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Tuberkulose - Die vergessene Seuche

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PLAGUES HOSPITAL
Jim Young / Reuters
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Letzten Herbst diagnostizierte man bei mir eine latente Tuberkuloseinfektion, eine ernste bakterielle Infektionskrankheit, die oft schwer behandelbar und sogar tödlich sein kann.

Glücklicherweise war meine Infektion nicht ansteckend - zumindest noch nicht. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass ich aktive Tuberkulose entwickle (dies passiert bei etwa 10 % der Infizierten), und somit meine Kinder, meinen Mann oder sogar jemanden, der im Zug, im Bus oder im Flugzeug neben mir sitzt, einfach anstecken könnte.

Es war eine sehr ernüchternde und prägende Erfahrung, vor allem weil ich seit drei Jahren für eine Organisation arbeitet, deren Mission es ist, eine wirksame Impfung zu entwickeln, die vor Tuberkulose schützt.

Laut Experten sind ungefähr ein Drittel der Weltbevölkerung mit dem TB-Erreger infiziert, ohne erkrankt zu sein. Im Gegensatz zu vielen Betroffenen, die oft in ärmeren Ländern leben, hatte ich Zugang zu einem guten Gesundheitssystem und konnte sofort mit einer dreimonatigen Medikamentenbehandlung starten.

Unter dem Video geht es weiter.

Zu den gravierendsten Nebenwirkungen der Medikamententherapie, die mir dank guter ärztlicher Begleitung und einer Portion Glück erspart blieben, zählen u.a. Psychosen, Hörverlust, Gelbsucht und Leberversagen.

Ich werde es nie genau wissen, wo und wie ich mich angesteckt habe: TB kann nämlich über die Luft übertragen werden und sich schnell und über große Distanzen (z.B. an Bord von Flugzeugen) verbreiten.

Es könnte auf einer meiner beruflichen Reisen in die Länder passiert sein, wo TB häufig vorkommt. Genauso könnte ich es aber auch in der U-Bahn in irgendeiner Stadt aufgeschnappt haben.

Die längst vergessene Krankheit

TB wird immer noch als längst besiegte und darum oft vergessene Krankheit gesehen. Ich bin der Beweis, dass dem nicht so ist. Tuberkulose ist die derzeit tödlichste Infektionskrankheit der Welt mit 1,8 Millionen Todesopfern und 10,4 Millionen Neuerkrankungen im Jahr 2015. Das macht TB sogar noch tödlicher als HIV/AIDS, Masern oder Ebola.

Aktuell geht eine besondere Gefahr von multiresistenten Tuberkulose (MDR-TB) Bakterien aus, die gegen die wichtigsten Medikamente unempfindlich sind.

Einige der höchsten Raten sind in der Nähe von Deutschlands Nachbarstaaten zu finden, in den Ländern Osteuropas: In Weißrussland spricht gut jeder dritte Neuinfizierte nicht mehr auf die beiden gängigsten Medikamente an. In Kasachstan, Kirgisistan, Moldawien und Usbekistan ist es etwa jeder vierte.

In Russland und Estland jeder fünfte. Von all jenen, die in diesen Regionen bereits eine gescheiterte Tuberkulose-Behandlung hinter sich haben, trägt sogar mehr als die 50% den multiresistenten Keim.

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Davon leiden 10% sogar unter extrem arzneimittelresistenter Tuberkulose (XDR-TB) leiden, d.h. der Tuberkuloseerreger ist gegen viele der TB Medikamente der ersten und zweiten Generation resistent.

TB ist global ein wachsendes und unterschätztes Gesundheitsproblem. Die zusätzliche wirtschaftliche Belastung verursacht durch TB Erkrankungen kostet der Europäischen Union jährlich 5 Milliarden Euro.

In Deutschland betragen die geschätzten Krankheitskosten, dazu gehören Arbeitsausfälle und Behandlungskoste, jährlich 50 Millionen Euro. Die Therapiekosten bei multiresistenter TB können bis zu 100 mal mehr betragen als bei herkömmlicher TB.

Ein 2016 von der britischen Regierung in Auftrag gegebener Bericht zu „Antimicrobial Resistance" (Antibiotikaresistenz) warnt, wenn nicht neue Medikamente, Diagnostika und Impfstoffe gegen arzneimittelresistente Tuberkulose entwickelt und eingeführt werden, werden jährlich 2,5 Millionen Menschen an multiresistenter TB bis 2050 sterben, also ungefähr ein Viertel der prognostizierten Todesfälle aufgrund von Antibiotikaresistenz - bzw. alle 12 Sekunden ein Sterbefall.

Große Finanzierungslücken in der Tuberkuloseforschung

Trotz dieser niederschmetternden Statistiken sind noch keine massiven Forschungsinitiativen wie jene gegen Ebola und Zika ins Leben gerufen worden, obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährliche Finanzierungslücken im Bereich der Tuberkuloseforschung auf 1,3 Milliarden US$ schätzt.

Dringend gebraucht werden bessere Medikamente und Diagnoseverfahren, mit denen Arzneimittelresistenzen schnell und einfach ausfindig gemacht werden können. Neue Tuberkulose-Impfstoffe sind jedoch das Nonplusultra bei der langfristigen Bekämpfung herkömmlicher und resistenter Tuberkuloseerreger.

Mehr zum Thema: Die tödlichste Infektionskrankheit der Welt

Der beinah 100 Jahre alte BCG Impfstoff bietet lediglich Kleinkindern begrenzten Schutz, verursacht häufig Nebenwirkungen und wird daher in Deutschland nicht mehr empfohlen. Gegen die Lungentuberkulose, die häufigste und ansteckendste Variante der Krankheit, vermag dieser Impfstoff nichts auszurichten.

Ein neuer Impfstoff, der verhindert, dass Jugendliche und Erwachsene - die Hauptüberträger von TB - die Krankheit bekommen, entwickeln und weiter verbreiten wäre das kosteneffektivste Instrument, um die Epidemie einzudämmen.

Die Entwicklung eines neuen Impfstoffes ist möglich. Gab es vor 15 Jahren nur einen Impfstoffkandidaten, sind heute dreizehn in klinischer Entwicklung.

Das Thema Antibiotikaresistenz ist auf der Agenda der deutschen G20 Präsidentschaft im ersten Halbjahr 2017 und ich hoffe sehr, dass Deutschland und seine G20 Partner auch neue Wege der TB Impfstofffinanzierung diskutieren werden, denn ein neuer Impfstoff könnte sowohl die herkömmliche als auch die arzneimittelresistente Tuberkulose verhindern.

Mehr zum Thema: Tuberkulose: Wie die Zahl der Erkrankten in Deutschland wieder steigt

Bis jetzt fehlt es noch immer an ausreichender Finanzierung, um das Weitererforschen zahlreicher vielversprechender Forschungs- und Entwicklungsansätze im ausreichenden Maße voranzutreiben.

Meine persönlichen Erlebnisse mit TB waren gottseidank nur kurz und dank guter medizinischer Versorgung konnten meine Familie und Mitmenschen geschützt bleiben. TB ist noch immer eine unmittelbare Bedrohung.

Da es über die Luft übertragen wird, kann der Erreger bis in alle Ecken der Welt gelangen. Das Risiko besteht immer und überall für uns. Wir brauchen daher dringend Innovationsförderung und Stimulierung von Forschung und Entwicklung verbesserter Instrumente, um der Epidemie endlich ein Ende zu setzen.

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