagt oder getan habe, die nicht so waren, wie sie hätten sein sollen.

Jeder Mann, der denkt, er sei diesbezüglich makellos, verschließt entweder die Augen vor der Wahrheit oder versucht, Inakzeptables zu rechtfertigen.

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Der Großteil meiner "Schuld", wie ich es aus Mangel an besseren Worten mal nennen will, stammt aus meinem Berufsleben. Ich spreche nicht von Dingen wie, Frauen ins Hotelzimmer zu drängen oder unangebracht zu berühren.

"Tits and Bits" - Frauen werden zu Objekten

Mein fragwürdiges Verhalten stammt aus den Jahren zwischen 1996 und etwa 2005. Damals fanden diverse PR-Leute einen Weg, der vielen Firmen und ihren Marken die Aufmerksamkeit der Medien garantierte. Dabei waren diese Marken nicht zwingend nur auf männliche Kunden ausgelegt.

Alles erfolgte nach einer bestimmten Methode, die ich damals "Tits and Bits" nannte.

Wir wollten, dass Medien über eine neue Marke berichteten? "Tits and Bits".

Wir versuchten, eine weibliche Berühmtheit als Gesicht für eine Kampagne zu gewinnen? "Tits and Bits".

Eine Kampagne funktionierte nicht und wir brauchten einen Rettungsring? "Tits and Bits".

"Die Methode basierte darauf, Frauen in jeglicher Hinsicht zu Objekten zu machen."

Es war die Blütezeit der Boulevardpresse, der Männermagazine, der sexy PR-Fotoaufrufe für Paparazzi und der erfundenen Sexstudien etc., die für Berichterstattung in Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen sorgte.

Und meine Schuld? Ich war einer derjenigen, die das alles angezettelt, sich dessen bedient und es am Leben gehalten haben. Die Methode basierte - seien wir mal ehrlich - darauf, Frauen in jeglicher Hinsicht zu Objekten zu machen. Hauptsache es half dabei, das Produkt, für das ich arbeitete, gut zu verkaufen.

Models verkauften sich für einen mickrigen Lohn

Über die Jahre hinweg arbeitete ich mit den meisten der damals bekannten Seite-3-Mädchen und weiblichen Promis, deren Ruhm mindestens genauso ihrem guten Aussehen als ihrem Talent zu verdanken war (manche Dinge ändern sich nie...).

Ich arbeitete mit naiven jungen Frauen, die teilweise gerade erst 18 geworden waren und
glaubten, ihr Weg zu Ruhm und Reichtum seien Glamour-Fotoshootings, Mode und provokantes Verhalten bei diversen PR-Events, zu denen sie normalerweise keinen Zugang erhalten hätten.

Leute, die das Business damals nicht selbst mitbekommen haben, mögen meinen, dass diese jungen Mädchen dafür auch angemessen bezahlt worden wären. Nun, dann muss ich erzählen, dass die meisten Unbekannten oder Newcommer durchschnittlich vielleicht ein paar Hunderter pro Tag bekamen.

Wenn ihr denkt, dass sei wenig, dann sage ich euch: Das ein oder andere Mal arbeitete ich mit Modelagenturen, die ihren Models am Tag gerade mal 50 zahlten.

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Die "Tits and Bits" Masche lief immer und ich holte alles aus ihr heraus, weil sie einfach und billig war. Ich werde die PR-Firmen und Marken nicht beim Namen nennen. Das ist auch gar nicht notwendig, denn so gut wie alle von ihnen würden auf irgendeine Weise auf dieser Liste stehen.

"In Wahrheit benutzten wir die Frauen nur."

Ja, es stimmt: Egal ob männlich oder weiblich - in der Branche nutzte jeder diese Methode.

Aber wenn ich zurückblicke, habe ich keine Zweifel daran, dass vielen der Frauen, mit denen ich arbeitete, nicht wohl dabei war und sich nicht trauten, etwas zu sagen.

Sie wussten nämlich, dass sie entweder ignoriert oder belächelt würden, wenn sie es getan hätten.

Für mich war diese Methode einfach nur unglaublich erfolgreich, und ich dachte mir einfach nichts dabei. Das zeigt rückblickend wir groß meine Ignoranz eigentlich war.

Frauen als lebendige Schaufensterpuppen

Obwohl ich weiß, dass ich mich mit dieser Aussage nicht gerade beliebt in meiner Branche machen werde, glaube ich heutzutage: Die Methoden, die ich und andere zu der Zeit nutzten, waren Benzin in die Flammen von Sexismus und sexuellem Missbrauch.

So wie ich einer Firma dabei half, ihre Produkte erfolgreich zu verkaufen, indem ich mich halbnackter, und in ihrem Verhalten fremdgesteuerter Frauen bediente, stärkte ich die Vorstellung, dass es okay für Männer sei, Frauen als Objekte zu betrachten.

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Denn in Wahrheit benutzten wir die Frauen nur.

Wir benutzten sie nur als lebendige Schaufensterpuppen, um Produkte wie Waschpulver, Schokoriegel oder Bier an den Mann zu bringen.

In der Nach-Männermagazin-Welt haben sich diese Methoden bis zu einem gewissen Grad verändert. Ich würde sie keinem Kunden mehr empfehlen und hoffe, dass mein kreativer Denkprozess ehrbar und mein Sinneswandel nicht darauf zurückzuführen ist, dass sich mit "Tits and Bits" einfach kein Produkt mehr auf Endkunden-Ebene verkauft.

Tief drinnen weiß ich jedoch, es ist wohl eine Mischung aus beiden.

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Auch wenn die PR-Branche bei weitem nicht perfekt ist, hat sie sich doch um einiges gebessert. Meiner Erfahrung während der letzten paar Jahre nach haben wir unsere soziale Verantwortung erkannt.

Unsere Arbeit beeinflusst Sexismus in unserer Gesellschaft erheblich, und wir arbeiten daran, eine Vorbildfunktion einzunehmen.

Wie aber in allen Medienbetrieben haben auch wir noch einen langen Weg vor uns. Und - das sollten wir nicht vergessen - wie überall, müssen auch wir PR-Leute den Sexismus ausmerzen, der innerhalb unserer Branche herrscht.

Die Methoden, die ich und andere in jenen Jahren nutzten, trugen zu einer Gesellschaft bei, in der Sexismus akzeptabel ist. Gott sei Dank sorgt der Mut von Opfern sexueller Belästigung in all ihren abscheulichen Formen für Aufruhr und hoffentlich wird dieses Phänomen nie wieder ungestraft bleiben.

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Dieser Beitrag erschien zuerst in der englischen Ausgabe der HuffPost.

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