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"Man sieht ihn nicht mehr, aber der Hass ist immer noch da"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CLAUSNITZ
Reuters Staff / Reuters
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Die Bilder aus Clausnitz gingen um die Welt. Sie zeigten das hässliche Gesicht Deutschlands: Etwa 100 pöbelnde Demonstranten blockierten einen Bus mit Flüchtlingen. Der Mob grölte ausländerfeindliche Parolen und skandierte "Wir sind das Volk!".

Die Ausschreitungen am 18. Februar 2016 sind nun genau ein Jahr her. Was hat sich seitdem geändert?

Ich kann mich noch genau an den Abend erinnern. Wir Helfer haben auf den Bus gewartet.

Die Ankunft hat sich immer weiter verzögert. Zugleich sind immer mehr Leute zur geplanten Flüchtlingsunterkunft gekommen.

Ich hab in ihre Gesichter gesehen. Es war sehr deutlich zu sehen, dass sie nichts gutes wollten. Die negative Stimmung war spürbar - Ärger lag in der Luft.

Die Polizei hat versucht zu vermitteln, aber es half nichts

Als der Bus dann endlich kam, blockierte eine riesige Meute die Straße. Auch ein Traktor wurde dazu verwendet. Das waren zum Teil Leute aus dem Ort, aber auch viele Fremde. Ich würde gerne wissen, woher sie wussten, dass damals der Bus kommen sollte.

Die Polizei hat versucht zu vermitteln und zu beruhigen, doch nichts half. Es wurde laut. Nichts ging mehr. Weder vor noch zurück.

Als der Bus endlich die Unterkunft erreichte, wurde es noch lauter. Die Menge grölte und brüllte. Ich hatte Angst, wir Helfer hatten Angst. Und natürlich waren auch die Flüchtlinge total verängstigt. Das sicherste war, die Menschen so schnell wie möglich ins Haus zu bekommen

Wir haben uns gefragt: Wie geht es weiter?

In den ersten Tagen danach haben wir uns intensiv um die neuen Gäste gekümmert: 22 Flüchtlinge aus Syrien, Iran, Libanon und Afghanistan, davon fünf Kinder.

Kurz nach dem Vorfall waren viele Menschen neugierig

Wir haben ihnen den Ort gezeigt: wo kann man einkaufen, wo und wann fahren die Busse. Die Flüchtlinge haben von uns Mappen mit Telefonnummern und Ansprechpartnern bekommen.

Wir verbrachten viel Zeit mit ihnen. Die Helfer besorgten Möbel und Haushaltsgegenstände für die Wohnungen, wir organisierten Kindergarten- und Unterrichtsplätze für die Kinder,

Kurz nach den Vorfällen waren viele Menschen aus Clausnitz neugierig und haben mal vorbeigeschaut. Einige haben später auch bei uns mitgemacht. Allerdings ist die breite Mehrheit im Ort still geblieben.

Man sieht ihn nicht mehr, doch der Hass ist immer noch da. Die Ausschreitungen wurden im Ort ignoriert und ausgeschwiegen. Die Dorfgemeinschaft war geschockt über das, was passiert war.

Es gab keine Vorfälle mehr

Darüber wurde und wird nicht geredet. Und wenn, sagen viele: "Das geht mich nichts an."

Ich sehe eine Spaltung, aber kein Gegeneinander. Jeder macht seins.

Immerhin: Es gab keine Vorfälle mehr, kein Flüchtling wurde angegriffen oder bepöbelt. Aber es gibt natürlich noch Clausnitzer, die sagen, dass wir die nicht brauchen. Diese Stimmen sind aber nicht hör- oder spürbar.

Und einige, die vorher Vorbehalte hatten, haben mittlerweile gesehen, dass das auch nur Familien sind, die hier wohnen wollen und nicht stören.

Ich denke, im Moment ist es gut, so wie es ist. Wir haben jetzt ein paar mehr Flüchtlinge. Einige sind weggezogen, andere mussten ausziehen, neue kamen. Babys wurden geboren und eine Familie hat sich taufen lassen.

Es herrscht wieder Normalität in Clausnitz - zumindest auf den ersten Blick.

Der Text wurde von Marco Fieber protokolliert.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..