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Das alte Rom als "brandgefährlicher" Vergleichsmaßstab - ein Althistorikerstreit

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STATUE THE THINKER
Anastasios71 via Getty Images
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„Brandgefährlich" soll er sein, der Vergleich zwischen dem alten Rom und der Gegenwart, so las ich kürzlich in einem von zwei sehr geschätzten Kollegen verfaßten Artikel dieser Zeitung. Ich staunte nicht schlecht, als ich feststellte, daß der Text sich mit meinem eigenen, jüngst ebenfalls in der Huffington Post erschienen Interview auseinandersetzte. Vieles schien mir bedenkenswert, manches auch bedenklich, alles aber hochinteressant und sicherlich ein spannender Stoff für eine „Kritik meiner Kritiker" im Sinne diskursiver und konstruktiver Wahrheitsfindung.

Kritik meiner Kritiker

Zunächst eine grundsätzliche Bemerkung: Meine Kollegen „warnen ganz ausdrücklich vor solchen Vergleichen" und erklären: „Denn so einfach ist es nicht." Und damit haben sie auch völlig recht. Freilich scheint ihnen entgangen zu sein, daß das (notgedrungen sehr kurze) Interview letztlich nur aus der langjährigen Debatte um mein Buch "Auf dem Weg ins Imperium" hervorgegangen ist (Berlin 2014; zuerst erschienen unter dem Titel "Le déclin", Paris 2013; siehe hierzu auch die dem Streit um mein Buch gewidmeten Aufsätze in „Le débat" 179, 2014). Und in dieser 544 Seiten starken Untersuchung habe ich es mir wahrlich nicht einfach gemacht und denke, daß eine gründliche Konsultierung dieses Buchs die meisten sekundären Kritikpunkte von selbst aufgelöst hätte. Ich will daher nur auf die wesentlichen Punkte eingehen.

Der Untergang der Republik

Die römische Republik sei untergegangen, „weil sich über mehr als ein Jahrhundert hinweg eine kleine Zahl mächtiger Individuen die Loyalität von Teilen der Armee sichern konnte", lese ich, und nicht, wie ich hervorhob, als „Ergebnis eines gesellschaftlichen und kulturellen Verfalls". Somit entbehre mein Vergleich der Grundlage. Diese rein militärhistorische Betrachtungsweise stellt aber, denke ich, die Kausalität des 1. Jh. auf den Kopf: Ohne die Verarmung der stadtrömischen Bevölkerung, die gesellschaftliche Polarisierung, die innere Selbstabschließung des Senats, den Reformstau, das Aufkommen des Populismus, die ebenso rasche wie überhitzte wirtschaftliche und auch politische Unterwerfung der Mittelmeerwelt, die Verflechtung zwischen Politik und Geld und das Wegbrechen des politischen Kitts der traditionellen, auch religiös begründeten Wertegemeinschaft - ohne diese Elemente und viele mehr wäre es nie zur Verlagerung der inneren Auseinandersetzungen vom Forum auf das Schlachtfeld gekommen.

Ich würde dabei übrigens auch vehement bestreiten, daß mein Versuch einer komplexen, multifaktoriellen und nicht rein militärgeschichtlichen Analyse der Krise der späten römischen Republik nicht die „Mehrheitsmeinung" innerhalb der Althistorikerzunft darstelle, wie meine Kritiker versichern; ganz im Gegenteil. Und selbst dann: Daß „Mehrheiten" in der Wissenschaft über Wahrheit entscheiden sollten, wäre doch nicht nur eine betrübliche, sondern auch, wenn man mir die kleine Spitze erlaubt, eine sogar „brandgefährliche" Überzeugung. Gerade als Historiker sollten wir uns erinnern, daß es lange auch „Mehrheitsmeinung" war, daß die Erde flach sei, und später, daß die Sonne sich um die Erde drehe...

Brandgefährlich?

Und da wir schon beim Wort sind: Wieso ist mein Ansatz nun „brandgefährlich"? Das bedeutungsschwere Wort erscheint seltsamerweise nur im Titel des Beitrags meiner Kollegen, nicht im Text selbst, so daß ich auf Vermutungen angewiesen bin. Vielleicht ist ja gemeint, was ich auch sonst häufiger zu hören bekomme: Eine „pessimistische" Sicht auf die Geschichte würde im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeiung zu ihrer eigenen Bestätigung führen, das Ende also „herbeireden", und wäre somit gewissermaßen „mitschuldig" an den Ereignissen? Das wäre nun, denke ich, nicht nur eine maßlose Überschätzung meiner eigenen Bedeutung, sondern zugleich auch eine selbst wiederum „brandgefährliche" Festsetzung, was Aufgabe des Historikers sei, und was nicht.

Wollen wir in einer Gesellschaft leben, wo der Historiker das, was er von seinem persönlichen Standpunkt aus als „wahrscheinlich" diagnostiziert, bewußt verschweigen muß, um den Menschen nicht ihren Optimismus zu nehmen? Dann müßte freilich auch der Arzt eine jede Krebs-Diagnose in eine mittelschwere Erkältung umdeuten, um die psychische Disposition des Patienten und somit seine Chancen auf spontane Heilung nicht zu gefährden. In diesem Falle ist es freilich bis zur Gedankenpolizei und zum Wahrheitsministerium nur noch ein kleiner Schritt, den zumindest ich als Historiker nicht gewillt bin, zu tun.

Rhetorik oder Realität - ein falscher Gegensatz?

Dabei sind wir aber bei einem anderen, ebenfalls zentralen Punkt der Kritik: Es heißt, ich verwechsle die „bloße Rhetorik" der Niedergangsdiagnose mit der tatsächlichen, also offensichtlich durchaus positiver einzuschätzenden „Realität" des 1. Jhs. Gerade diese Aussage nun scheint mir in Anbetracht der ja so augenfällig analogen heutigen Situation ein wenig naiv: Schon immer hat die „tatsächliche Realität" eine viel geringere Rolle im Gang der Geschichte gespielt als das Bild, das die Menschen sich von ebendieser Realität machen. Wenn meine Kritiker also erwähnen, daß „die Vorstellungen von der Vergangenheit von der jeweiligen Gegenwart abhängig sind", so gilt dies auch und gerade von jeder Gegenwart selbst.

Daher ist es für meine These auch völlig unerheblich, ob die von mir erwähnten Krisenfaktoren (die übrigens keineswegs alle „aus der Regierungszeit des Augustus" stammen, denken wir doch allein an Cicero) „nur" rhetorisch oder, wie ich trotz allem glaube, tatsächlich real sind. Allein die Bereitschaft der Menschen, und hierbei v.a. der Elite, ihre eigene Zeit als solcherart krisenhaft wahrzunehmen bzw. darzustellen, verrät schon ein ebenso fundamentales wie alle Gesellschaftsbereiche berührendes Unwohlsein. Und daß eben jene Menschen ihre Zeitfragen nicht nur in bloßen schöngeistigen Disputen ausfochten, sondern in jahrzehntelangen blutigen Bürgerkriegen (die wir doch wohl schwerlich als bloße Rhetorik abtun können), beweist schon die Schwere des Vertrauensverlusts in die herkömmlichen Mittel und Wege politischen Agierens und Handelns.

Analog liegt die Sache auch heute, wäre es doch ebenso naiv wie verkehrt, den modernen westlichen Populismus dadurch „wegzudeuten", daß man auf die Tatsache verweist, daß es den Menschen in Europa oder Amerika erheblich besser als vor etwa 70 Jahren gehe, und selbst die heutige Armut immer noch auf hohem Niveau liege: Der Bürger wählt eben nicht im vollen Bewußtsein der Daten des Statistischen Bundesamtes, sondern, trotz aller „Aufklärung" seitens der Eliten und trotz aller Warnung vor angeblichen „Fake News", immer noch auf Basis seiner ganz persönlichen Hoffnungen und Sorgen wie auch auf Grundlage des Zeitgeists, ob wir das als Historiker nun so wollen oder nicht; und gerade darin liegt - noch - die Größe und Tragik der Demokratie.

Wiederholt sich Geschichte?

Ja, ich bin pessimistisch, da haben meine Kollegen schon recht, und die Analogien zur späten römischen Republik sind nun auch wahrlich kaum erhebend, trotz oder gerade aufgrund der natürlich massiven Unterschiede zwischen beiden Gesellschaften. Denn gerade, daß wir uns trotz der von meinen Kritikern herangezogenen „enormen wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und technologischen Unterschiede zwischen der Antike und dem 21. Jh." in einer ganz analogen Krise befinden, welche ebenfalls so ziemlich alle elementaren Bereichen unserer Gesellschaft erschüttert, zeigt, daß es sich bei der rein materiellen Auskleidung unserer gegenwärtigen Zivilisation um ein bloßes Oberflächenphänomen handelt, welches die tieferen Ursachen der Kultur- und Vertrauenskrise kaum tangiert.

Und gerade hier sind wir am Kern unseres Streits angekommen, nämlich der grundsätzlichen Kritik am historischen Vergleich, vor dem auch meine Kritiker „ausdrücklich warnen", wobei auch diese Position ebenso alt wie die historische Komparatistik selbst ist. Schon seit Thukydides glauben einige Historiker, das Studium der Vergangenheit sei der Schlüssel für das Verständnis der Gegenwart und, da der Mensch seit Tausenden von Jahren in seinem Verhalten ja wesentlich konstant bleibt, auch für eine nuancierte Prognose unserer Zukunftsperspektiven. Aber fast ebensolange finden wir auch Historiker, welche dies bestreiten und, wie kürzlich eine ebenfalls sehr geschätzte belgische Kollegin, frei nach Ranke behaupten, Geschichte sei nur da, um im Einzelnen „zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist", nicht aber, um hieraus Schlüsse auf Heute und Morgen zu ziehen, da die Gegenwart ja immer „irgendwie anders" als die Zukunft sei.

Letztlich ist die Haltung für oder gegen deterministische Strukturen in der Geschichte eine nahezu philosophische Entscheidung, die, wie ich glaube, jedem selbst überlassen sein sollte. Dabei ist zu bedenken, daß sich im letzteren Fall, also dem der jederzeit „offenen Geschichte", die Frage erhebt, wozu ein Studium der Vergangenheit um der reinen Erkenntnisfreude willen denn gesellschaftlich überhaupt gut sei... Freilich erhebt sich auch im ersten Fall regelmäßig sich wiederholender Muster die Frage, inwieweit die Einsicht in solche Strukturen es erlaubt, ihren Ablauf zu verändern; eine Problematik, der ich übrigens erheblich skeptischer gegenüberstehe als meine Kollegen.

Und nun?

Meine Kritiker beenden ihren Beitrag - nach einem Bekenntnis zur EU und einer Absage an den Nationalismus - mit der bewegten Aussage: „Wir fühlen uns als Europäer". Das tue ich auch. Und wenn man die harsche Kritik der europäischen Rechten an meinem Buch bedenkt, scheint diese Haltung zumindest auf dieser Seite auch relativ deutlich verstanden worden zu sein. Auch ich sehe mich als ein entschiedener Gegner des Nationalismus und als Verfechter der europäischen Einigung, die ich nicht nur als historische Notwendigkeit betrachte, sondern auch als einen tiefempfundenen persönlichen Wunsch. Gerade darum aber ist es mir sehr ernst mit meiner Angst vor dem Weg, den unsere abendländische Zivilisation einzuschlagen begonnen hat, und der auf Schritt und Tritt an die letzten Jahrzehnte der römischen Republik gemahnt. Der beste Weg für uns Europäer, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, besteht darin, ihre Relevanz für die Gegenwart zu leugnen und blind auf unsere angebliche historische Einzigartigkeit zu vertrauen; nur die Einsicht in die Relativität der Geschichte könnte es - vielleicht - vermögen, zumindest das Schlimmste zu verhindern.

Die Zeit wird klar zeigen, wer mit seiner Einschätzung Recht hatte: Wenn wir in 20 oder 30 Jahren keine verheerenden zivilen Unruhen erlebt haben und zudem in einer nicht nur dem Namen, sondern auch der Sache nach wahrhaft offenen, demokratischen, bürgernahen und vielfältigen Gesellschaft leben werden, dann wird es erlaubt sein, meine Vorhersagen (und somit auch meine Methode) getrost auf das Verlustkonto der Geschichtswissenschaft zu verbuchen; und der Leser mag mir glauben, daß ich selbst der erste bin, der froh sein wird, unrecht gehabt zu haben. Sollte dies aber nicht der Fall sein, so lag ich mit meiner Einschätzung wohl richtig - und die Zensur des neuen, autoritären Staates wird dann wohl jegliche weitere Diskussion zu diesem Thema unterbinden...

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