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Herr Bischof, Sie sitzen mit uns Schwulen in einem Boot

04/08/2015 16:36 CEST | Aktualisiert 04/08/2016 11:12 CEST
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Exzellenz, sehr geehrter Herr Bischof Vitus Huonder,

auf der Tagung des „Forums der deutschen Katholiken" haben Sie vor einigen Tagen in einem Vortrag erklärt, dass Bibelstellen, die die Todesstrafe für Homosexuelle fordern, der neue Leitfaden für den Umgang mit Homosexualität sein sollten. Und dafür den Applaus der Anwesenden bekommen.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief aus ehrlicher Sorge.

Aus ehrlicher Sorge nicht weil ich Angst hätte, dass in Ihrer Schweizer Diözese Chur oder hier in Deutschland wirklich die Todesstrafe für homosexuelle Akte wieder eingeführt werden könnte, sondern aus Sorge um die Kirche, für die Sie an entscheidender Stelle mit verantwortlich sind.

Zunächst: Sie halten sich selbst nicht an die Gebote der Kirche! Ihre Äußerungen haben den vom „Katechismus der Katholische Kirche" geforderten Takt gegenüber homosexuellen Menschen nicht nur vermissen lassen, sondern sind - freundlich ausgedrückt - eine bodenlose Taktlosigkeit. Auch Ihre jüngsten Äußerungen, die die Wogen besänftigen sollten, nehmen nichts Inhaltliches zurück.

Dann: Ihre Äußerungen sind herzlos und pastoral eine Katastrophe! Wahrscheinlich wäre es zu viel verlangt, dass Sie sich in einen der 18-jährigen Jungs hineinversetzen, die im Iran vor Kurzem vor den Augen ihrer Eltern an Baukränen erhängt wurden, weil sie angeblich Sex miteinander hatten.

Aber in die vielen homosexuellen Priester, ohne die auch Sie Ihre Diözese gar nicht führen könnten, sollten Sie sich schon hineinversetzen können. Was glauben Sie, wie diese sich nach einem solchen Wort ihres geistlichen Vaters fühlen?

Und denken Sie mal praktisch - ich sage das als jemand, der viele Jahre für den Vatikan gearbeitet hat: Würden alle schwulen Priester hingerichtet, wie das die von Ihnen zitierte Bibelstelle vorsieht, müsste die katholische Kirche schließen!

Was Sie in Ihren Ausführungen mit der Heiligen Schrift machen, erschüttert nicht weniger. Mit einer großen Respektlosigkeit vor dem Wort Gottes benutzen Sie dieses Buch wie ein Mann eine Frau benutzt, wenn er sie vergewaltigt. Sie reißen Stellen aus dem textuellen und historischen Zusammenhang und versetzen sie einfach in die Jetztzeit.

Damit haben Sie für die katholische Kirche ein Tabu gebrochen. Spätesten, seitdem der große Pius XII. die historisch-kritische Methode empfahl, kommt es in der katholischen Kirche, auch bei deren Hardlinern, nur noch selten vor, dass sich jemand für die Frage des Umgangs mit Homosexualität auf einzelne Bibelstellen beruft.

Zu sehr durchgesetzt hat sich hier die Einsicht, dass ein wortwörtliches Verstehen dieser Stellen, unberührt von den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten 100 Jahre, einen zum evangelikalen Fundamentalisten-Clown werden lässt. Selbst der als extrem homophob in die Geschichte eingehende Papst Benedikt XVI hat dies nie getan, sondern sich immer auf das philosophische Naturrecht bzw. die Natur des Menschen berufen, um Homosexualität abzulehnen.

Apropos Papst: Wie können Sie Papst Franziskus bei Ihrer nächsten Audienz noch in die Augen schauen, bei den Ausfälligkeiten gegenüber Homosexuellen, die Sie sich geleistet haben. Papst Franziskus, der im Ton und Taktgefühl bzgl. Homosexualität eine Wende eingeleitet hat. Und selbst von sich sagt: „Wer bin ich, über diese Menschen zu richten!" Und Sie als Bischof zeigen sich als Richter und stellen sich damit auch über den Papst! Die Demut, die Sie so sehr bei der Gottesmutter preisen, sieht ganz anders aus!

Und dann ist da noch die unausgegorene Sache mit dem ultra-katholischen Hetz-Portal kreuz.net. Vor Ihnen hat bereits diese inzwischen abgeschaltete Internetseite die von Ihnen zitierte Todesstrafe für Homosexuelle zum Leitfaden seiner Aussagen über Homosexuelle gemacht.

In vorauseilendem Gehorsam hat dieses Internetportal das umgesetzt, was Sie fordern. Das wäre gar nicht der Erwähnung wert, wäre einer der Hauptverdächtigen, Reto Nay, nicht ein von Ihnen besonders protegierter Priester Ihrer Diözese, der derzeit flüchtig ist.

Sie haben sich in Ihrem Vortrag auch gegen alle Familienformen ausgesprochen, die nicht dem klassischen Bild Papa-Mama-Kind entsprechen. Angesichts Ihrer Herkunft ist das besonders enttäuschend.

Sie kommen aus dem wunderbaren Surselva in Graubünden. Ich kenne in dem Kanton außergewöhnlich viele Fälle von Kuckuckskindern. Diese kamen zum Beispiel dann zustande, wenn ein Kind unehelich gezeugt, der Mutter weggenommen und in einer anderen Familie - eben als Kuckuckskind - aufwuchs.

Dass Sie unter anderem all das, was diese neue Familienform an Liebe und Fürsorge aufgebracht hat, so abwerten, ist schlicht erschütternd. Auch wieder angesichts der Tatsache, dass diese Eltern solche Kinder so weit förderten, dass sie Karriere im geistlichen Stand machen konnten. Manche haben es sogar bis zum Bischof gebracht.

Sollte Sie das alles nicht rühren, wäre es da nicht angebracht, Sie würden den Papst bitten, Sie in ein Land zu versetzen, wo es die Todesstrafe für Homosexuelle gibt? Das, was für schwule Männer die Hölle auf Erden ist, scheint Ihnen ja der Idealzustand.

Etwa beim IS oder im Iran. Dort ist man inzwischen Fachmann für unkomplizierte, schnelle und publikumswirksame Hinrichtungen von Schwulen. Und wie Ihren Vortrag könnten Sie diese feierlichen Autodafés auch auf Video aufnehmen und ins Netz stellen lassen. Die IS-Kämpfer können Ihnen da noch einiges zeigen.

Und einen pädagogischen Effekt hätte das auch, sollten Sie nicht ganz unbelehrbar sein. Sie müssten nämlich bemerken, dass diejenigen, die da Homosexuelle hinrichten, mit Christen genauso umgehen. Und Sie auf einmal in einem Boot mit Homosexuellen säßen.

Vielleicht würden Sie dann verstehen, was Fachleute damit meinen, wenn sie davon sprechen, dass der Umgang mit Homosexuellen in einem Staat ein Gradmesser für die Geltung von Menschenrechten insgesamt ist.

Aufrecht wünsche ich, dass Ihnen das bei Ihrer Bischofsweihe gesungene "Veni Creator Spiritus" (Bitte um Erleuchtung durch den Heiligen Geist) zuteilwerden möge - und so die Finsternis von Homo-Hass vom Licht der Nächstenliebe durchbrochen wird!

David Berger

- ehem. Professor der Päpstlichen Thomasakademie -

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