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Wilde Tiere, Topmodel-Partys, Nebelmaschinen - was ich als Organisatorin von Kindergeburtstagen erlebe

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KINDERBDAY
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Unzählige Luftballons schweben durch die Luft, Stelzenläufer balancieren über die Wiese, Jongleure machen ihre Kunststücke. Am Zaun stehen Pferde, direkt neben einer Dschungelrutsche und einem Kinderkarussell. Währenddessen erklingen fröhliche Töne aus einer Drehorgel.

Was wie ein Volksfest aussieht, ist in Wirklichkeit der Geburtstag eines
Zehnjährigen - auf 8000 Quadratmeter Gartenfläche. Für dieses Fest zahlen Mama und Papa einen Beitrag im vierstelligen Bereich.

Überbieten bis ins Grenzenlose

Kindergeburtstage werden immer mehr zu einem Event. Die Eltern überbieten sich gegenseitig bis ins Grenzenlose. Ich weiß das, denn ich verdiene seit neun Jahren mein Geld damit, Kindergeburtstage zu veranstalten.

In meiner Agentur Tollkids in München organisiere ich mit meinen vier Kolleginnen Geburtstagsfeiern und machen Kindern ihren besonderen Tag unvergesslich. Wir "Kindergeburtstagsmacher" bieten beispielsweise ein einfaches Rundum-Glücklich-Paket an. Das kostet 590 Euro plus Mehrwertsteuer.

Darin enthalten: Zwei Animateure, die mit den Kindern spielen, singen, basteln und malen. Für 2,5 Stunden, für bis zu zwölf Kinder. Im Preis inbegriffen sind außerdem ein kleines Geschenk für jeden Gast, Kuchen und Muffins - die Einladungskarten werden auf Wunsch vorab verschickt.

Individuell können die Eltern Zauberer, Clowns oder Marionettenspieler dazubuchen. Und: Falls sie keine Zeit haben, ihrem Kind ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen, kaufen wir eines und bringen es schön verpackt zur Geburtstagsfeier mit.

Mehr zum Thema: Ich habe einen neuen Trend auf Kindergeburtstagen beobachtet - er könnte unsere Kinder krank machen

An Aufträgen mangelt es uns nicht. Unsere Kunden kommen in erster Linie aus der Stadt. Finanziell geht es ihnen gut, die meisten sind aus der oberen Mittelschicht oder der Oberschicht. Oft arbeiten sie sehr viel.

Bei den Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen, kommen zwei Faktoren zusammen: viel Geld und keine Zeit.

Und da kommt jemand, der die Party gegen Geld schmeißt, genau richtig. Der Preis ist dabei oft unwichtig. Und damit eröffnen sich natürlich zahlreiche Möglichkeiten.

Eltern haben immer speziellere und ausgefallenere Wünsche. Es muss etwas besonderes sein. Die Kinder sehen, wie groß andere Kinder feiern - und wollen mindestens eine genauso große Party für ihren Geburtstag.

Affen, Papageien und Schlangen für die Geburtstagsfeier

Einmal rief mich eine russische Mutter an und fragte nach wilden Tieren. Sie wollte für die Geburtstagsfeier ihres Kindes Affen, Papageien und Schlangen. Diesen Auftrag konnten wir nicht realisieren - wir konnten die Tiere mit unseren Kapazitäten nicht auftreiben.

Ein anderes Mal veranstalteten wir eine Topmodel-Party. Mit Catwalk, Starfriseur und Make-Up-Artist. Die Kinder wurden für 2,5 Stunden in Heidi Klums Mädchen verwandelt.

Als ich vor neun Jahren anfing, Kindergeburtstage zu planen, wollten Eltern Partys für rund zwölf Kinder buchen. Doch bald reichten zwölf Gäste nicht mehr aus, da ging nichts mehr unter 30 Partybesuchern.

Manche Eltern schickten Assistenten mit tausenden von Euros als Anzahlung in unserer Agentur vorbei. Die Kinder dieser Eltern wachsen in einer Welt auf, in der Geld keine Rolle spielt.

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Die Geburtstage meiner Tochter habe ich schon immer ganz anders gefeiert. Es gab keinen aufwendigen Schnickschnack.

Wir unternahmen Dinge wie Pferdereiten im alten Dorfstall mit ein paar ihrer Freundinnen. Viele fragten mich: "Du hast so viele Möglichkeiten, wünscht sich deine Tochter denn nicht auch etwas Ausgefallenes für ihre Geburtstagsfeier?"

Aber genau das versuche ich zu vermeiden. Meine Tochter soll ihren besonderen Tag mit Freunden genießen. Dabei ist es nicht wichtig, wie teuer die Geburtstagstorte war. Und wenn sie jetzt solche überirdischen Partys feiert, was macht sie dann an ihrem 18. Geburtstag - auf den Mond fliegen?

Es ist ein Teufelskreis

Doch viele Eltern sehen das anders. Und eigentlich ist es kein Wunder, dass sie unter Druck stehen. Denn sie müssen nicht nur die anderen Eltern, sondern auch den Geburtstag des eigenen Kindes vom Vorjahr toppen. Es ist ein Teufelskreis.

Meine Vorschläge waren oft nicht ausgefallen genug: "Ne, das hatten wir schon." Oder: "Das Piratenmotto hatte der Klassenfreund vor zwei Monaten schon, wir brauchen etwas besseres", haben Eltern oft zu mir gesagt.

Dann wurde es eben die Star Wars Nachahmung in einem Kellergewölbe mitten in der Stadt, mit Nebelmaschinen und Laserschwertern auf einem rekonstruierten Planeten.

Da frage ich mich: Wollen die Eltern wirklich den Wünschen ihres Kindes gerecht werden oder nur besser sein als die anderen Eltern? In zwei Jahren wird sich das Kind wahrscheinlich ohnehin nicht mehr daran erinnern, ob der Kuchen zehn oder 100 Euro gekostet hat.

Mehr zum Thema: Der Kindergeburtstag - ein Geschenk für alle anderen Eltern

Die Eltern müssen entscheiden, was ihr Kind erwarten kann und auch, wo die Grenzen der Geburtstagsfeier liegen. Ein Kind würde freiwillig wohl kaum auf den Magier oder die Riesenrutsche verzichten, weil es das zu übertrieben hält.

Wie es sich auswirkt, wenn Eltern ihren Kindern keine Grenzen setzen, hat mir ein Vorfall gezeigt. Bei einer Geburtstagsfeier stand ein Kind mit Armen in den Hüften vor mir und schnaubte: "Ich wollte das aber anders. Weißt du eigentlich, wer mein Papa ist?"

Eltern sind Vorbilder für ihre Kinder. Und sie ahmen das nach, was ihnen Mama und Papa vorleben. Leider ist das nicht immer positiv.

Was ich allerdings auch seit einigen Monaten beobachte: Eltern tendieren wieder zu etwas traditionellen Geburtstagsfeiern. Sie zahlen für eine Geburtstagsfeier, bei der es am Ende so aussieht, als hätten sie sie selbst organisiert.

Das Gespräch wurde von Meltem Yurt aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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(ks)