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Warum man Kinder immer trösten sollte

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SAD CHILD
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Kinder brauchen bei Kummer Trost und Zuwendung


Dass Schreien lassen die Lungen gar nicht stärkt oder Stillen und Füttern nach Zeitplan nicht kindgerecht ist und dass man durch Tragen Babys nicht verwöhnt, hat sich erfreulicherweise mittlerweile herumgesprochen.

Leider gibt es jedoch noch ein kleines, sehr hartnäckiges Überbleibsel aus der Erziehung unserer Eltern und Großeltern, das immer noch weit verbreitet ist: Der Unwille, Kindern Trost zu spenden.

Immer wieder hört man, wie bitterlich weinenden Kindern (oft leicht genervt) entgegnet wird:

"Nun stell dich nicht so an!"
"Hab dich nicht so!"
"Hör doch endlich mal auf zu weinen!"
"Immer dieses Gejammere!"
"Was soll das ständige Geschrei!"
"Was du immer für einen Aufstand machst!"

Im Alltag sind auch immer wieder unbewegte Erwachsene zu beobachten, die neben vollkommen aufgelösten Kindern stehen und minutenlang nicht darauf reagieren oder sie sogar einfach stehen lassen. Offenbar fällt es einigen Eltern unheimlich schwer, ihre Kinder zu trösten.

Auch für mich ist es manchmal sehr schwierig, in Situationen, in denen ganz eindeutig übertrieben wird, mitfühlend Trost zu spenden - vor allem, wenn ein Konflikt vorherging und ich gerade in ärgerlicher Grundstimmung bin. Auch wenn ich es mittlerweile schaffe, solche Sätze wie die obigen bewusst nicht zu sagen, möchte ich dann doch am liebsten weit weg rennen und mein Kind mit seiner für meine Begriffe unangemessenen Trauer allein stehen lassen.

Warum Eltern manchmal so schlecht trösten können


Meine eingeschränkte Fähigkeit, in emotional geladenen Situationen Trost zu spenden, ist ein Relikt meiner eigenen Erziehung. Ganz offenbar ist mein Bauchgefühl leider maßgeblich davon geprägt, wie ich selbst erzogen wurde. Immer wieder entdecke ich Verhaltensweisen, die ich unbewusst von meinen Eltern übernommen habe, weil sie mir jahrelang vorgelebt wurden.

Vor wenigen Jahren noch war meine erste gedankliche Reaktion auf ein trotziges Kleinkind: "Das soll sich ruhig ausbocken - wenn man dem Verhalten zu viel Beachtung schenkt, wird es sich immer wieder so benehmen, um seinen Willen durchzusetzen. Bald schon tanzt einem das Kind dann auf der Nase rum". So habe ich tatsächlich gedacht - und so denken heutzutage noch sehr viele.

Wir haben auf unserer Seite bereits ausführlich darüber geschrieben, wovon die Erziehung unserer Eltern und Großeltern maßgeblich beeinflusst war und was sie davon wie an uns weitergegeben haben. Bis zum Ende der 80er-Jahre war das Buch "Die (deutsche) Mutter und ihr erstes Kind" mit über 1,2 Mio. verkauften Exemplaren das Standardwerk für die Erziehung von Kindern - geschrieben wurde es von Johanna Haarer in der Zeit des Nationalsozialismus.

Das Erziehungsziel der Zeit

Aber auch lange Zeit danach stand es in nur leicht abgewandelter Form in vielen elterlichen Bücherregalen und prägte die Erziehung von Kindern nachhaltig.

Das Erziehungsziel der Zeit, in der es geschrieben wurde, war ganz eindeutig: Kinder sollen nicht verweichlicht werden - sie sollen stattdessen schnell selbständig und unabhängig sein, um dem Führer selbstlos zu dienen. Sie sollten nicht jammern, nicht weinen, keine Gefühle zeigen, sondern einfach nur tun, was man ihnen sagt und keinerlei Schwäche zeigen. Haarer schreibt in ihrem Buch ganz klar:

"Eine deutsche Mutter kennt keinen Fehler außer dem einen, ihre Kinder zu verzärteln."
So gibt sie klar vor, wie mit Kindern umzugehen ist, denen es offenkundig an nichts fehlt:

"[....] Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszuheben, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, daß es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden" (Haarer, 1939: 170).

Eine weit verbreitete Annahme


Auf keinen Fall also soll ein Kind getröstet werden, weil es sonst so lernen würde, dass es seine Wünsche durch unangemessenes Verhalten durchsetzen kann. Diese Annahme basiert auf den Theorien des Behaviorismus, in denen davon ausgegangen wird, dass Belohnungen (hier Trost und Zuwendung) verstärkend auf ein Verhalten wirken.

Diese Annahme ist bis heute weit verbreitet - und das, obwohl Studien mittlerweile eindeutig ergeben haben, dass Kinder weniger schreien, wenn man sich ihnen zuverlässig zuwendet.

Haarer sah das jedoch anders. Auf "eigensinniges Geschrei" solle man laut ihrem Buch wie folgt reagieren:

"Mit ruhiger Bestimmtheit setzt [die Mutter] ihren Willen weiter durch [...]. Auch das schreiende und widerstrebende Kind muss tun, was die Mutter für nötig hält und wird, falls es sich weiterhin ungezogen aufführt, gewissermaßen "kaltgestellt", in einem Raum verbracht, wo es allein sein kann und so lange nicht beachtet, bis es sein Verhalten ändert. Man glaubt gar nicht, wie früh und wie rasch ein Kind solches Vorgehen begreift" (Haarer, 1939: 265).

Stille Auszeiten

Diese Auszeiten - gerne in Form des "stillen Stuhls" oder der "stillen Treppe" werden ebenfalls heute noch gerne empfohlen. Trost für weinende Kinder ist bei Haarer jedenfalls nicht vorgesehen - selbst bei Schmerzen soll nicht getröstet werden:

"Nicht einmal aus etwaigen Äußerungen des Schmerzes mache man unnötig viel Wesens, selbstverständlich fällt das Kind, das stehen und gehen lernt, viel, stößt sich des Öfteren und schreit und weint dann" (Haarer, 1939: 266).

Es wurde also im Standard-Erziehungsratgeber viele Jahrzehnte generell davon abgeraten, einem Kind Trost zu spenden, weil es das Kind verwöhne und verziehe. Übrig geblieben ist dieses Gedankengut bis heute in Form von "Nun hab dich nicht so!", "Indianer kennen keinen Schmerz" und "Reiß dich mal zusammen!"

Solche und ähnliche Sätze haben die meisten von uns immer und immer wieder in ihrer Kindheit gehört und verinnerlicht. Manchmal möglicher- und glücklicherweise nicht von den eigenen Eltern, aber im alltäglichen Umfeld sind solche Sätze seit Jahrzehnten gang und gäbe, so dass das Bauchgefühl vieler Eltern dagegen nicht rebelliert.

Festzulegen, wie sehr ein Kind leidet, macht uns trostunfähig


Erfolglose Tröstversuche führen oft dazu, dass wir uns hilflos fühlen. Da uns das nicht selten wütend macht, versuchen wir Situationen, in denen Trost erforderlich ist, kleinzureden, um sie schnellstmöglich zu beenden.

Ein nicht unerheblichen Einfluss auf unser Handeln hat dabei unser Umfeld. Uns ist (oft nur ganz) unterbewusst klar, dass es noch immer allgemeine Meinung ist, dass Kinder nicht "verweichlicht" werden sollten.

Jeder kennt Kinder, besonders sensibel sind und ihren Gefühlen freien Lauf lassen - leider sind diese oft als "Heulsusen" oder "Weicheier" verschrien. Das möchten wir unseren Kindern ersparen und wirken daher darauf hin, dass sie vor allem in der Öffentlichkeit möglichst nicht ihre Gefühle wie Wut und Trauer ausleben.

Wir haben zudem auch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sehr ein Kind in einer bestimmten Situation leiden "darf". Fällt es hin und schrammt sich leicht das Knie auf, sind wir durchaus gewillt, es ein bis zwei Minuten zu trösten.

Weint es weiter, finden wir immer mehr, dass es jetzt eigentlich langsam gut sein müsste. Wenn unser Kind schmerzhaft auf den Kopf fällt, dann beurteilen wir die Situation als schlimmer - unsere Tröstbereitschaft steigt und damit auch der Zeitraum, den wir unserem Kind zum Traurigsein zu gestehen. Bricht sich das Kind ein Bein, würden wir es wohl den ganzen Tag trösten, ohne dessen überdrüssig zu sein.

Wenn Kinder traurig oder wütend sind


Bei Situationen, in denen Kinder Wut oder Trauer empfinden, haben wir also eine festgelegte Skala, nach der wir dann bereit sind, Trost zu spenden. Das Problem dabei ist, dass wir den Kummer unseres Kindes klassifizieren.

Nur, wenn wir Dauer und Intensität der Traurigkeit angemessen finden, können wir relativ problemlos trösten. Allerdings liegen zwischen unserer (vermeintlich) sachlichen Einschätzung und dem Empfinden des Kindes manchmal ganze Welten.

Für unsere Kinder entlädt sich der komplette Weltschmerz bei für uns vollkommen trivialen Dingen - sei es eine zerbrochene Banane oder der falsche Löffel. Manchmal sind das jedoch einfach nur Auslöser für Kummer und den wahren Grund kennen wir überhaupt nicht. Wie wollen wir denn dann einschätzen, wie schlimm es wirklich ist?

Oder gar, dass es gar nicht schlimm ist? Wir ziehen dabei unseren (erwachsenen) Maßstab zur Beurteilung heran - ohne ansatzweise zu wissen, was unser Kind genau empfindet. Und das ist für Kinder verwirrend und enttäuschend.

Besonders gut beobachten lässt sich das automatische Klassifizieren bei Stürzen. Fällt ein Kind irgendwo hin, wird in den meisten Fällen sofort ein Erwachsener rufen: "Nichts passiert! Steh auf!" Auch hierbei handelt es sich um erlerntes Verhalten, das seit Jahrzehnten von Generation zu Generation weiter gegeben und kaum hinterfragt wird.

Dabei steht es uns nicht zu, darüber zu urteilen, dass "nichts passiert ist" - denn es ist etwas passiert. Wie schlimm es letztendlich ist, kann nur unser Kind einschätzen. Wir sollten uns dieses Automatismus unbedingt bewusst werden.

Es hilft unserem Kind überhaupt nicht, wenn wir ihm sagen, es sei doch alles nicht so schlimm oder es solle sich nicht so haben - in dem Moment ist es für das Kind aber schlimm - ganz schlimm - genau deswegen weint es ja.

Trösten als Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu bekommen


Manche Eltern sagen: Mein Kind übertreibt aber wirklich ständig. Es jammert rum und ich habe irgendwann einfach keine Lust mehr, darauf einzugehen, weil es immer Lappalien sind. Offenbar scheint das Nichtreagieren jedoch das Problem auch nicht zu beseitigen - man muss Kinder schon sehr dauerhaft vorsätzlich frustrieren, um sie zum Resignieren zu bringen.

Warum also sind manche Kinder so offenkundig übertrieben wehleidig? Ich habe die Motivation dahinter durch meine Tochter erkannt. Auch sie ist eine kleine Übertreiberin, was körperliche Verletzungen angeht. Bei der kleinsten Schramme macht sie einiges Brimborium und ergeht sich gerne in Selbstmitleid. Nun könnte man diese Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten:

Die verbreitetste Reaktion auf so ein "kindisches" Verhalten ist: "Nun stell dich doch nicht so an, da ist doch gar nichts. Das kann doch überhaupt nicht weh tun!" - das war ehrlicherweise auch mein erster Impuls, als ich erkannte, dass sie ziemlich übertrieb.

Ich hatte ja schon erklärt, warum wir auf Gejammere so reagieren (insbesondere bei größeren Kindern) - es ist gesellschaftlich einfach nicht akzeptiert, dass Kinder traurig sind.

Noch immer wird Weinen und Leiden als ein Ausdruck von Schwäche gesehen. Dazu kommt, dass viele Erwachsene oft nicht in der Lage sind, Trost zu spenden und empathisch Zuzuhören - wie denn auch, sie haben es ja auch gar nicht gelernt, weil sie in aller Regel selbst nicht getröstet wurden. Das was unsere Generation gelernt hat ist kurz gesagt:

"Hab' dich doch nicht so"

"Hab dich doch nicht so" und "Heul doch!" Also ignorieren wir den Schmerz, weil wir nicht wissen, wie viel Trost richtig ist und hoffen einfach diffus, dass das Kind "härter im Nehmen" wird und aufhört zu übertreiben.

Knie mit PflasterEin anderer Blickwinkel auf diese Situation wäre, das Jammern als Signal zu sehen, dass sich der Aufmerksamkeitsspeicher des Kindes offenbar dem Ende neigt und ihm eine Extraportion davon sehr gut täte. Auf diesen Gedanken kam ich, als ich bemerkte, wie unterschiedlich mein Kind auf Verletzungen reagierte.

Manchmal zog sie sich im Spiel eine größere Verletzung zu und war so abgelenkt, dass sie diese nicht mal erwähnte und manchmal kam sie zu mir, um mir eine mikroskopisch kleine aufgekratzte Stelle zu zeigen. Sie weiß genau, dass ich ihren Schmerz ernst nehme und genießt meine Zuwendung, die tröstenden Worte und das liebevoll auf den Minikratzer geklebte Pflaster in vollen Zügen.

Auch die winzigste Blessur ernst zu nehmen hat dazu geführt, dass sie ein zuverlässigen Weg hat, ihren Wunsch nach Aufmerksamkeit auszudrücken. Dieser Weg ist für mich deutlich angenehmer, als lautes, wütendes und unangemessenes Verhalten, mit dem unter Umständen sonst das Aufmerksamkeitsbedürfnis geäußert wird.

Und ist ihr Speicher voll, werden auch größere Blessuren ignoriert - von "Verweichlichung" durch zuverlässiges Trösten ist also keine Spur erkennbar.

Natürlich wollen Kinder mit übermäßigem Gejammere unserer Aufmerksamkeit erregen! Nur spricht rein gar nichts dagegen, ihnen diese einfach zu geben - auch wenn ihnen offenkundig rein gar nichts fehlt. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit verschwindet ja nicht dadurch, dass wir es ignorieren, sondern nur, wenn wir es erfüllen. Und das können wir in solchen Situationen mit einem Kuss, einem Streicheln oder einem liebevollen Trösten ganz einfach tun.

Warum Kinder unseren Trost benötigen

Zuverlässige Zuwendung durch Trösten ist zudem dringend erforderlich, damit unsere Kinder zu psychisch gesunden Erwachsenen heranzureifen. Babys kommen mit einem extrem unreifen Nervensystem auf die Welt.

Ihre Fähigkeit, Gefühle zu regulieren, ist zunächst nur sehr schwach ausgebildet und entwickelt sich erst im Laufe der ersten Lebensjahre. Angst, Wut, Stress - all das kann unser Kind zunächst nur mit unserer Hilfe überwinden - erst nach und nach erlernt es Strategien, um unangenehme Zustände selbst zu regulieren.

Was passiert eigentlich in solchen Stresssituationen im Körper? Ist ein Kind aufgeregt, wird zunächst Adrenalin ausgeschüttet, wodurch sich Blutdruck und die Herzfrequenz erhöhen. Die Atmung ist beschleunigt und die Muskeln angespannt - der Körper befindet sich in Alarmbereitschaft.

Werden Kinder nicht ausreichend getröstet, kann das dazu führen, dass Kinder ihr ganzes Leben daran zu knabbern haben.

Hilft einem Kind niemand dabei, sich zu beruhigen, produziert der Hypothalamus im Gehirn größere Mengen des Hormons Corticoliberin. Dieses setzt in der Hypophyse vermehrt Adrenocorticotropin frei, das in der Nebennierenrinde die Produktion von Cortisol anregt. Befinden sich davon über längere Zeit größere Mengen im Körper, wirkt dieses toxisch auf den Körper.

Werden Kinder nicht ausreichend getröstet, kann das dazu führen, dass Kinder ihr ganzes Leben daran zu knabbern haben, sagt der Psychologe Ulrich Tiber Egle: „Es kommt zu ungünstigen Veränderungen im Gehirn, die das Stressempfinden lebenslang beeinflussen". Fehlender Trost wirkt sich auch nachhaltig auf die Eltern-Kind-Bindung aus. Ist diese geschwächt, wird weniger Oxytocin ausgeschüttet.

Dieses Hormon dient u. A. als Andockstelle für das stressbedingt ausgeschüttete Cortisol und "bindet" es sozusagen. Ist im Körper weniger Oxytocin vorhanden, ist der Cortisolspiegel dadurch dauerhaft höher. Die Folge davon kann ein sehr überempfindliches Stressreaktionssystem sein, was häufig zu Alkoholmissbrauch, Depressionen, Angststörungen und psychosomatischen Erkrankungen führt.

Oxytocin aktiviert darüber hinaus den Vagusnerv - unser körpereigenes Stressbewältigungssystem. Dieser reguliert die durch Stress ausgelöste Unordnung im Körper. Der Vagusnerv wird durch Trost stimuliert - er "lernt" quasi, wie man arbeitet, indem er immer wieder - zunächst von außen unterstützt - stimuliert wird.

Mehr Ausgeglichenheit

Im Laufe der Zeit kann er seine Arbeit dann immer besser auch ohne fremde Hilfe erledigen. Das Kind ist also zunehmend besser in der Lage, sich selbst zu beruhigen. Ein gut trainierter Vagusnerv führt zu mehr Ausgeglichenheit, besserem Denkvermögen mit erhöhter Aufmerksamkeit, besserer Kommunikationsfähigkeit und sogar zu einem fitteren Immunsystem.

Gehirnscans von Kindern, bei denen über längere Zeit Kummer und Sorgen nicht weggetröstet wurden, zeigten, dass ihr Hippocampus schrumpft - dieser ist u. A. für das Langzeitgedächtnis zuständig. Das geschieht übrigens auch bei bestimmten Formen von Depressionen und schweren Traumata.

Trösten und Mitfühlen sind wesentliche Faktoren des menschlichen Zusammenlebens. Trost signalisiert: Ich sehe, dass es dir schlecht geht - ich möchte dir dabei helfen, deine Trauer zu bewältigen. Kinder, die in ihrem Kummer liebevoll angenommen und getröstet werden, wachsen mit dem Gefühl emotionaler Sicherheit auf und sind viel offener für die Bedürfnisse anderer.

Wenn jedoch nicht auf ihre Trauer eingegangen wird und diese immer wieder ignoriert oder kleingeredet wird, werden Kinder lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken, weil sie sie als nicht gewollt klassifizieren. Entsprechend werden sie auf die Gefühlsregungen anderer dieses Denken übernehmen und ihnen ebenso gegenübertreten - z. B. mit "Du bist ja vielleicht eine Heulsuse!" Leben Eltern Mitgefühl und Einfühlungsvermögen nicht vor, dann fällt es Kindern extrem schwer, diese Eigenschaften auszubilden.

Bestrafungen hingegen wirken sich zusätzlich negativ auf die Entwicklung der Empathiefähigkeit aus. Daher ist es sinnvoll, wenn man Kinder darauf aufmerksam macht, was ihr Verhalten bei anderen auslöst. "Schau, Ben weint, weil es ihm weh getan hat, als du ihn gehauen hast". Ältere Kinder kann man fragen:

"Wie würdest du dich fühlen, wenn jemand dir so weh tut?" Mit dieser Technik der Induktion vermittelt man Kindern Mitgefühl und das Gefühl für Verantwortlichkeit. Strafen hingegen rufen beim Übeltäter nur Ärger und Wut hervor - es entwickelt kein Verständnis vom Leid des anderen.

Außerdem handelt das Kind künftig nicht aus Einsicht (Ich haue lieber nicht, weil Max das weh tun könnte), sondern zur Vermeidung von Bestrafung (Ich haue nicht, weil ich sonst Ärger bekomme) - das jedoch nur dann, wenn die Gefahr besteht, ertappt zu werden. Zuverlässig getröstete Kinder sind besser in der Lage, anderen ebenfalls Trost zu spenden

Jeden Kummer ernst nehmen

Wir sollten uns daher zu eigen machen, jeden Kummer ernst zu nehmen und uns vornehmen, in solchen Situationen zu versuchen, immer so empathisch wie möglich zu sein und so viel Trost zu spenden, wie erforderlich ist - ohne Wertungen vorzunehmen. Dazu gehört auch, bei Stürzen und Verletzungen zu fragen, wie es dem Kind geht, statt ihm unsere Einschätzung vorab mitzuteilen.

"Richtig" Trost spenden
"Ist doch nicht schlimm!?"

Trost ist nicht gleich Trost - hört man mal aufmerksam hin, wird man bemerken, dass viele unbewusst dazu neigen, Kummer wegzureden. Sie wenden sich zwar ihrem Kind liebevoll zu, sagen dann jedoch Sätze wie:

"Ist doch überhaupt nicht schlimm!"
"Es gibt doch keinen Grund zu weinen!"
"Ist doch nichts passiert!"

Doch! Das Kind weint und ist unglücklich - es braucht gerade niemanden, der ihm sagt, dass die Situation nicht schlimm ist. Meist meinen wir eigentlich, dass es für uns nicht so schlimm ist - der herunter gefallene, in tausend Teile zersprungene Teller macht uns nichts aus - unser Kind ist jedoch offensichtlich untröstlich und erschrocken.

Daher ist es sinnvoller, beim Trösten die Situation zu Beschreiben. Für das Kind ist es sehr tröstlich, wenn es merkt, dass wir seinen Kummer erkennen und ernst nehmen. Statt "Ist doch nicht schlimm!" ist es besser zu sagen: "Oh, der Teller ist herunter gefallen! Du hast dich erschreckt und bist jetzt ganz traurig deswegen". Das bewertet die Situation nicht und dass es für uns nicht schlimm ist, erkennt das Kind an unserer ruhigen und besonnenen Reaktion.

Trösten begleitet Weinen

Trost sollte nicht dazu dienen, das Weinen zu beenden, er sollte vielmehr das Weinen begleiten. Um Traurigkeit zu überwinden, braucht es die liebevolle, zugewandte Nähe eines nahestehenden Menschen. Das Gefühl muss verarbeitet und ausgelebt werden und dazu sind Zeit und Zuwendung notwendig.

Nur jemand, der sich wirklich angenommen fühlt, kann Trauer durchleben und gestärkt aus ihr hervorgehen. Wir müssen dabei nicht reden, wir müssen nicht beschwichtigen, keine Lösungen finden, wir müssen im Grunde gar nichts tun, außer zu signalisieren: "Ich bin hier und für dich da!" Ganz besonders tröstend ist Körperkontakt - ein Kind in die Arme zu nehmen und Haut an Haut kuscheln wirkt stark beruhigend. Auch monotones Streicheln oder Massieren beruhigt Kinder zusätzlich.

Auch wenn es verlockend ist und meistens gut funktioniert: Ablenken hilft unseren Kindern langfristig gesehen nicht. Denn es nimmt ihnen die Chance, ihre eigene Stressregulation aufzubauen. Außerdem signalisiert es ganz unterbewusst, dass wir den Kummer in dieser Situation nicht für angemessen halten - wie soll das Kind sich und seine Traurigkeit ernst genommen fühlen, wenn plötzlich ein vollkommen anderes Thema angesprochen wird?

Trost bei Schmerzen

Cover Pusten, Trösten, Pflaster draufEtwas anders sieht es aus, wenn Kinder sich weh getan haben - manchen Kindern tut nach tröstenden Worten Ablenkung sehr gut, weil sie sich sonst sehr stark auf den Schmerz konzentrieren. Studien haben gezeigt, dass Schmerzen durch Ablenkung schneller vergehen. Wichtig ist dabei ist jedoch auch wieder, den Schmerz nicht zu bagatellisieren. "Beiß die Zähne zusammen!" ist also auch hier völlig fehl am Platz.

Ein "Wollen wir ein Buch vorlesen, wenn es besser geworden ist?" gibt den Kindern ihr eigenes Tempo und ermöglicht ihnen, selbst zu entscheiden, ob es "es wieder gut" ist. Es gibt aber auch Kinder, die ihre Schmerzen gerne verarbeiten wollen, also genau rekapitulieren wollen, was genau geschehen ist und bei denen die Aufmerksamkeit eher dazu führt, dass der Schmerz abklingt.

Kleine Trostrituale helfen oft, dass Kinder sich schneller beruhigen. Trostverse oder auf die Wunde pusten mögen viele Kinder. Wenn es sich um Abschürfungen handelt, sollte man jedoch auf das Pusten verzichten - das fördert die Verbreitung von Bakterien. Viele Kinder tröstet es, wenn ihre Eltern ihnen etwas vorsingen. Im Kühlschrank sollte immer ein Kühlpad liegen - allein das Ritual, diesen auf eine Wunde zu legen, beruhigt viele Kinder. Sie haben damit das Gefühl, aktiv etwas gegen den Schmerz tun zu können.

Trostsüßigkeiten keine Lösung


Was ich immer wieder beobachte ist die Gabe von Trostsüßigkeiten. In der Hoffnung, das Kind abzulenken, werden Gummibärchen oder anderes Naschwerk angeboten. Auch dieses Ablenken führt dazu, dass das Kind nicht lernt, seine Trauer zu bewältigen, sondern sie zu unterdrücken, um die "Belohnung" zu erhalten.

Außerdem ist die Verknüpfung "Mir geht es nicht gut" mit "Ich esse dann etwas Süßes" fatal, weil die Gefahr besteht, dass dieses Verhalten beibehalten wird und damit über kurz oder lang Kummerspeck droht. Außerdem kann Tröstnaschwerk natürlich die Tendenz zur Überdramatisierung erhöhen.

Ebenso kritisch sehe ich die Gabe von Globuli, da sie im Grunde genauso funktionieren, wie Trostgummibären. Für unsere Kinder ist es wichtig, zu lernen, mit der Trauer umzugehen - und nicht, dass für jedes Problem ein Mittelchen im Medizinschrank steht.

Kinder wachsen an ihrer Traurigkeit und Entwickeln ganz von allein Bewältigungsstrategien aus sich heraus. Sind diese stabil ausgebildet, ist die Gefahr, später zu Alkohol oder Drogen zu greifen um Kummer und Sorgen zu ertränken, deutlich geringer.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V." möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen."Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
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