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„Ich wurde auf einmal ganz laut!"

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Als Nasser (17) sich vor zwei Jahren in seiner streng muslimischen Familie als schwul outete, übergoss ihn sein Onkel mit Benzin und wollte ihn anzünden, sein Vater ihn töten. Er resignierte aber nicht, sondern kämpft heute öffentlich gegen Homophobie. Ein Bericht nicht aus dem Iran, sondern aus dem Berliner Bezirk Neukölln.

Ein Oktobertag vor zwei Wochen auf der Boltenstraße im Berliner Bezirk Neukölln: nur wenige Meter trennen den 17-jährigen Nasser, der hier geboren und aufgewachsen ist, von seinem aus dem Libanon stammenden Vater. Oben auf dem Balkon stehen Nassers Mutter und seine drei Geschwister. Die lauten „Stop Homophobia"-Rufe einer Demo mit etwa 100 Teilnehmern, die Nasser anführt, haben sie aus dem Haus gelockt.

Die Blicke von Vater und Sohn treffen sich für einige Sekunden sehr intensiv - ohne dass irgendetwas passiert: beide starr in einer Art Schreckminute gefangen. Fast zwei Jahre haben sie sich nicht gesehen. Das hat Nasser das Leben gerettet.

"Satan ist in Schwulen - sie landen in der Hölle"

Auf den Tag genau vor zwei Jahren haben Nassers Eltern mitbekommen, dass er schwul ist. Ein unfreiwilliges Outing. Der 15-jährige Nasser hatte sich einem Mitschüler anvertraut, der das Geheimnis nicht für sich behalten konnte. Durch die aus streng religiösen Elternhäusern stammenden Mitschüler erreichte die Neuigkeit dann in Windeseile Nassers Familie. Ebenso streng muslimisch reagierte sie umgehend.

Als Nasser von der Schule nach Hause kam, warteten dort bereits der Vater und ein Onkel, die ihn nun wütend bearbeiteten. An zwei Aussagen, die immer wieder fallen, kann sich Nasser noch gut erinnern: „Schwulsein ist eine Todsünde - so etwas gibt es im Islam nicht!", oder „Satan ist in Schwulen - sie landen in der Hölle!"

Als das Reden erfolglos bleibt, beginnen die beiden Erwachsenen härtere Bandagen anzulegen, die an mittelalterliche Martyrologien erinnern: Der Onkel schüttet ihm Benzin über den Kopf und zieht ein Feuerzeug aus der Tasche, droht ihn zu verbrennen - wie Schwule in der Hölle brennen.

Später kommt die Mutter dazu und verhilft ihrem Sohn aus Angst, Vater oder Onkel könnten ihn tatsächlich töten, zur Flucht. Nasser erzählt das alles sehr teilnahmslos, naiven journalistischen Fragen nach Gefühlen, bleibenden seelischen Verwundungen weicht er aus. Das ist vermutlich seine Art, die Erinnerung nicht übermächtig werden zu lassen, das Geschehene irgendwie unter Kontrolle zu behalten.

Von der "westlichen Kultur verdorbene Jugendliche" werden nicht selten ins Heimatland entführt

Nasser flüchtet an jenem 15. Oktober 2012 zu einem schwulen Freund, den er seit einigen Wochen kennt. Das Jugendamt schaltet sich ein, lässt den Eltern das Sorgerecht entziehen und zugleich eine Auslandssperre für Nasser verhängen. Man weiß dort sehr gut, dass Familien mit islamischem Migrationshintergrund durch die „westliche Kultur verdorbene Kinder" gerne zur Radikalkur in die alte Heimat verschicken.

In vielen dieser muslimischen Länder gelten drakonische Strafen für Homosexualität bis hin zur Todesstrafe. Nasser fühlt sich durch die Auslandssperre sicher, und als den 15-Jährigen das Heimweh nach Mutter und Geschwistern umtreibt, ruft er seine Mutter an. Die lädt ihn freundlich durchs Telefon ein: „Komm doch nachhause!" und die Sehnsucht nach der Geborgenheit in der Familie gewinnt die Oberhand über die Ratschläge seines vom Gericht bestellten Vormunds.

Doch statt der Mutter warten zu Hause der Vater und mehrere weitere männliche Verwandte auf ihn. Dann geht alles ganz schnell. Die Cola, die man ihm zu trinken gegeben hat, macht ihn „irgendwie total müde und hilflos". Und eh er sich versieht, sitzt er mit dem Vater und zwei seiner Onkel im Auto. Ihm ist sehr schnell klar: Er soll in den Libanon gebracht werden.

Die ersten Grenzen passieren sie, ohne dass der in eine Decke eingewickelte Nasser den Grenzbeamten auffällt. Erst an der rumänisch-bulgarischen Grenze nimmt der Junge seinen ganzen Mut zusammen und schiebt die Decke beiseite, als die Beamten mit ihrer Taschenlampe ins Auto leuchten. Die regieren sehr professionell, erreichen es sogar, dass sich die deutsche Botschaft einschaltet, obwohl Nasser keinen deutschen Pass hat.

Traum vom Mann fürs Leben

Nach vier Tagen ist Nasser wieder zurück in Berlin. Ab diesem Zeitpunkt bricht jede Verbindung zu seiner Familie, seinem früheren sozialen Umfeld ab. Mühsam hat er sich nun seine neue Heimat aufgebaut: Das sind Freunde, vor allem aus der schwulen „Community".

Wie viele andere junge Schwule in seinem Alter wartet er darauf, den Mann fürs Leben kennenzulernen - und mit ihm eine richtige Familie zu gründen, mit Kindern oder zumindest einem Hund.

Immer wieder während unseres Gesprächs scheint er die emotionale Verletzung schnell durch einen rationalen Zugang bewältigen zu wollen: er sei der älteste Sohn der Familie, also derjenige, dessen Aufgabe es in der vom strengen Islam geprägten Vorstellungswelt seiner Eltern sei, die Familienehre zu wahren und zu schützen.

Durch sein Schwulsein habe er sozusagen der ganzen Familie geschadet. Ein Schaden, der nur durch die Auslöschung seiner Person - entweder real oder zur Not in der Erinnerung - irgendwie behebbar ist. So sei das in der islamischen Kultur eben. Kaum verwunderlich, dass er sich persönlich komplett aus diesem Glaubenssystem zurückgezogen hat.

Die Frage, ob das Verhalten seiner Eltern nun durch den Koran zu rechtfertigen ist, habe er sich natürlich schon gestellt - aber was helfe ihm solche Theorie, wenn er den konkreten Islam seiner Eltern als so grausam erlebt habe? „Die Religion wurde mir aufgezwungen, ich bin nicht mehr gläubig und vermisse das auch nicht!", sagt er sehr selbstbewusst.

Nasser ist kein Einzelfall

Es ist jenes mutige Selbstbewusstsein, das ihn auch nach der letzten Begegnung mit dem Vater vor seinem Neuköllner Elternhaus auf einmal erfüllt. Ein Selbstbewusstsein, das er auch allen anderen Jugendlichen, die in einer ähnlichen Situation wie er sind, vermitteln möchte. Er sei nämlich kein Einzelfall, sondern habe alleine in Neukölln sehr viele kennengelernt, die auf ähnlich tragische Biographien zurückschauen müssen.

Als die Demo am Herrmannplatz startete, sei er noch voller Angst gewesen: „Was wird passieren, wenn mich frühere Mitschüler oder Familienmitglieder hier mit der Regenbogenfahne sehen? Werden sie mich beschimpfen, schlagen?" Aber zu jenem Zeitpunkt, als er in den letzten Sekunden des Blickkontakts mit dem Vater den Mund aufmacht und aus ganzer Kraft „Stop homophobia" schreit, er den Wohnort seiner Familie hinter sich lässt und mehr als 100 Stimmen seinen Ruf wiederholen, weiß er, dass er es geschafft hat.

„Ich wurde auf einmal ganz laut!" sagt er. Die böse Vergangenheit hat keine Macht mehr über ihn.

(c) Foto: David Berger