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Alles Gute zum 60. Geburtstag, liebe EU

24/03/2017 17:33 CET | Aktualisiert 24/03/2017 17:44 CET
PaulGrecaud via Getty Images

Am 25. März 1957 finden die Staatsoberhäupter von sechs Nationen - Belgien, der BRD, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden - in Rom zusammen, um zwei Verträge zu unterzeichnen: Es ist die Geburtsstunde der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (EAG, heute EURATOM).

1993 wird die EWG Teil eines Bündnisses, das heute als Europäische Union (EU) bekannt ist. Und dessen Mitgliederzahl sich seit Rom mehr als vervierfacht hat. Sechs Jahre zuvor, 1951, hatten dieselben sechs Nationen mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) bereits einen ersten Schritt hin zu stärkerer Interdependenz getätigt.

An diesem 60. Geburtstag des Vertrages von Rom feiere ich mit Europa. Erst wenn man sich in Erinnerung ruft, wie weit der Kontinent seit der immensen Zerstörung des Zweiten Weltkriegs und den Konflikten, die ihm vorausgingen, gekommen ist, wird man sich der grenzenlosen Möglichkeiten der Geschichte bewusst.

Ein neues Kapitel in Europas Geschichte

Selbstverständlich hat dieser zuvor unvorhersehbare Prozess nicht „einfach so" stattgefunden Er ist erwachsen aus den Visionen derer, die bereit waren, ihren Blick gen Horizont zu richten, die den eisernen Willen besaßen, ein neues Kapitel in Europas Geschichte zu schreiben und dabei die zahllosen Hürden und Steine auf dem Weg zu überwinden und aus dem Weg zu räumen.

Und er ist erwachsen aus einem pragmatischen Ansatz, mit der Prämisse einer graduellen Entwicklung und dem Ziel, die neue europäische Architektur Stein für Stein aufzubauen. Unermessliche Dankbarkeit ist denen geschuldet, die den Grundstein gelegt haben für das ambitionierteste und erfolgreichste Friedensprojekt der Moderne.

Zu ihnen gehört Winston Churchill, welcher in seiner legendären Züricher Rede 1946 von der Notwendigkeit der „Neuschöpfung der europäischen Völkerfamilie" sprach, und einer Struktur, in „welcher sie in Frieden, in Sicherheit und in Freiheit bestehen kann".

Der erste Schritt, so schlug er damals vor, müsse eine „Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland" sein. Auf längere Sicht sollte dann die Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa" angepeilt werden.

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Einige Jahre später erklärte der französische Außenminister Robert Schuman, inspiriert von seinem herausragenden Stellvertreter Jean Monnet: „Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert, dass der Jahrhunderte alte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird. Das begonnene Werk muss in erster Linie Deutschland und Frankreich erfassen."

Es ist gut möglich, dass jüngere Generationen auf diesen 60. Geburtstag nur mit einem müden Lächeln reagieren. Was soll an diesem Projekt so besonders sein? Die Antwort darauf ist schlicht und einfach, dass es ein ganz besonderes und in der Geschichte einzigartiges Projekt ist.

Ein Kontinent, der einstmals von einem Konflikt nach dem anderen heimgesucht wurde, dessen Boden im Zuge von Rassentheorien, religiösen Konflikten, Gebietsansprüchen, wahnsinnigen Staatsoberhäuptern, ökonomischer Gier uvm. im Blut von Millionen getränkt wurde, muss nun nicht mehr jede Nacht den Ausbruch grenzüberschreitender Gewalt fürchten.

Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ist undenkbar

Die blanke Idee eines Krieges zwischen Frankreich und Deutschland, oder zwischen beliebigen anderen EU-Mitgliedsstaaten, ist heute völlig undenkbar.

Zu den größten Errungenschaften der EU gehören der Friede und die harmonische Koexistenz zwischen ihren Mitgliedsstaaten, basierend auf der gemeinsamen Verpflichtung zu demokratischen Werten, dem Rechtsstaat und der Achtung der Menschenwürde.

Ganz zu schweigen von der rapiden ökonomischen Entwicklung vieler EU-Staaten, die ein direktes Resultat ihrer Mitgliedschaft ist. Manchmal habe ich das Gefühl, zu träumen, wenn ich die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland überquere, ohne dabei durch Passkontrollen zu müssen.

Oder wenn ich ein Geschichtsbuch in den Händen halte, das von einer deutsch-französischen Kommission erarbeitet wurde. Oder wenn ich die drei baltischen EU-Mitgliedsstaaten sehe und mich daran erinnere, dass sie vor 30 Jahren noch zum Gebiet der Sowjetunion gehörten und von Freiheit nur träumen konnten.

Oder wenn ich daran denke, dass Griechenland, Portugal und Spanien noch in den 1970er Jahren durch faschistische Regime regiert wurden und die Länder heute fester Bestandteil der EU sind und demokratische Gesellschaften.

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Als passionierter Transatlantiker und Europhiler, als Ehemann und Vater von vier EU-BürgerInnen weiß ich aber auch, dass nicht alles perfekt ist im heutigen Europa. Europa hat weiß Gott keinen Mangel an Herausforderungen. Angefangen bei den drei „i's" - Immigration, Integration und Identität, über die wirtschaftliche Stagnation in Griechenland, das fragile Bankensystem in Italien, bis hin zur Jugendarbeitslosigkeit die in einigen Ländern über 50% beträgt.

Von der Unzufriedenheit mit der Zentralisierung von Macht in einem scheinbar abgekapselten Brüssel, über internationale Sicherheitsbedrohungen - wie sie zuletzt in Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland und Großbritannien offensichtlich wurden - bis hin zu dem Erstarken von Populismus und Extremismus und dem Brexit-Votum im letzten Juni.

Europa ist seit dem Zweiten Weltkrieg weit gekommen

Von intensiven Debatten über das Verhältnis zwischen nationaler Souveränität und Post-Souveränität bis hin zur russischen Einmischung mit dem Ziel der Untergrabung europäischer Einigkeit.

Während die EU durch diese Minenfelder hindurchnavigiert, Kursänderungen abwägt und einen Pfad für die Zukunft auslegt, bietet es sich an ihrem 60. Geburtstag an, zu würdigen, wie weit Europa seit dem Ende des zweiten Weltkrieges gekommen ist, und die europäischen Bürger, insbesondere jüngere Generationen, daran zu erinnern, dass die EU viel mehr als die Standardisierung von Glühbirnen und Lebensmittelvorschriften bedeutet.

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Es bleibt noch reichlich Zeit und Raum für eine kritischere Betrachtung der EU. Dieser Tage aber sollten wir ihre Erfolge feiern und ihr für ihre Errungenschaften gratulieren.

Europa hat, dank einer Handvoll Visionäre, der Welt und sich selbst zeigen können, was erreicht werden kann mit der Fähigkeit zu träumen und dem Willen, erfolgreich zu sein.

Vielleicht wird der Nahe Osten eines Tages einige ähnliche Lektionen lernen. Alles Gute zum 60. von der anderen Seite des Atlantiks, liebe Europäische Union!

(jz)

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