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Akif Pirinçci und die "große Verschwulung"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AKIF PIRINCCI
dpa
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Der Titel des neuen Buches Pirinccis klingt homophob. „Die große Verschwulung" erweist sich aber bei aufmerksamer Lektüre als Kritik der Genderideologie und vertritt damit in letzter Konsequenz auch die spezifischen Interessen schwulen Männer.

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Große Aufregung gab es um das neueste Buch Akif Pirinçcis: „Die große Verschwulung" (Edition Sonderwege, Leipzig 2015). War die Neuerscheinung doch von dem ausgerufenen Boykott gegen die Bücher des bekannten Autors besonders betroffen. Grund für die Strafmaßnahme des Buchhandels war eigentlich ein aus dem Zusammenhang gerissenes und in einen neuen sinnwidrigen Zusammenhang gestelltes Zitat, das bei der Rede Pirinçcis bei einer Demonstration von Pegida gefallen ist.

Dennoch war der Jubel bei einigen Homosexuellen groß, als sie von den schlechten Startbedingungen des Buches hörten. Die Homophoben dagegen bemühten sich nun besonders, an das Buch heranzukommen.

Nachdem ich das Buch ausgiebig studiert habe, befürchte ich beide Gruppen werden ziemlich enttäuscht sein. Denn bis auf den völlig verunglückten Titel ist an dem Buch gar nichts homophob. „Verschwulung" hat nämlich mit dem Inhalt des Buches nur dann etwas zu tun, wenn man schwul mit feminin bzw. Feminisierung des Mannes gleichsetzt. Deshalb auch der Untertitel des Buches: „Wenn aus Männern Frauen werden und aus Frauen keine Männer".

Die Genderideologie als Wurzel aller gesellschaftlichen Übel

Dass eine Gleichsetzung von Feminisierung und „schwul" einem heterosexuellen Autor passiert, kommt freilich nicht von ungefähr. Gilt es doch bei vielen homonormativen Menschen als höchste Form schwuler Tugenden, wenn sich ein Mann als Frau verkleidet. Travestiekünstlerinnen können und dürfen alles. Selbst ernsthafte politische Kolumnen in queeren Zeitschriften vertraut man ihnen mit dem Hinweis auf ihre Kunst an.

Die schwule Realität, für die solche Magazine eben nicht repräsentativ sprechen, sieht aber ganz anders aus: 98 % der Schwulen sind gerne Männer - gerade auch deshalb, weil sie Männer lieben. Ihre Devise ist: „Lasst uns Schwule einfach nur Männer sein!"

Die neue Gewichtung, die in der Feminisierung eine besonders erfreuliche gesellschaftliche Entwicklung sieht, schreibt der Autor dem Gender-Mainstreaming zu. Sowohl die akademischen Aspekte wie auch die politischen, finanziellen und populären Auswirkungen dieser von Naturwissenschaftlern schlicht als pseudowissenschaftliche Ideologie kritisierten Neuausrichtung der gesellschaftlichen Zuordnung der Geschlechter kritisiert er - meist an sehr konkreten Beispielen - hart.

So etwa an dem Beispiel unserer Verteidigungsministerin oder der Bundeskanzlerin: „Nicht Angela Merkel ist zum Mann mutiert, sondern die Männer um sie herum und zu ihren Füßen sind zu verängstigten Eunuchen und Hofschranzen geworden."

Seine Prognose ist dabei alles andere als optimistisch: Der junge deutsche Mann der Zukunft „wird in einer irrealen Parallelwelt sozialisiert worden sein, in der die Eindeutigkeit des eigenen Geschlechts als Frevel gilt, die Lösung von Konflikten mittels Gewalt per se als verachtenswert und die Akzeptanz selbst der widerlichsten Fremdkultur als obligatorisch. Er ist der Luschi par excellence."

Pirinçci klingt wie ein Homoaktivist, der zur Eigenkritik fähig ist

Wo Pirinçci dann doch explizit Themen aus der homosexuellen „Community" aufgreift, äußert er Kritik, die so auch von Homoaktivisten kommen könnte, die sich die Fähigkeit zur Kritik an der eigenen „Familie" bewahrt haben. Etwa dort, wo Pirinçci von der Bedeutungslosigkeit etwa des „Lesben- und Schwulenvereins Deutschland" (LSVD) spricht, da es „es sich dabei lediglich um einen winzigen Verein mit nur 4.000 Mitgliedern handelt" - die Zahl entspricht eben der Realität und das heißt unmissverständlich, dass nur etwa 1-2 % der Schwulen und Lesben ihre Interessen durch diesen Verein vertreten sehen wollen.

Ähnlich auch, wo es um die häufig mit Antisemitismus, Linkspopulismus und Männerfeindlichkeit einhergehende Queertheorie geht, eine Theorie, die „nicht einmal die große Mehrheit der Lesben und Schwulen interessiert, mit der aber dennoch Heteros dazu gedrängt werden sollen, die karnevalistische Weltsicht irgendwelcher Verkleidungskünstler nicht nur zu tolerieren, sondern zu akzeptieren, ja sich selbst zu eigen zu machen."

Zu den Bildungsplandiskussionen in Deutschland lesen wir in der „großen Verschwulung":

„Akzeptanz von sexueller Vielfalt' heißt die Devise. Genau die soll nämlich als Grund herhalten, weshalb schon die Kleinen im Kindergarten mit Fickificki-Zeugs belästigt werden müssen. Wenn sie groß geworden sind, sollen sie dann keine Homos mehr totschlagen, wie das heutzutage angeblich tagtäglich der Fall ist. Okay, beim kleinen Abdullah machen wir mal eine Ausnahme, denn der sitzt ja selber im Diskriminierungsboot und kann wegen seiner hauptsächlich auf Unterleibsöffnungen fixierten Religion nix dafür, dass er die Spinatstecher am liebsten am Baukran baumeln sähe."

Schüler sollen im Unterricht natürlich über Homosexualität sprechen - und auch dass sie völlig ok ist

Alles Kritikpunkte, die - wie gesagt -so auch von Homoaktivisten kommen könnten. Wie wenig man ihm auch hier Homophobie unterstellen kann, zeigt, dass sich Pirinçci ganz klar für ein disktriminierungsfreies Sprechen über Homosexualität im Unterricht stark macht: Wichtig sei ihm, dass man Schülern einfach sagt, „dass es auch Männer gibt, die Männer lieben, und Frauen, die Frauen lieben, und jede Menge dazwischen, und dass das alles ok ist. Sie wissen es sowieso."

Groteske Übertreibungen (Schwule und Lesben sind die besseren Menschen), lehnt er freilich ab - und erweist sich so, ganz entgegen seinem Ruf, als Streiter gegen eine positive Diskriminierung homosexueller Menschen.

Auch die Kritik Pirinçcis an der Gendertheorie kann ich als schwuler Mann zwar nicht im Stil, aber inhaltlich voll teilen. Die homosexuellen Genderideologie-Fans müssen sich nämlich fragen lassen: Was hilft es schwulen Männern, wenn man ihnen sagt, dass sie ihr Geschlecht beliebig von Tag zu Tag neu wechseln und bestimmen können? Dass man Mädchen deshalb besonders fördern müsse, weil man ihnen gesellschaftlich ja eine bestimmte Rolle anerzogen habe, in der sie sich vielleicht nicht wohl fühlen?

Steckt in diesem Zusammenwerfen von Genderideologie und Emanzipation schwuler Männer nicht das Vorurteil, dass Schwule eigentlich gar keine richtigen Männer sind und sein wollen und man sie nun von dieser Last des Männlichseins befreien müsste? Dass es Männer, die Männer lieben, eigentlich gar nicht geben könne bzw. dürfe?

Und bietet die Gendertheorie, die Geschlechterrollen und somit auch sexuelle Veranlagung weitestgehend von gesellschaftlichen Konstituenten abhängig macht, nicht genau den ideologischen Boden, den jene Homo-Heiler benötigen, die sonst von Homoaktivsten zurecht so vehement bekämpft werden?

Wer sich gegen die Genderideologie einsetzt, kämpft indirekt auch gegen Homophobie

Die Kritik queerer Autoren an Pirinçci fällt bei genauerem Nachdenken also ganz schnell auf diese selbst zurück. Vielleicht ist es ja gar nicht der heterosexuelle Autor, der homophob agiert. Sondern seine homosexuellen Kritiker zeigen sich hier als implizit homophob, indem sie angeben für die Rechte Homosexueller eintreten, aber in Wirklichkeit einer Ideologie den Weg bereiten, die Mannsein und damit die Liebe eines Mannes zu einem anderen Mann, das Schwulsein in letzter Konsequenz abschafft?

Bleibt noch - wie bereits angedeutet - der Stil Pirinçcis. Der ist ganz bewusst extrem provokativ, an manchen Stellen an der Grenze zum Ordinären gehalten. Aber gerade das macht auch den Erfolg seiner gesellschaftspolitischen Bücher aus. Schafft er es doch so zum einen- ähnlich wie die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach - extrem zu provozieren und so die Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, das er gesetzt hat.

Zum anderen ist all das, was er schreibt und wie er es schreibt, der durch und durch strategisch klug durchdachte Versuch, einer ihm verhassten Welt der Political Correctness, der Denk- und Redeverbote etwas entgegenzusetzen. Gerade im Bereich der Geschlechterdiskussion und der Gendertheorien sind solche Tabus extrem stark ausgeprägt. Umso größer dann auch die Freude am revolutionären Tabubruch.

Auch der Schreiber dieser Zeilen muss gestehen, dass ihm beim Lesen immer wieder ein politisch unkorrektes Grinsen entfleucht ist.

Akif Pirincci, Die große Verschwulung. Wenn aus Männern Frauen werde und aus Frauen keine Männer, Edition Sonderwege: Leipzig 2005, 269 Seiten, ISBN: 978-3-944872-22-3; 17,80 €

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Ausfälle von Akif Pirinçci: "KZs leider außer Betrieb": Diese Hetz-Rede wurde sogar den Pegida-Anhängern zu viel

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