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Mein Baby wurde zweimal geboren

18/08/2016 12:46 CEST | Aktualisiert 19/08/2017 11:12 CEST

daria simeone

Vor fünf Tagen musste ich mit meiner fünf Tage alten Tochter noch einmal in die Entbindungsstation zurückkehren, weil mir von den Hebammen noch einige Unterlagen fehlten, um meine Tochter im Standesamt von Barcelona eintragen zu lassen.

Als wir am Tag zuvor das Krankenhaus verlassen hatten, wurde vergessen, das Geburtsdatum und die Zeit einzutragen, die Spalte blieb einfach leer. "Soweit ich weiß, ist dieses Kind nicht geboren worden", sagte die Dame im Standesamt, als ich ihr die unvollständigen Unterlagen überreichte.

Während ich darauf wartete, dass die Hebammen mir die Unterlagen zurückbrachten und Viola meine Nippel bereits fast zerstört hatte, kam ein Vater ins Wartezimmer und rief: "Es ist ein Mädchen!" Er umarmte zwei frisch gebackene Großelternpaare und alle waren unglaublich glücklich.

Ich hatte diesen Moment der Freude nie erlebt

Ich brach in Tränen aus, genauso, wie es mir immer passiert, wenn ich E.T. schaue und er zum Abschied winkt und er das Raumschiff betritt, das ihn zurück nach Hause bringt.

Ich weinte, weil ich diesen Moment der Freude nie erlebt hatte. Mein britisch-arabischer Freund hatte den Großeltern diese Nachricht stets mit Angst überbracht, da immer auch sehr viel Unsicherheit mitschwang. Auch dieses Mal war die Nachricht laut und deutlich: Mein Körper ist nicht dazu geschaffen, Kinder auf die Welt zu bringen.

Gegen 3 Uhr morgens an einem Tag im August wurde Viola mit einem Notkaiserschnitt auf die Welt gebracht, da meine Gebärmutter während der letzten Wehen gerissen war.

daria simeone

Genauso, wie bei ihrer Schwester. Das erste Mal sah ich sie auf einem Foto, das ihr Vater mir schickte, während ich selber noch auf der Intensivstation lag, irgendwo im Krankenhaus, mit einem Inkubator und Elektroden, die in mir steckten.

Als ich sie das erste Mal berührte, wusste ich nicht, wie ich sie halten sollte, ohne all die Schläuche zu verheddern, die sie beatmeten und ohne zu viel Druck auf die Nadel auszuüben, die in ihrer Hand steckte und die mit dem Tropf verbunden war.

Das erste, was man mir über meine Tochter sagte, war nicht "sie ist wunderschön", sondern "wir müssen sichergehen, dass sie keinen Hirnschaden hat". Der erste Gedanke, der mir kam, war, dass sie meine größte Liebe sein würde, eine Liebe, die alle Unfairness eines Schmerzes und einer Angst, die zu früh erfahren wurde, kompensieren würde.

Dann sah ich ihre große Schwester. Vielleicht war es der Hormonstrom, der Mütter am dritten oder vierten Tag nach der Geburt heimsucht oder die Erinnerung an die schwere Operation, die Viola auf die Welt gebracht hatte.

Ich begann, die Zeit mit meiner ersten Tochter zu vermissen

Vielleicht aber auch Mias Schönheit, die Tatsache, dass sie redet, lacht und ein riesen Chaos veranstalten kann, während ihre kleine Schwester kaum lächelt und wie ein verschrumpelter Greis aussieht.

Ich sah sie an und dachte: "Was habe ich nur getan?"

Und dann begann ich, Mia und unsere gemeinsame Zeit alleine zu vermissen.

Als ich meinem Körper dabei zusah, wie er von der Schwangerschaft ausgefüllt zu einem wabbeligen Bauch überging, der zu schnell gelehrt wurde.

Als ich den Schmerz einer heilenden Wunde spürte, die mit Klammern zusammen gehalten wurde. Solchen Klammern, wie wir sie in der Schule benutzen, um Weihnachtskörbchen zu basteln.

Als ich den Gott des Stillens verfluchte, weil er meine Brüste mit Milch füllte, ohne eine Gebrauchsanweisung mitzuliefern.

Als ich all die Telefonanrufe der Menschen nicht annahm, die wissen wollten, wie es mir ging.

Als ich googelte, wann Neugeborene Körperhaar verlieren.

Als ich meine Tochter ansah und mich fragte, wer das eigentlich ist.

Am Tag danach, dem fünften Tag nach der Geburt, wurde ich wegen einer Wundinfektion noch einmal ins Krankenhaus eingeliefert. Da waren wir wieder: Viola, ich und der britische Araber.

Nochmal drei Tage mit furchtbarem Krankenhausessen, zwei weitere Nächte getrennt von Mia.

Als sie das Krankenhaus mit ihren Großeltern und der Tante für die Nacht verließ und uns anflehte, mitzukommen, versprach ich ihr, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich sie alleine ließ. Ich hoffte, ich würde das Versprechen halten können, zumindest dieses Mal.

Wir wurden noch einmal geboren

Aber während dieser langen Stunden, als meine Eltern vor Angst alterten und meine Schwester vor Wut weinte, als mein Ex-Freund mir ein riesiges Sandwich mit Parmaschinken brachte, um mich aufzumuntern und meine Freundin Cristina mir einen Roman von Murakami und Massenweise Junk Food ins Krankenzimmer schmuggelte, als mein guter Freund Luca alle Krankenschwestern und Ärzte verführte, um an vertrauliche Informationen über meinen Gesundheitszustand zu kommen, ja, in diesen Stunden vergaß ich meine Wunde , meinen Bauch und das Körperhaar. Und ich rief alle Freunde und Bekannte an, um ihnen zu berichten, was passiert war.

daria simeone

Am 6. August um 3 Uhr 16 kam Viola auf die Welt.

Und sie ist wunderschön. Und inzwischen konnte sie auch beim Standesamt in Barcelona eingetragen werden.

Aber am 14. August um halb drei am Nachmittag, dem Geburtstag des britischen Arabers, wurden wir alle noch einmal geboren, als wir das Krankenhaus verließen.

Wir feierten nicht, indem wir uns im Wartezimmer umarmten. Stattdessen rief meine Mutter an und erzählte mir, dass sie für meinen unglaublich anstrengenden Freund Spaghetti mit Tomatensoße gekocht hätte, aber nur, weil es sein Geburtstag sei.

Viola, die zwei Mal geboren werden musste

daria simeone

Dieser Artikel erschien zuerst bei der Huffington Post Italien und wurde zuerst aus dem Italienischen ins Englische und anschließend von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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