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Vatikan: Scheinheiliger Schlag ins Gesicht von Schwulen und Lesben

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VATIKAN
Getty
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So frustrierend es für diejenigen ist, die lange darauf gehofft und hingearbeitet hatten: An der Position des Vatikans zu Homosexuellen hat sich gar nichts verändert. Jetzt über den Vatikan zu jubeln ist ein Schlag ins Gesicht homosexueller Menschen. Ein Kommentar von David Berger

Einem „Erdbeben" gleich sei das, was derzeit aus dem Vatikan an Verlautbarungen zum Thema Schwule und Lesben komme, urteilt die „Süddeutsche" - im Ton ganz ähnlich äußern sich alle großen Medien bis hin zu allen möglichen Homo-Blogs: Man kann fast den Eindruck gewinnen, die katholische Kirche habe sich über Nacht zur homo-freundlichsten Institution weltweit gewandelt.

Bei der Frage, was da nun revolutionär sei, müssen die meisten dieser Medien aber schon passen. Man beruft sich dann auf so Diffuses wie einen „sich andeutenden Klimawandel", auf die Tatsache, dass die katholische Kirche nun Schwule und Lesben „willkommen heiße".

Die etwas genauer hinschauen, müssen dann doch eingestehen, dass sich nichts Wesentliches geändert hat: „Die römisch-katholische Kirche verurteilt homosexuelle Handlungen und lehnt die gleichgeschlechtliche Ehe ab. In dem Dokument gibt es... keine Hinweise, dass sie von dieser Haltung abrückt." So die SZ ganz nebenbei in ihrem Jubelartikel.

Als Kirchensteuerzahler in den Gemeinden waren Homosexuelle schon immer willkommen

Aber so schnell kann man die Suche nicht aufgeben. Schließlich sollen die überschwänglichen Schlagzeilen irgendein Fundament in nachfolgendem Beitrag finden.

So führt man dann ins Feld: „Erstmals wird darin die Frage aufgeworfen, ob die Kirche diese Menschen willkommen heiße und ihnen einen ,brüderlichen Platz' in den Gemeinden anbieten könne."

Schaut man genauer hin, findet man aber eine ganz ähnliche Position bereits im Weltkatechismus der katholischen Kirche von 1992, den damals Josef Ratzinger federführend ausgearbeitet hat (von dem sich nun angeblich Papst Franziskus so deutlich abhebt). Ganz klar richtet sich auch diese Charta der katholischen Lehre auf den ersten Blick gegen eine Diskriminierung homosexueller Menschen:

„Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen haben tiefsitzende homosexuelle Tendenzen ... Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen."

Und lädt sie ebenfalls ein, ihren „Platz in den Gemeinden" einzunehmen: „Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Verfasstheit erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen." In gewissem Sinne ist diese Aussage schon viel weiter als das, was jetzt als Frage aus dem Vatikan kommt.

Schwuler und lesbischer Sex bleibt weiterhin ein absolutes „No-go"

Das Entscheidende wird aber in den aktuellen Jubelmeldungen völlig unter den Tisch gekehrt: Die weder psychologisch noch theologisch irgendwie vernünftig begründbare Unterscheidung zwischen homosexueller Veranlagung und homosexuellen „Akten".

Diese Unterscheidung bleibt auch bei der Synode bestehen - und damit die ganz klare Aussage: Ihr dürft zwar so veranlagt, Teil der Gemeinde und in Deutschland auch Kirchensteuerzahler sein - aber sobald ihr diese Veranlagung praktiziert, ist das strikt abzulehnen und eine schwere Sünde.

Kurz und gut: Das, was Schwul- und Lesbischsein ganz wesentlich ausmacht, nämlich dass Männer Sex mit anderen Männern haben und Frauen mit Frauen, bleibt weiterhin ein absolutes No-Go. Das ist ungefähr so, wie wenn ich jemanden, der Fleischesser ist, erlaube Fleischesser zu sein, aber nur, wenn er generell nie in seinem Leben etwas isst.

Dies ist und bleibt ein falsches, irreführendes Spiel mit Worten, eine Unmenschlichkeit und theologisch gesehen eine Aufforderung zur Sünde: Wenn Gott einen Menschen homosexuell erschaffen, ihm diese Veranlagung als Geschenk mitgegeben hat, wäre es eine Verachtung des Schöpfers, würde der Mensch dieses Geschenk nicht annehmen und es auch nutzen.

Selbstbewusste Homosexuelle in den USA oder Europa lächeln über solche Restbarmherzigkeit nur müde. Für sie stellt diese Aussage eine Verlogenheit dar, die nur dazu genutzt wird, um die Macht der katholischen Kirche aufrecht zu erhalten.

Es wäre besser gewesen, der Vatikan hätte zu der Thematik geschwiegen

Die weiter bestehende Dämonisierung schwuler und lesbischer Sexualität ist der springende Punkt- so lange er bestehen bleibt, ist jeder Jubel über das, was dazu derzeit aus Rom kommt, ein Schlag ins Gesicht homosexueller Menschen - jener Menschen, deren Verfolgung über Jahrhunderte auf das Konto der katholischen Kirche geht.

Da wäre es tatsächlich besser gewesen, der Vatikan hätte ganz zu der Thematik geschwiegen - so setzt er seine Geschichte diskriminierender Ideologie fort - nun nett verpackt.

Und auch politisch streitet man weiter dafür, dass Homosexuellen nicht die selben Menschenrechte zustehen wie Heterosexuellen: Sie dürfen zwar zusammen in einer sexualfreien Beziehung leben, ihr Zusammenleben darf aber keinesfalls als Ehe angesehen und vom Staat so behandelt werden.

Es ist derzeit nicht zu erkennen, dass der Vatikanstaat seine internationalen Bemühungen, die stets darauf ausgerichtet sind, eine rechtliche Gleichberechtigung homosexueller Menschen zu verhindern, irgendwie zu beenden gedenkt.

Wenn man uns also sagt, wir sollten uns doch bitte schon über kleine Schritte in die richtige Richtung freuen, so muss man leider ganz klar feststellen: Solche Schritte gibt es, abgesehen vom gegenüber Benedikts krassen Homo-Hass gewandelten Ton, schlicht nicht.

Der Vatikan schreitet auf den Bahnen des Grundsatzdokuments fort, das Benedikt XVI. noch als Josef Ratzinger ausgearbeitet hat - und das seit mehr als zwei Jahrzehnten die Grundlage für eine Diskriminierung homosexueller Menschen in und durch die katholische Kirche darstellt.

Jetzt zu jubeln, mag den Medien - nachdem man unter Bendikts Pontifikat so viel zu klagen hatte - ins Konzept passen, für homosexuelle Menschen ist das ein höchst gefährliches Spiel.