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Warum schwule Priester perfekt für die katholische Kirche sind

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PRIESTER
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Etwa 40 % der katholischen Priester sind homosexuell. Gleichzeitig verurteilt ihre Kirche schwulen Sex aufs Schärfste. Wie passt das zusammen?

Durch den menschenverachtenden Kreuzzug der ISIS wird die Frage nach der Bedeutung der Religion im Zusammenhang der Menschenrechte mit einer neuen Heftigkeit gestellt. Gerade auch dort, wo es um Rechte von Schwulen und Lesben geht.

In unserem Kulturkreis spielen die drei Religionen, die ihren gemeinsamen Ursprung bei dem Patriarchen Abraham sehen, die größte Rolle: Judentum, Christentum, Islam. In ihren Gründungsurkunden und den davon ausgehenden Traditionen verurteilen sie alle die gleichgeschlechtliche Liebe als „schwere Sünde", „Unzucht", „Abscheulichkeit"

Es sind v.a. diese drei Religionen, deren Positionen in den letzten Jahrhunderten dazu geführt haben, dass Homosexualität nach wie vor dämonisiert wird und im kollektiven Geschichtsgedächtnis homosexueller Männer das Verfolgtsein eine große Rolle spielt.

Was in diesem Zusammenhang zum Beispiel viele nicht wissen: den § 175 des deutschen Strafgesetzbuchs, unter dem im Nationalsozialismus schwule Männer in den Konzentrationslagern ums Leben kamen, gab es noch bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die katholische Kirche hatte sich von 1945 an und über die nächsten Jahrzehnte mit ihren Lobbyverbänden dafür eingesetzt, dass der Unrechtsparagraph auch nach dem Ende des Terrorregimes der Nazis erhalten blieb.

Interpretiert man Bibel und Koran wissenschaftlich, sind sie nicht homophob

Immer wieder hört man dann den Einwand: die Kirchen bzw. die Religionen können doch nicht anders. Schließlich verurteilen ihre heiligen Schriften den gleichgeschlechtlichen Sex. Aber: Von einem wissenschaftlichen Zugang her ließen sich alle Stellen aus der Thora, der Bibel und dem Koran, die die Diskriminierung grundlegen sollen, leicht als „Kinder ihrer Zeit" entlarven. Die als solche für uns keine Bedeutung haben.

Während liberale Religionsvertreter immer wieder versuchen, dies deutlich zu machen, behalten weltweit gesehen die immer einflussreicher werdenden Fundamentalisten die Interpretationshoheit. Und sie werden immer erfolgreicher. Wieso das?

Die Antwort ist verhältnismäßig einfach: Rein machttheoretisch gesehen sind ihre Formen der Diskriminierung - sie gehen von subtil bis brutal direkt- sehr Macht stabilisierend.

Katholischer Priester: ein Berufsprofil wie gemacht für schwule Männer

Dies zeigt sich besonders gut an der katholischen Kirche: Zum einen hat der Katholizismus über Jahrhunderte ein Priesterbild geschaffen, das wie gemacht war für homosexuelle Männer: Der katholische Priester ist durch den Zölibat unverheiratet, lebt in einer Männergesellschaft. Die feierlichen, monarchistischen Zeremonien und priesterlichen Kleidungen, der sogenannte Operetten-Katholizismus, wirken unglaublich anziehend auf viele schwule Männer.

Zudem waren die Klöster und Priesterseminare in früheren Zeiten sozusagen auch Schutzraum und Zufluchtsort für schwule Männer: ein junger Mann der entdeckte, dass er schwul war, hatte früher in katholischen Kulturen keine andere Wahl als zölibatärer Priester oder Mönch zu werden. Wollte er nicht ein qualvolle Scheinehe eingehen oder von allen als „ewiger Junggeselle" schief angesehen werden. Das hat dazu geführt, dass Fachleute davon ausgehen, dass bis heute ca. 40-50 % aller katholischen Priester homosexuell veranlagt sind.

Schwuler Sex ist schlimmer als Inzest oder Mord

Zugleich dämonisiert der Katholizismus Homosexualität. Auch heute noch und auch unter dem vermeintlich so homofreundlichen Papst Franziskus, der an der Lehre seiner Kirche bisher rein gar nichts verändert hat. Homo-Dämonisierung gilt nach wie vor in extrem übertriebener Weise.

Noch vor zwei Jahren war in einer katholischen Fachzeitschrift, die von vielen Kardinälen empfohlen wird, zu lesen: Während der Sex mit den eigenen Kindern, Mord oder Sex mit Tieren als schwere Sünden gesehen werden, über die sich der Teufel freut, wird Homosexualität als Sünde bezeichnet, die so widerlich ist, dass sich selbst der Teufel vor ihr ekelt! So jedenfalls bei der heiligen Katharina von Siena, die noch 1970 (als erste Frau!) zur Kirchenlehrerin erhoben wurde.

Leichen im Keller sorgen für fügsame Mitarbeiter

Diese Kombination aus Anlocken schwuler Männer und Verteufeln des Schwulseins führt in letzter Konsequenz dazu, dass die engsten Mitarbeiter der Kirche immer Sünder mit schlechtem Gewissen sind. Über ihre Schuldgefühle kann man sie besonders loyal und gehorsam halten kann. Man kann ihnen immer klar machen: „Wir wissen, dass Du Leichen im Keller hast, von daher erwarten wir von Dir bedingungslosen Gehorsam!" Wie verbreitet dieser Mechanismus ist, habe ich selbst bei meiner Arbeit für den Vatikan in meinem Buch „Der heilige Schein" aufgezeigt.

Die katholische Kirche muss - will sie ihre alte Macht aufrecht erhalten - also unbedingt an der Dämonisierung der Homosexualität festhalten.

Zum Verfasser: David Berger war selbst von 2005-2010 lang als Professor für den Vatikan tätig.