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Ich habe ein Kind von einem Muslim bekommen - und meine Lektion gelernt

18/11/2015 17:24 CET | Aktualisiert 18/11/2016 11:12 CET

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Als ich von den schrecklichen Terroranschlägen in Paris erfahren habe, saß ich gerade in einer Kneipe in Barcelona und teilte mir mit einer Freundin Gambas mit Kartoffeln. Sofort überkam uns Angst und Trauer, obwohl wir von diesem Horror kaum weiter weg sein konnten, in unserer essbaren Sorglosigkeit. Ich dachte sofort an meine Tochter.

Unsere scheinbar natürliche Reaktion war, eine Diskussion anzufangen. Von zwei Standpunkten aus, die scheinbar weit voneinander entfernt lagen. Meine Freundin erinnerte mich daran, wie heuchlerisch wir alle sind, weil uns nur das interessiert, was in Europa passiert. Und dass anderenorts jeden Tag Menschen sterben und dass wir vergessen, was wir Europäer anderen Völkern angetan haben.

Ich versuchte irgendwie den Schmerz, den ich empfand, zu verteidigen und wies mit wenig plausiblen Argumenten darauf hin, dass jetzt nicht der richtige Moment für einen Wettbewerb darüber sei, welche Toten mehr zählen. Wir diskutierten lebhaft, wahrscheinlich, weil wir so unsere Traurigkeit über die Geschehnisse zu verbergen. Wir aßen unsere Gambas mit Kartoffeln auf und rannten nach Hause.

Vielleicht haben all jene, die via Facebook und Twitter ihren Schmerz und ihre Wut mit der Welt geteilt haben, das aus demselben Motiv getan. Ich selbst habe es nicht geschafft, etwas zu schreiben oder mich - mal abgesehen von dem intimen Moment in der spanischen Kneipe - zu äußern. Denn jeder Gedanke, so sehr er auch Solidarität ausdrückte, erschien mir lächerlich und respektlos angesichts dieses Horrors.

Dann gibt es noch jene, die bei jedem Terroranschlag zu pseudo-Politikern mutieren und mit den la "Prophezeiungen" der Journalistin Oriana Fallaci argumentieren. Die besagen nämlich, dass wir den Feind bei uns zu Hause haben.

"Es ist ein Feind, der auf den ersten Blick nicht wie einer aussieht. Ohne Bart, westlich gekleidet, mit einer Aufenthaltsgenehmigung. Mit einem Auto. Mit einer Familie. Und es ist nicht ungewöhnlich, wenn es in dieser Familie auch zwei oder drei Ehefrauen gibt. Es ist auch nicht ungewöhnlich, wenn er diese Frau oder Frauen windelweich prügelt. Ebenso selten kommt es vor, dass er seine Tochter umbringt, weil sie Jeans trägt. Oder dass der Sohn ab und zu eine unschuldige 15-Jährige aus Bologna vergewaltigt, die mit ihrem Freund im Park spazieren geht".

Dazu würde ich gerne etwas loswerden. Oder besser noch, eine Frage stellen. Kennt ihr persönlich einen gläubigen Muslimen? Ich würde euch gerne meinen Partner vorstellen. Den Vater meiner Tochter, die Liebe meines Lebens.

Er hat keine Aufenthaltsgenehmigung, weil er Brite ist, aber im Sudan geboren, als Sohn einer britischen Christin und einzigen Frau seines Vaters. So, wie ich seine einzige Partnerin bin (ja, gut, das ist sein Makel: Er hat mich noch nicht gefragt, ob ich ihn heiraten will). Er schlägt mich nicht windelweich. Dafür gehe ich ihm gerne und oft gehörig auf die Nerven.

Er geht nicht in die Moschee, um sich zu radikalisieren. Ich werde nur misstrauisch, wenn er angeblich zum Basketball spielen geht, weil sein Bäuchlein trotzdem einfach nicht weniger wird. Ich bin ihm sogar mal gefolgt. Er hat wohl ein Stoffwechselproblem.

Er reist nicht in den Sudan, auch nicht als Urlaub, weil er davon überzeugt ist, dass sein Land endlich Verantwortung übernehmen und sich von einer Führungsschicht befreien muss, die eine Religion instrumentalisiert, um Menschen und ihr Leben zu kontrollieren.

Er hat jahrelang mit einem israelischen Juden zusammengelebt. Er isst Schweinefleisch und er zieht die englischen Würstchen der italienischen Salsiccia vor (ich habe ihm gesagt, dass er von Essen keine Ahnung hat).

daria simeone

Bevor er in mein Leben trat, kannte ich keinen einzigen Muslim. Ich kannte jene, die durch die Nachrichten in mein Haus gebracht wurden. Die Feinde. Die, die ihre Kinder, die sie mit Frauen aus dem Westen gezeugt haben, gewaltsam entführen. Oder die, die ihre Tochter verstoßen, weil sie einen Minirock trägt. Oder die, die sich in die Luft jagen, um in ein Paradies voller Jungfrauen zu kommen.

Und natürlich ist es wahrscheinlicher, dass einer der Mohammed oder Ahmed heißt, seine verschleierte Frau umbringt, als unsere Landsmänner mit weniger exotischen Namen wie Santo Pisano, Luca Priolo, e Luigi De Michele (um nur die letzten drei Gattinnenmörder zu erwähnen).

Es ist außerdem absolut absehbar, dass die Söhne dieser Monster Mohammed und Ahmed eines Tages junge Mädchen auf offener Straße überfallen werden. Ganz im Gegensatz zu unseren einheimischen Serienvergewaltigern, von denen das nie jemand gedacht hätte.

Wie Teodoro Polito aus Brindisi oder Roberto Benatti aus Belluno, oder von mir aus auch Simone Borgese, der (anders als von Fallaci behauptet) keinen muslimischen Vater hatte, sondern nur eine extrem italienische Mutter, die die Taten ihres Sohnes rechtfertigte indem sie sagte, er habe es im Leben nicht leicht gehabt.

daria simeone

Was ich mit all dem sagen will ist: Auch ich hatte insgeheim heftige Vorurteile, bevor ich den "Feind" wirklich in meinem Haus hatte. Und vielleicht kann ja die neue Generation junger Muslime, die mit euren Kindern in den Kindergarten geht, euch etwas beibringen.

So, wie mir mein Partner etwas beigebracht hat. Ich weiß, es ist immer einfacher, sich einen Feind zu suchen, der möglichst anders ist als man selbst. Aber das ist zu simpel. Wir sollten lieber alle ein bisschen von unserer Ignoranz ablassen. Der Feind in meinem Haus seid mittlerweile ihr.

Lasst es mich wissen, wenn ihr meinen Zi kennenlernen wollt. Und seinen Vater Mohammed und seine Schwestern Farida, Sophia und Yasmine. Vielleicht lade ich euch alle zu unserer Hochzeit ein, wenn er endlich mit einem dicken Klunker in der Hand vor mir auf die Knie geht.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post Italia und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Italienischen übersetzt.

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