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Wie Politik für junge Menschen im 21. Jahrhundert aussieht: Das Beispiel Lateinamerika

30/01/2016 17:15 CET | Aktualisiert 30/01/2017 11:12 CET
DIANA SANCHEZ via Getty Images

Vergleichsweise selten berichten deutsche Medien über Lateinamerika. Krisenhafte Zuspitzungen (Maduros repressive Politik in Venezuela), wirtschaftliche Verwerfungen (Brasiliens ökonomische Talfahrt) oder kriminelle Machenschaften (Mexikos Drogenbarone) entfachen noch das größte journalistische Echo. Es ist unbestritten, dass diese Entwicklungen Teil der Realität lateinamerikanischer Staaten sind.

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Mitunter bleibt dem Beobachter im fernen Europa allerdings verborgen, dass die Menschen Lateinamerikas auch auf gesellschaftliche Fortschritte zurückblicken können. Sie brechen sich allmählich durch eine Kombination aus sich emanzipierenden Bürgergesellschaften und technologischen Neuerungen Bahn. Leider gilt dies nicht für alle Länder Lateinamerikas, weil auch in dieser Weltgegend autoritäre Regime, sei es aus Eigeninteresse oder aus ideologischen Gründen, eine umfassende gesellschaftliche Entwicklung bremsen.

Der Veränderungsdruck auf die Politik wächst

Gleichzeitig sind in den mittlerweile etablierten, aber jungen Demokratien der Region trotz all ihrer politischen Defizite bemerkenswerte Modernisierungsschübe auszumachen - mit entsprechenden Folgen für die politischen Systeme, ihre Akteure und einzelne Politikfelder. Der Veränderungsdruck auf die Politik wächst; gleichzeitig verändern sich Wertvorstellungen und Weltbilder, sinkt die Bedeutung der Katholischen Kirche.

Als Motor solcher Veränderungsprozesse sind regelmäßig junge, technikaffine Menschen auszumachen, die sich in Form von sozialen Bewegungen aktiv für inklusive Wirtschaftsmodelle, bessere Bildungs- und Arbeitschancen, eine aufgeklärte Haltung zu Umwelt und Natur, gegen Korruption oder generell für eine gemeinwohlorientierte Politik einsetzen.

Selbstredend sind Internet, Smartphones und soziale Medien auch in dieser Weltgegend digitale Katalysatoren einer keineswegs apolitischen Jugend. Sie zeichnet sich tendenziell durch eine säkulare Grundhaltung und ein hohes gesellschaftliches Interesse aus, ohne allerdings parteipolitisch gebunden oder in den Politikbetrieb involviert zu sein. Als Faktor für die Politik spielen Jugendliche und junge Erwachsene dennoch eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die besondere Bedeutung dieser Gruppen kann mit Blick auf die demographische Situation Lateinamerikas nicht überraschen.

Bevölkerungsstruktur mit hoher Dynamik und Zukunftsorientierung

Etwa ein Viertel der Bevölkerung Lateinamerikas ist unter 15 Jahre alt, nur jeder zehnte Einwohner der Region ist über 60 Jahre alt. Einer solchen Bevölkerungsstruktur wohnt eine hohe Dynamik und Zukunftsorientierung inne, die sich insbesondere dort zeigt, wo soziale Verwerfungen Anlass zur Kritik geben.

Die großen Protestbewegungen der vergangenen Jahre in Chile, Brasilien, Mexiko oder Argentinien deuten in diesem Zusammenhang auf ein verbreitetes politisches Unbehagen, aber auch zivilgesellschaftliche Reife hin. Sie wurden aktiv von Menschen zwischen 20 und 40 Jahren begleitet und drängen politische Eliten immer wieder und länderübergreifend dazu, die Grundprobleme lateinamerikanischer Staaten, etwa die mangelnde Chancen- und Teilhabegerechtigkeit, private Machtkonzentration sowie Korruption oder die "Abwesenheit von Staat" (samt seiner Ordnungs- und Dienstleistungsfunktion), entschlossen anzugehen.

Indes ist mit einer schnellen Bewältigung dieser Herkulesaufgaben nicht zu rechnen, wodurch die bestehende und für viele Staaten Lateinamerikas charakteristische Kluft zwischen Regierenden und Regierten bestehen bleiben dürfte.

Letztlich geht es in vielen Staaten Lateinamerikas darum, einen Teufelskreis zu durchbrechen. Im Rahmen unserer KAS-Projektarbeit wird uns immer wieder vermittelt, dass das Vertrauen der lateinamerikanischen Jugend in die Problemlösungskompetenz der Politik und in die Institutionen der jeweiligen Länder gering ist.

Politikerverdrossenheit

Geprägt durch ihre Alltagserfahrungen sehen junge Menschen die politischen Systeme und Parteien eher distanziert-kritisch, weil der Eindruck entstanden ist, Politik könne keinen spürbaren Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation leisten. Dieser Umstand darf nicht mit "Demokratieverdrossenheit" verwechselt werden. Eher könnte man von einer "Politikerverdrossenheit" der Jugend sprechen, die gelegentlich, oft aber mit enttäuschendem Ausgang, durch charismatische Persönlichkeiten durchbrochen wird.

Welche Aufgabe kommt der Konrad-Adenauer-Stiftung vor diesem Hintergrund zu? Der Begriff "Empowerment" beschreibt es wohl am besten. Unsere Projektarbeit konzentriert sich auf die Befähigung lateinamerikanischer Bürgerinnen und Bürger ihre Staaten zu besseren Gemeinwesen zu machen. Dafür nutzen wir unterschiedliche Methoden und Formate der politischen Bildung.

Junge Menschen werden das Gesicht Lateinamerikas verändern

Erleichtert wird diese Entwicklungszusammenarbeit durch eine grundsätzlich hohe Bereitschaft zum Engagement und ein solides gesellschaftliches Problembewusstsein der Jugend. Diese Kraft für politische Veränderungen wirksam zu machen, ist unser Anspruch. Im Diskurs mit unseren Partnern und Interessierten, auch durch unsere Publikationen, Studien und Stipendien, wollen wir das Interesse an Politik sowie politischen Prozessen stärken und einen Beitrag für die Stabilisierung junger Demokratien leisten.

Wenn man darauf zurückblickt, welchen Weg der Kontinent genommen hat, darf man hoffnungsfroh bleiben. Junge Menschen werden das Gesicht Lateinamerikas durch ihren Gestaltungswillen spürbar verändern: als Jungunternehmer, Nachwuchspolitiker, Weltverbesserer. Darüber will ich in den kommenden Wochen in meinen Blog-Beiträgen berichten.

Über den Autor:

Der Ökonom arbeitet seit 2014 für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Lateinamerika. Er verantwortet ein Regionalprojekt mit Sitz in Santiago de Chile, das den wirtschaftspolitischen Dialog (zwischen den Ländern der Region, aber auch nach Deutschland) befördern soll. Zahlreiche Reisen zeigen ihm: Lateinamerika ist in Bewegung, politisch, ökonomisch und gesellschaftlich. Europa begegne diesen Entwicklungen tendenziell mit freundlichem Desinteresse, so Gregosz.

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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