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In Gedenken an den Sechs-Tage-Krieg: Das ist passiert

16/06/2017 17:31 CEST | Aktualisiert 16/06/2017 17:34 CEST
POOL New / Reuters

Diesen Monat vor fünfzig Jahren war die Welt wie gelähmt von dem Krieg, der zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn tobte.

Ausgelöst worden war dieser von den grauenerregenden Drohungen aus Kairo und Damaskus, wo verkündet wurde, dass man den jüdischen Staat vernichten wollte und von dem Abzug der UN Truppen vom Sinai, die dort zur Sicherung des Friedens stationiert waren.

Im selben Zeitraum brach einige hundert Kilometer entfernt, außerhalb des Blickfeldes der internationalen Medien, eine weitere brutale Kampagne aus. Die Rede ist hier von der Vertreibung der bereits geschrumpften jüdischen Gemeinde aus ihrer libyschen Heimat.

Für Libyens 4,000 Juden, der Rest einer Gemeinde, die einst annähernd 40,000 Mitglieder hatte, war dies das dritte und letzte Pogrom seit 1945 und das Ende einer reichen, komplizierten und wenig beachteten Geschichte.

Juden lebten seit mehr als zwei Jahrtausenden ununterbrochen in Libyen.

Die muslimisch-jüdischen Beziehungen waren bis dato sehr herzlich

Angesiedelt von dem ägyptischen Herrscher Ptolemaios I. im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Kyrene - im heutigen Osten Libyens, reicht ihre Geschichte noch 900 Jahre vor die islamische Eroberung und Besatzung durch die Muslime im Jahr 642 zurück.

Im Laufe der Zeit vergrößerte sich die Gemeinde unter anderem durch zum Judentum konvertierte Berber, die im 15. und 16. Jahrhundert vor der Inquisition in Spanien und Portugal flohen, sowie durch Juden, die im 17. Jahrhundert aus Italien kamen.

Im Jahr 1911, als die osmanische Herrschaft über Libyen endete und die italienische begann, betrug die Anzahl der Juden 20,000. Bis zum Jahr 1945 hatte sich die Zahl beinahe verdoppelt.

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Am Ende des Zweiten Weltkrieges war Libyen unter britischer Herrschaft. Die überwiegende Mehrheit der libyschen Juden hatte trotz der Verschleppung einiger Tausende in Arbeitslager der italienischen Faschisten und der Deportation einer geringen Zahl von Gemeindeangehörigen in die Konzentrationslager des NS überlebt.

Bis Dato, das muss angemerkt werden, waren die muslimisch-jüdischen Beziehungen in Libyen im Allgemeinen sehr herzlich.

Dennoch entfachte im Jahr 1945 die panislamische und antizionistische Propaganda der Arabischen Liga auch in Libyen die Flammen des Hasses, die in Ausschreitungen gegen die jüdischen Nachbarn endeten. Das Ergebnis waren 130 Tote und neun zerstörte Synagogen.

Die Angst und Unsicherheit führte zur Emigration der Juden

Ein zweites Pogrom, angefacht von dem nationalistischen Eifer nach der Unabhängigkeit von den Briten, folgte drei Jahre später. Eine rasche britische Intervention und der jüdische Selbstschutz verhinderten größeres Unheil. Dennoch wurden 15 Juden getötet und Hunderte heimatlos.

Die neue Atmosphäre von Angst und Unsicherheit, verbunden mit der starken Anziehung des neuen israelischen Staates für diese tief religiöse Gemeinde, führte zu der Emigration der Juden im Dezember 1951. Es war das Jahr der lybischen Unabhängigkeit. Lediglich 6,000 Juden blieben im Land.

Trotz der verfassungsmäßigen Garantien wurden schrittweise Restriktionen gegenüber den Juden eingeführt. Ab 1961 war es Juden untersagt, zu wählen, ein öffentliches Amt zu bekleiden, in der Armee zu dienen, einen Pass zu erhalten, neuen Besitz zu erwerben, den größten Anteil eines neuen Geschäfts zu erlangen oder ihre eigenen gemeindlichen Angelegenheiten zu betreuen.

Dennoch blieben die Juden, mit dem Land ihrer Vorfahren verbunden, auch wenn es keine Hoffnung auf eine Änderung der Lage gab.

Schließlich brach im Juni 1967 im Nahen Osten der Krieg aus. Von Nassers panarabischen Aufrufen angefeuert gingen die Libyer auf die Straßen und griffen die jüdische Gemeinde an.

Als wieder Ruhe einkehrte, waren 18 Juden in der Hauptstadt Tripoli tot. Die Anzahl wäre ohne den Mut Cesare Pasquinellis, dem damaligen italienischen Botschafter in Libyen, vermutlich höher, hatte er doch alle italienischen Gesandtschaften im Land aufgefordert, Juden zu schützen. Einige wenige Muslime halfen ebenfalls.

Einer von ihnen versteckte unter großem Risiko den Teenager, der später meine Frau wurde, zusammen mit ihren Eltern und den sieben Geschwistern für zwei Wochen, bis sie das Land verlassen konnten. Bezeichnenderweise hat dieser Libyer jegliche öffentliche Anerkennung aus Furcht abgelehnt, da sein Leben in Gefahr wäre, wenn bekannt würde, dass er Juden gerettet hat.

Jeder durfte einen Koffer und 50 Dollar mitnehmen

Innerhalb weniger Wochen flohen alle verbliebenen Juden aus dem Land. Die Regierung hatte dazu „temporär" geraten.

Jeder durfte einen Koffer und umgerechnet 50 Dollar mitnehmen. Während die meisten nach Israel gingen, fanden 2,000 Juden Zuflucht in Italien. In vieler Hinsicht unterschied sich das tragische Schicksal der libyschen Juden in keiner Weise von dem Schicksal hunderttausender Juden in den anderen arabischen Ländern.

Nicht verwunderlich blieb dieser temporäre Exodus dauerhaft. Muammar al-Gaddafi ergriff 1969 die Macht und verkündete in den folgenden Jahren eine Vielzahl an Gesetzen. Das Vermögen der libyschen Juden wurde beschlagnahmt, er versprach aber gleichzeitig eine Entschädigung in den nächsten 15 Jahren.

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Aber das Jahr 1985 kam und ging, ohne dass je Entschädigungszahlen vorgenommen wurden.

Dagegen erhoben sich international nur wenige Proteste. Ebenso schenkte die Presse diesem Sachverhalt wenig Aufmerksamkeit und die Vereinten Nationen schwiegen. Und so hörte eine weitere einst blühende jüdische Gemeinde, wie so viele andere in der arabischen Welt, auf zu existieren.

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