Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

David Milleker Headshot

Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss ist teuer erkauft

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Der Überschuss Deutschlands in der Leistungsbilanz ist jüngst wieder international kritisiert worden, worüber auch die Huffington Post berichtet. Die Reaktion von deutscher Seite war erwartbar und reflexhaft: Warum sollten wir uns für unsere Exportstärke schämen?

So weit, so gut: Deutschland stellt gute Produkte her, die sich weltweit einer hohen Nachfrage erfreuen. Das ist eine Leistung, auf die wir stolz sein können.

Allerdings sind Exporte nur ein Teil der Leistungsbilanz. Der andere sind Importe. Aus dem System der doppelten Buchführung errechnet sich die Leistungsbilanz freilich nicht nur als Differenz zwischen Export und Import, sondern auch als Differenz zwischen gesamtwirtschaftlicher Ersparnis und gesamtwirtschaftlichen Investitionen.

Nach dieser Berechnungsmethode basiert die Verbesserung der deutschen Leistungsbilanz je zur Hälfte auf einer Erhöhung der heimischen Ersparnis und geringeren Investitionen. Ein besonders eklatantes Beispiel für Investitionsrückgang liefert ausgerechnet der Staat. Schon seit 2003 decken die öffentlichen Investitionsausgaben nicht einmal mehr den laufenden Nutzungsverschleiß ab. Mit Blick auf die öffentliche Infrastruktur lebt Deutschland also von seiner zunehmend maroden Substanz: Höhere Sparfähigkeit aufgrund von steigenden Einnahmen ist nur ein schwacher Trost, wenn es gleichzeitig immer mehr Schlaglöcher auf Deutschlands Straßen gibt.

Ein weiteres unterbelichtetes Thema in Sachen Leistungsbilanz: Mit jedem Güterexport ist untrennbar auch ein Kapitalexport verbunden. Ein Leistungsbilanz-Überschuss von 150 Mrd. Euro ist etwa so, als wenn man Geld auf ein Auslandskonto einzahlt. Und der Blick auf dieses Auslandskonto ist mehr als ernüchternd: Seit Ende 2003 hat die deutsche Volkswirtschaft dort 1.613 Mrd. Euro eingezahlt (aufsummierte Leistungsbilanz), der aktuelle Kontostand (Nett-Auslandsvermögen) liegt aber nur 1.201 Mrd. Euro. Das entspricht einer Negativverzinsung von stattlichen 25,5 Prozent. Deutschland investiert also zu wenig und legt seine Überschusserträge im Auslandsgeschäft nicht rentierlich an.

Deutschland gleicht darin einem Handwerker, der wegen hoher Qualität volle Auftragsbücher hat. Um diese abzuarbeiten, fehlt ihm die Zeit, sich um sein eigenes Haus und seine Finanzen zu kümmern. Und er bringt es auch nicht über sich, diese wichtigen Aufgaben in die kompetenten Hände anderer zu legen. So schuftet er sich ab und lebt doch von der Substanz.