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Das ist der wahre Grund, warum es die 40-Stunden-Woche gibt

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Ich bin wieder in die Arbeitswelt zurückgekehrt.

Ich habe einen gut bezahlten Job im Bereich Maschinenbau gefunden und nachdem ich vorher neun Monate lang herumgereist bin, scheint nun endlich wieder etwas Normalität in meinem Leben einzukehren.

Da ich auf meiner Reise ein völlig anderes Leben geführt hatte, wurde mir durch den plötzlichen Übergang zu einem normalen Bürojob etwas bewusst, das mir vorher nicht aufgefallen war.

Seit ich den Job habe, achte ich wieder weniger auf mein Geld

Ab dem Zeitpunkt, an dem mir dieser Job angeboten worden war, ging ich deutlich weniger achtsam mit meinem Geld um. Nichts Dummes, ich zückte meine Geldbörse einfach nur relativ schnell.

Als kleines Beispiel kaufe ich mir jetzt wieder teuren Kaffee zum Mitnehmen, auch wenn der lange nicht so gut schmeckt wie die einzigartigen Flat Whites in Neuseeland, und obwohl mir dabei der Genuss fehlt, meinen Kaffee auf der Sonnenterrasse eines Cafés zu trinken. Als ich auf Reisen war, habe ich derartige Käufe meist weniger spontan getätigt und sie dafür mehr genossen.

Ich spreche gar nicht von großen, übertriebenen Käufen. Ich spreche von den kleinen, normalen, unüberlegten Ausgaben für Dinge, die mein Leben nicht wirklich besser machen. Und die ich tätige, obwohl ich erst in zwei Wochen wieder mein Gehalt bekomme.

Ich habe schon immer mein Geld verschwendet - und alle anderen auch

Rückblickend glaube ich, dass ich das immer so gemacht habe, wenn ich gerade einen guten Job hatte - dass ich in den "guten Zeiten" mein Geld sehr leichtfertig ausgegeben habe. Doch da ich jetzt neun Monate lang ohne regelmäßiges Einkommen auf Rucksacktour war, achte ich tatsächlich ein bisschen mehr auf dieses Phänomen.

Ich glaube, dass ich wieder mehr Geld ausgebe, weil ich eine Art Status zurückgewonnen habe. Da ich jetzt wieder eine gut bezahlte Stelle habe, scheine ich auch wieder etwas verschwenderischer sein zu dürfen.

Ein paar Zwanziger hinzublättern, ohne wirklich darüber nachdenken zu müssen, verleiht einem ein eigenartiges Gefühl von Macht. Es fühlt sich gut an, die Macht des Dollars zu nutzen, wenn man weiß, dass sowieso bald wieder "etwas nachkommt".

Und mein Verhalten ist nicht ungewöhnlich. Alle anderen machen es doch genauso. Eigentlich glaube ich, dass ich einfach nur zu meinem ganz normalen Kaufverhalten zurückgekehrt bin, dem ich eine gewisse Zeit den Rücken gekehrt hatte.

Ich hatte auf Reisen mehr von meinem Geld

Eine der erstaunlichsten Erkenntnisse, die ich auf meiner Reise gewonnen habe, ist die, dass ich unterwegs in fremden Ländern (und dazu gehörten auch Länder, die um einiges teurer sind als meine Heimat) pro Monat viel weniger Geld ausgegeben habe, als ich als ganz normaler Arbeitnehmer zu Hause gebraucht hatte.

Ich hatte mehr Freizeit, ich reiste an einige der schönsten Orte der Welt, ich lernte ständig neue Leute kennen, ich war ruhig und zufrieden und außerdem hatte ich eine unvergessliche Zeit. Und irgendwie brauchte ich dafür trotzdem weniger Geld als für mein einfaches Leben mit einem normalen Bürojob in einer der günstigsten Städte Kanadas.

Ich schien mehr von meinem Geld gehabt zu haben, als ich noch herumreiste. Woran lag das?

Eine Kultur von Überflüssigkeiten

Die großen Konzerne haben uns Menschen hier im Westen mit voller Absicht dazu erzogen, dass wir unnötigerweise Geld ausgeben. Und sie achten auch darauf, dass das so bleibt. Unternehmen aus allen möglichen Bereichen tragen einen großen Teil dazu bei, dass die meisten Menschen oft so achtlos mit ihrem Geld umgehen.

Wo sie nur können, versuchen die Unternehmen uns dazu zu bringen, unser Geld ohne großes Nachdenken für unnötige Dinge auszugeben.

In dem Dokumentarfilm "The Corporation" erläutert eine Marketing-Psychologin eine der Methoden, mit denen sie früher die Verkäufe steigerte. Ihre Mitarbeiter führten eine Studie darüber durch, wie stark die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Eltern ihrem Kind ein Spielzeug kaufen, wenn das Kind darum bettelt.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass 20 bis 40 Prozent der Spielzeuge nicht gekauft worden wären, wenn das Kind nicht bei seinen Eltern darum gebettelt hätte. Einer von vier Besuchen in Freizeitparks hätte nicht stattgefunden. Auf Basis dieser Studien wurden diese Produkte direkt an die Kinder vermarktet, die ihre Eltern durch Betteln zum Kauf anregen sollten.

Allein wegen dieser einen Marketing-Kampagne wurden aufgrund eines komplett künstlich erzeugten Bedarfs mehrere Millionen Dollar ausgegeben.

"Man kann Konsumenten dahingehend manipulieren, dass sie etwas haben wollen und deshalb deine Produkte kaufen. Es ist ein Spiel." ~ Lucy Hughes, Co-Autorin der Studie "The Nag Factor"

Das ist nur ein kleines Beispiel für etwas, das schon sehr lange so läuft. Die Großkonzerne haben ihre Millionen nicht damit verdient, dass sie auf ehrliche Weise die Vorteile ihrer Produkte bewerben. Stattdessen haben sie eine Kultur erschaffen, in der Millionen Menschen mehr kaufen als sie eigentlich brauchen, weil sie ihre Unzufriedenheit mit Geld vertreiben wollen.

Wir kaufen ein, um uns aufzuheitern. Und um mit den Müllers von nebenan mithalten zu können. Um uns die Wünsche zu erfüllen, die wir als Kinder von unserem zukünftigen Erwachsenenleben hatten. Um unseren Status der ganzen Welt zu präsentieren.

Zudem gibt es eine ganze Reihe psychologischer Gründe, warum wir einkaufen. Und die haben nur wenig damit zu tun, wie nützlich ein bestimmtes Produkt wirklich ist. Wie viel Zeug hast du in deinem Keller oder deiner Garage herumstehen, das du im vergangenen Jahr nicht ein einziges Mal benutzt hast?

Warum es eine 40-Stunden-Woche überhaupt gibt

Die Etablierung der 40-Stunden-Woche als ganz normales Lebensmodell ist eines der wichtigsten Werkzeuge, mit denen die Unternehmen es schaffen, eine derartige Kultur aufrecht zu erhalten.

Denn unter solchen Arbeitsbedingungen können die Menschen ihr Privatleben nur abends und am Wochenende ausleben. Diese Regelung führt natürlicherweise dazu, dass wir stärker dazu neigen, viel Geld für Freizeitaktivitäten und Luxus auszugeben, weil wir ohnehin so wenig Freizeit haben.

Ich arbeite erst seit ein paar Tagen wieder, und dennoch bemerke ich jetzt schon, dass ich die Tätigkeiten, die eigentlich viel besser für mich wären, ziemlich schnell wieder vernachlässige: spazieren gehen, Sport machen, lesen, meditieren und vor allem schreiben.

Was diese Tätigkeiten ganz offensichtlich gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie wenig bis gar kein Geld kosten, dafür aber zeitaufwändig sind.

Plötzlich habe ich viel mehr Geld und viel weniger Zeit, was bedeutet, dass ich jetzt viel mehr mit einem typischen Arbeitnehmer aus Nordamerika gemeinsam habe, als noch vor ein paar Monaten.

Als ich noch herumreiste, habe ich nicht erst zweimal darüber nachgedacht, ob ich den Tag damit verbringen soll, durch einen Nationalpark zu wandern oder ob ich mich für ein paar Stunden an den Strand setzen und ein Buch lesen soll. Jetzt wären solche Aktionen völlig undenkbar. Wenn ich eines der beiden Dinge tue, geht dabei ja schon ein ganzer Tag meines wertvollen Wochenendes drauf!

Ist weniger Arbeit die Lösung?

Das Letzte, worauf ich nach der Arbeit Lust habe, ist Sport zu machen. Es ist auch das Letzte, was ich nach dem Essen oder vor dem Bettgehen oder nach dem Aufwachen machen möchte, und das sind eben die einzigen Momente, die mir unter der Woche bleiben.

Auf dieses Problem scheint es eine einfache Antwort zu geben: Arbeite weniger, dann hast du auch mehr Freizeit. Ich habe mir doch schon selbst bewiesen, dass ich auch ein erfülltes Leben führen kann, wenn ich sehr viel weniger verdiene als jetzt.

Leider ist das in meiner Branche - wie in den meisten anderen auch - so gut wie unmöglich. Entweder arbeitet man vierzig Stunden und mehr oder man hat gar keinen Job. Meine Kunden und Lieferanten hängen so sehr an ihren Standard-Arbeitszeiten fest, dass es undenkbar wäre, ihnen zu sagen, dass ich nach 13:00 Uhr nicht mehr erreichbar bin, selbst wenn ich meinen Arbeitgeber davon überzeugen könnte.

Der 8-Stunden-Tag wurde während der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert in Großbritannien eingeführt. Damit sollten die Fabrikarbeiter entlastet werden, die bis dahin ausgebeutet worden waren und zwischen 14 und 16 Stunden am Tag arbeiten mussten.

Als die Technologien und Methoden in allen Branchen immer weiter verbessert wurden, konnten die Arbeiter viel mehr in viel kürzerer Zeit produzieren. Eigentlich hätten sich dadurch doch auch die Arbeitszeiten verkürzen sollen.

8-Stunden-Tage sind profitabel - für Unternehmen

8-Stunden-Tage sind jedoch für die Großkonzerne viel zu profitabel. Und das liegt nicht an der Arbeitsmenge, die Angestellte in acht Stunden schaffen (ein durchschnittlicher Büroangestellter arbeitet in acht Stunden weniger als drei Stunden wirklich effektiv).

8-Stunden-Tage sind profitabel, weil die Menschen dadurch zum Kaufen angeregt werden. Wenn man wenig Freizeit hat, gibt man viel mehr Geld für Luxus, Genuss und alles, was einen entlastet, aus. Die Menschen schauen fern und sehen sich die Werbespots der Unternehmen an. Auf diese Weise bleiben sie außerhalb der Arbeit relativ anspruchslos.

Man hat uns in eine Kultur hineingeführt, die darauf ausgerichtet wurde, uns zu ermüden. Wir sehnen uns nach Luxus und wir geben bereitwillig sehr viel Geld aus, um es bequem zu haben und unterhalten zu werden.

Und vor allem sind wir irgendwie dauernd unzufrieden mit unserem Leben und wollen ständig Dinge, die wir nicht haben. Wir kaufen so viel ein, weil uns immer irgendetwas zu fehlen scheint.

Die Wirtschaft würde zusammenbrechen, wenn die Menschen zufrieden wären

Die Wirtschaft des Westens, vor allem die der USA, wurde auf sehr berechnende Weise auf den Faktoren Bedürfnisbefriedigung, Sucht und unnötigen Konsum aufgebaut. Wir geben Geld aus, um uns aufzuheitern, um uns zu belohnen, um zu feiern, um Probleme zu lösen, um unseren Status zu verbessern und um unsere Langeweile zu vertreiben.

Weißt du, was passieren würde, wenn alle Amerikaner plötzlich aufhören würden, dauernd so viel unnötiges Zeug zu kaufen, das ihrem Leben gar keinen nachhaltigen Nutzen bringt?

Die Wirtschaft würde zusammenbrechen und sich nie wieder erholen.

Die ganzen allgemein bekannten Probleme der Amerikaner, einschließlich Übergewicht, Depressionen, Umweltverschmutzung und Korruption, sind der eigentliche Preis für die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer Billionen Dollar schweren Wirtschaft. Dafür, dass die Wirtschaft "gesund" bleibt, muss Amerika ungesund bleiben.

Gesunde und glückliche Menschen haben nicht das Gefühl, dauernd etwas Neues zu brauchen. Und das bedeutet, dass sie keinen Schrott kaufen, dass sie nicht ständig unterhalten werden müssen und dass sie sich auch nicht dauernd Werbespots anschauen.

Die Beibehaltung der 8-Stunden-Tage ist für die Großkonzerne das mächtigste Werkzeug, um die Menschen in einem Zustand permanenter Unzufriedenheit festzuhalten, in dem die Lösung für jedes Problem stets die ist, irgendetwas zu kaufen.

Der Zusammenhang von Zeit und Geld

Vielleicht hast du schon einmal von Parkinsons Gesetz gehört. Man hört davon oft im Zusammenhang mit der Nutzung von Zeit: Je mehr Zeit man für eine Aufgabe hat, desto länger wird man dafür brauchen.

Es ist erstaunlich, was man in zwanzig Minuten so alles schaffen kann, wenn man wirklich nur zwanzig Minuten Zeit hat. Wenn man jedoch den ganzen Nachmittag zur Verfügung hat, braucht man wahrscheinlich viel länger.

Die meisten von uns gehen auch mit ihrem Geld auf diese Weise um. Je mehr wir verdienen, desto mehr geben wir aus. Es ist ja nicht so, dass wir plötzlich mehr ausgeben müssen, bloß weil wir mehr verdienen. Wir tun es nur, weil wir es können.

Es fällt uns sogar ziemlich schwer, unseren Lebensstandard (oder zumindest die Anzahl unserer Ausgaben) nicht zu erhöhen, wenn wir eine Gehaltserhöhung bekommen.

Dein Leben wurde vorprogrammiert

Ich glaube nicht, dass man aus dem ganzen schmutzigen System aussteigen muss, um in den Wald zu ziehen und so zu tun, als wäre man taubstumm, wie Holden Caulfield es sich gerne vorstellt.

Doch wir sollten uns unbedingt klar machen, was die großen Unternehmen wirklich von uns wollen. Sie haben jahrzehntelang darauf hingearbeitet, Millionen von perfekten Kunden heranzuzüchten. Und sie haben es geschafft. Wenn du nicht die absolute Ausnahme bist, wurde dein Lebensstil für dich vorprogrammiert.

Der perfekte Kunde ist unzufrieden, aber zuversichtlich. Er legt keinen großen Wert auf seine persönliche Entwicklung. Er schaut viel fern. Er arbeitet Vollzeit und verdient ganz gut. In seiner Freizeit gönnt er sich gerne etwas und er kommt immer irgendwie über die Runden.

Bist du einer davon?

Vor zwei Wochen hätte ich noch gesagt: "Um Himmels willen, nein!" Doch wenn in Zukunft alle meine Wochen so ablaufen wie die aktuelle, dann war das vielleicht nur reines Wunschdenken.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei raptitude.com und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Eine ebenso simple wie geniale Idee steckt hinter dem Projekt World Bicycle Relief. Diese nämlich lautet: "Fahrrad = Mobilität = Bildung". So einfach kann Hilfe tatsächlich sein.

World Bicycle Relief stellt Menschen in Entwicklungsländern Fahrräder zur Verfügung, damit sie ihr Leben aus eigener Kraft verändern können. Denn in ländlichen Regionen Afrikas bedeutet ein Fahrrad ein großes Maß an Lebensqualität: Es verkürzt die Transportwege und erleichtert seinem Besitzer den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.

Mit über 200.000 Fahrrädern, die in Afrika montiert werden, und 1000 ausgebildeten Mechanikern hilft WorldBicycleRelief vor Ort dabei, Armut zu bekämpfen und fördert Bildung und die wirtschaftliche Entwicklung in Gegenden, die sonst von der Infrastruktur abgeschnitten wären.

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